420 "Gefährder" leben in Deutschland

18. November 2015, 18:36
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Die Jihadisten sind jünger als noch vor einigen Jahren und radikalisieren sich schneller

Die Absage des Fußballspiels in Hannover hat deutlich gemacht, was Sicherheitsbehörden seit Jahren erklären: Auch Deutschland ist im Visier von islamistischen Terroristen. Bisher hatte das Land auch einfach nur Glück. Einen großen islamistischen Anschlag gab es nicht – wenngleich durchaus welche in Planung waren.

Die sogenannte "Sauerlandgruppe" – bestehend aus vier Männern – flog 2007 auf, noch bevor sie ihre mit Sprengstoff geplanten Anschläge ausführen konnte. Die Polizei tauschte damals die Wasserstoffperoxid-Mischung rechtzeitig aus; der Tipp war zuvor von US-Geheimdiensten gekommen. Die vier Männer sind mittlerweile zu langen Haftstrafen verurteilt worden.

"Kofferbomber"

Im Sommer 2006 schockierten versuchte Anschläge mit Kofferbomben in Regionalzügen (Koblenz, Köln) die Bevölkerung. Die Bomben hätten enorme Sprengkraft gehabt. Allerdings konnten sie wegen eines Konstruktionsfehlers nicht gezündet werden. Die "Kofferbomber" wurden später ebenfalls zu Haftstrafen verurteilt,

Der deutsche Verfassungsschutz rechnet in Deutschland rund 43.000 Menschen zur islamistischen Szene, etwa 1000 Menschen zum "islamistisch-terroristischen" Spektrum. Darunter sind inzwischen etwa 420 sogenannte Gefährder, denen die Polizei Terroranschläge oder andere schwere politisch motivierte Gewalttaten grundsätzlich zutraut und die daher besonders im Visier der Sicherheitsbehörden stehen.

Keine deutsche Sonderrolle

"Dabei ist Deutschland in keiner Sonderrolle, auch in anderen europäischen Ländern ist eine vergleichbare und teilweise noch deutlich stärkere Radikalisierung zu beobachten", sagt der deutsche Innenminister Thomas de Maizière (CDU). Bundesweit laufen derzeit mehr als 500 Ermittlungsverfahren gegen 800 Beschuldigte aus dem islamistischen Spektrum. Seit 1990 sind in Deutschland 15 islamistische Organisationen verboten worden.

Laut den deutschen Sicherheitsbehörden sind die Jihadisten jünger als noch vor einigen Jahren, und sie radikalisieren sich deutlich schneller. "Manchmal dauert es nur wenige Monate oder Wochen, bis eine Person nach Syrien reist. Viele dieser Extremisten haben Brüche im Lebenslauf. Vielfach sind sie auch durch allgemein kriminelle Straftaten auffällig geworden. Häufig hatten sie zudem vor ihrer Ausreise Kontakte zu Salafisten, etwa bei Koran-Verteilaktionen", sagt BKA-Chef Holger Münch.

Das Bundeskriminalamt hat Erkenntnisse zu rund 750 Personen aus Deutschland, die Richtung Syrien und Irak gereist sind. Rund ein Fünftel der Ausgereisten seien Frauen, die sich zurzeit in Syrien und im Irak aufhalten. "Etwa ein Drittel der ausgereisten Personen befindet sich wieder in Deutschland", so Münch. Als Hochburg der Salafisten gilt in Deutschland Nordrhein-Westfalen. (Birgit Baumann, 18.11.2015)

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