Sturmangriff in der schlafenden Stadt

18. November 2015, 21:13
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Am Mittwoch kam es in dem Pariser Vorort Saint-Denis zu einem Großeinsatz der Polizei. Der Drahtzieher der Anschläge von Paris wurde dort in einer Wohnung vermutet. Zwei Verdächtige wurden getötet

Die Einwohner von Saint-Denis brauchten am Mittwochmorgen keinen Wecker. Das Stakkato von Sturmgewehren und schwere Detonationen rissen sie zehn Minuten vor fünf aus dem Schlaf. "Es wurde wild geschossen, es war wie Krieg, wie eine Guerilla-Operation", berichtete später ein Bäcker aus der Fußgängerzone des Stadtzentrums.

Eine Bewohnerin in der Rue de la République schaute zum Fenster hinaus und sah, wie sich vermummte Elitepolizisten mit äußerster Vorsicht vorwärtsbewegten. Als die Frau, wie ein Nachbar später erzählte, fragte, was sie tun solle, rief ihr einer brüsk zu: "Hände hoch! Wenn Sie sich bewegen, schießen wir!"

Stundenlange Schusswechsel

Auch bei Hausnummer 8 der Rue du Corbillon ließen sich die Polizisten nicht auf Verhandlungen ein. Im dritten Stockwerk brachten sie eine Sprengladung vor einer Tür an. Die folgende Explosion war der Beginn eines stundenlangen Gefechts. Aus der Wohnung wurde sofort geschossen. Die Polizei setzte leichte und schwere Feuerwaffen ein.

Minutenlang hallten Salven durch die Straßen, während Polizisten in den Nachbarstraßen zu den sich öffnenden Fenstern hochschrien: "Fenster zu! Rollläden runter!" Während einer Feuerpause schickten Elitepolizisten einen Hund in die Wohnung vor. Als er über die Schwelle sprang, wurde er sofort erschossen.

foto: reuters/christian hartmann
foto: reuters/benoit tessier
Schauplatz Saint-Denis: Rettungskräfte versorgen einen verletzten Polizisten der Antiterroreinheit RAID (unten), während ein Verdächtiger ohne Hose abgeführt wird.

Dann kehrte im Viertel eine prekäre Ruhe ein. Kurz vor sechs Uhr ein neuer Angriff, dann eine Explosion. Wie sich nachher herausstellte, hatte sich eine Frau mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft gejagt – ein Novum für die an vieles gewöhnten Terrorspezialisten, ein Novum auch für Frankreich.

Jetzt setzten die Angreifer Schreck- und Blendgranaten ein, um die verbliebenen Schützen aus der Deckung der zertrümmerten Wohnung zu locken. Um 7.30 Uhr legte sich wieder Stille über die Gassen des einstigen Dorfes Saint-Denis, in dessen Kathedrale die französischen Könige begraben sind – und dessen Stadtzentrum zu den "heißesten" Banlieue-Zo nen um Paris gehört. Nochmals Schüsse; dann verließen Dutzende von Polizisten das Haus mit zwei festgenommenen Männern.

Die Bevölkerung wurde aufgefordert, in den Häusern zu bleiben. Mittlerweile waren Live-Kameras der Newssender eingetroffen. Eine verschleierte Frau namens Sabrine erzählte, wie sie mit ihrem Baby den Sturmangriff erlebt hatte: "Wir hörten Detonationen. Die Wohnung erzitterte."

Dann erzählte ein gewisser Jamal, er habe das gestürmte Studio ein paar Leuten vermietet, er wisse aber von nichts. Was nicht auf den Bildschirmen zu sehen war: Gegen 10.30 Uhr wurden Jamal und seine Freundin verhaftet.

foto: afp photo / francois guillot
Innenminister Cazeneuve bei der Polizei in Saint-Denis.

Die Bilanz: Zwei Verdächtige tot, acht verhaftet. Sie sollen an der Organisation der Anschläge vom Freitag beteiligt gewesen sein. Außerdem fünf verletzte Polizisten, ein verletzter Passant, ein erschossener Hund und 5000 abgefeuerte Schüsse.

Wurde Abdelhamid A. in Saint-Denis festgenommen? Das verneinte Staatsanwalt François Molins bei einer Pressekonferenz am Abend: Der "Kopf" der Anschläge vom Freitag sei nicht unter den Festgenommenen.

Zielperson Abdelhamid A.

Zur Identität einer zweiten in der Wohnung gefundenen Leiche – neben der Frau, die sich selbst in die Luft gesprengt hatte – konnte Molins keine Angaben machen.

Die Washington Post hatte unter Berufung auf "europäische" Geheimdienstquellen berichtet, bei der Polizeiaktion sei Abdelhamid A. getötet worden. Eine Bestätigung gab es dafür vorerst nicht.

Abgehörte Telefongespräche hatten die Polizei auf die Spur in Saint-Denis gebracht. Durch den Zugriff wurde möglicherweise auch ein weiterer Anschlag im Geschäftsviertel La Défense verhindert, sagte der Staatsanwalt.

Neben dem möglichen Drahtzieher sucht die Polizei weiter nach dem flüchtigen Saleh Abdeslam, einem in Belgien lebenden Franzosen, der möglicherweise an dem Anschlag beteiligt war. Wie jetzt bekannt wurde, wurden er und sein Bruder Brahim, der unter den Selbstmordattentätern von Paris war, Anfang 2015 von belgischen Ermittlern schon einmal verhört. Sie seien aber nicht weiter beobachtet worden, weil "keine Anzeichen einer möglichen Bedrohung" vorgelegen seien, erklärte die Staatsanwaltschaft in Brüssel.

Brahim habe versucht, nach Syrien zu reisen, habe es aber "nur bis in die Türkei geschafft", sagte Behördensprecher Eric Van Der Sypt. "Er wurde bei seiner Rückkehr verhört, sein Bruder ebenso."

Unterdessen würdigte Staatspräsident François Hollande die "Kaltblütigkeit" der Elitepolizei: Die Kommandoaktion habe bestätigt, "dass wir im Krieg sind".

Kritik musste Hollande aber von Oppositionsführer Nicolas Sarkozy hinnehmen: Er warf Hollande schwere politische Versäumnisse in der Sicherheitspolitik vor. Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo im Jänner sei "zu viel Zeit" verloren worden, kritisierte der Ex-Staatschef in einem Interview mit Le Monde. (Stefan Brändle aus Saint-Denis, 18.11.2015)


Frankreichs Anti-Terror-Einheit RAID

Was den Österreichern die Cobra und den Deutschen die GSG9, das ist den Franzosen die Sondereinheit RAID. Das Akronym bedeutet "Recherche, Assistance, Intervention, Dissuasion" – also: Suche, Unterstützung, Intervention, Abschreckung. Dass der Begriff sowohl im Französischen als auch im Englischen "Überfall", "Vorstoß" oder auch "Kommandounternehmen" bedeutet, ist wohl kaum ein Zufall.

Analog zu ihren Schwesterorganisationen in Österreich und Deutschland ist auch RAID als Spezialeinheit zur Bekämpfung des Terrorismus Teil des nationalen Polizeiapparats – und damit dem Innenministerium unterstellt. Sie wurde nach einer Reihe von Bombenanschlägen in Frankreich im Jahr 1985 gegründet.

Im Gegensatz zu anderen Organisationen der französischen Exekutive können sich nicht nur Polizisten, sondern Personen aus allen Bereichen bei RAID bewerben. Da die Truppe nur 300 Personen stark ist, darunter zwei Scharfschützinnen, sind die Selektionskriterien rigoros.

Diese kleine Gruppe ist wiederum in drei Gruppen geteilt: Eine ist für Aktionen gegen Gewalttäter sowie für Überwachung und Personenschutz zuständig; die zweite Einheit ist spezialisiert auf Technik und das Sammeln von Informationen; und die dritte Gruppe widmet sich der psychologischen Komponente der Einsätze, also etwa Verhandlungsführung oder Hilfe bei Suizidandrohungen.

Jüngste spektakuläre Einsätze von RAID waren 2012 eine Mordanschlagsserie in Toulouse sowie das Attentat im Jänner dieses Jahres auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris. Auch am vergangenen Freitag war RAID bei der Erstürmung der Konzerthalle Bataclan in Paris im Einsatz. (gian)

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