"Wir müssen auf das Herz des Terrors zielen: die Finanzierung"

Interview19. November 2015, 09:45
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Der russische Antiterrorexperte Alexej Filatow rät, alten Streit zu vergessen und vor allem die Finanziers des Terrors zu bekämpfen

STANDARD: Sind die Airbus-Explosion über dem Sinai und die Anschläge in Paris miteinander verbunden?

Filatow: Ich bin von Anfang an davon ausgegangen, dass es ein Anschlag auf das Flugzeug war – bevor es nun offiziell bestätigt wurde. Theoretisch ist es möglich, dass jemand der sogenannten gemäßigten Opposition für den Absturz verantwortlich ist, aber am wahrscheinlichsten ist die Beteiligung des "Islamischen Staates", der in beiden Fällen die Verantwortung übernommen hat.

STANDARD: Also stehen dieselben Männer dahinter?

Filatow: Der IS ist eine sehr dezentralisierte Organisation. Es gibt kein Oberkommando, das alles lenkt und konkrete Aktionen plant; dafür gibt es viele voneinander unabhängige Zellen mit großen Möglichkeiten, Schaden anzurichten. Vorgegeben ist nur die generelle Linie, also Angriffsziele.

STANDARD: Was sind denn die primären Ziele der Terroristen?

Filatow: Die USA, Frankreich und Russland gehören dazu. Alle Länder, die in der einen oder anderen Weise in Syrien aktiv sind. Ich wäre nicht überrascht, wenn die Saudis den IS unterstützen.

STANDARD: Gibt es denn Analogien zum IS aus früherer Zeit in Russland?

Filatow: Etwas Ähnliches von der Struktur her gab es in den 1990er-Jahren in Russland mit dem Emirat Kaukasus.

STANDARD: Was muss passieren?

Filatow: Bisher gab es Streit über die Legitimation Assads oder der Opposition. Nun haben alle Seiten verstanden, dass die bisherige Kampfführung sinnlos ist. Es ist wie auf der Jagd. Man darf ein Tier nicht verletzen, sondern muss es erlegen. Nichts ist gefährlicher als ein verletztes und in die Enge getriebenes Wild. Wir müssen uns also auf einen gemeinsamen Feind verständigen und ihn liquidieren. Notfalls, wie Putin sich einmal ausdrückte, auch auf dem Klo.

STANDARD: Gibt es denn einen totalen Schutz vor Terror?

Filatow: Die Terrorgefahr in Europa und Russland ist derzeit sehr hoch. Es werden dutzende, vielleicht sogar hunderte Anschläge vorbereitet. Das Problem ist, dass wir die Orte absichern, die Terroristen schon getroffen haben. Wir müssen aber einen Schritt weiter denken. Um den Terror zu besiegen, müssen seine Quellen angegriffen werden. Wir müssen auf das Herz zielen, also die Finanzierung ausschalten. Und wir dürfen keine Panik verbreiten, denn das ist ein Ziel der Terroristen.

STANDARD: Welche Sicherheitsmaßnahmen sind denn nötig?

Filatow: Metalldetektoren garantieren keine Sicherheit. Prophylaxe ist viel wichtiger. Wir müssen die Terroristen zur ständigen Flucht zwingen, dürfen ihnen keine Atempause gönnen. Wenn sie um ihr Leben laufen müssen, können sie keine Attentate planen. (André Ballin, 19.11.2015)

foto: privatarchiv
Alexej Filatow (50) ist Vizepräsident des Veteranenverbands der russischen Antiterroreinheit Alfa und Oberstleutnant des Geheimdiensts FSB im Ruhestand.
  • Ein Wrackteil des Ende Oktober auf der Sinai-Halbinsel abgestürzten Airbus A321.
    foto: apa/epa/maxim grigoriev / russia

    Ein Wrackteil des Ende Oktober auf der Sinai-Halbinsel abgestürzten Airbus A321.

  • Die Spurensicherung im Einsatz nach einer Hausdurchsuchung im Pariser Vorort Saint-Denis.
    foto: afp photo / eric feferberg

    Die Spurensicherung im Einsatz nach einer Hausdurchsuchung im Pariser Vorort Saint-Denis.

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