Was macht ein Partisan in der Glühbirne?

Glosse19. November 2015, 08:00
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Ganz klar, dass niemand Deutscher sein will, wenn wir Partisanen und Deutsche spielen. Bei den Witzen ist es ähnlich

In meiner Kindheit sind sie überall. Als Schatten in den Geschichten von Oma und Opa und ihren Genossen. Schatten, die noch immer in den Wäldern des Papuk wabern. Und als real existierender Hauptpartisan und Vater der Revolution Josip Broz "Tito". Mit dem Opa auf Weltreise geht.

Darkwood von Slawonien

Die Wälder des Papuk sind so dunkel und tief, sagt mir mal einer, dass heute noch Partisanen herauswanken. Und Deutsche. Einmal reite ich auf der Stute meines Großonkels Alojz in die Ausläufer des Papuk, die bei Pakrac zu den Feldern Pannoniens werden. Schon nach zwei, drei Kilometern wird es so düster, dass selbst die gutmütige Stute nimmer will. Weil ich ohne Sattel reite, bleiben an meinem Arsch noch wochenlang schrundige Wunden.

Oma erzählt immer von ihrem jüngeren Bruder Zlatko, der erst 16 ist und flink und stark. Deswegen ist er bei den Partisanen Kurier. Er schmuggelt Zeitungen, die im Wald gedruckt werden, nach Slavonska Požega, Pleternica und Slavonski Brod. Für solche Tätigkeiten ist die Todesstrafe zu erwarten. Auf einer dieser Zeitungen steht: "Wer sind unsere Freunde? Die UdSSR, England und Amerika!"

Die Oma wird oft als Horchposten eingesetzt, wenn die Partisanen eine der wenigen Straßen durch den Papuk queren. Sie hat so gute Ohren, dass sie im Wald die Motoren von Lastwagen aus drei Kilometer Entfernung hört. In späteren Geschichten der Oma werden das zehn Kilometer.

Der Mann mit dem Plan

Das ist immer und nur Drug (Genosse) Tito. Opa erklärt mir, warum Tito gut ist. Er ist gut, weil er nicht der Chef ist, sondern mit verdienten Partisanen Jugoslawien leitet. Die wussten schon, wo es langgeht, um die Nazis rauszuwerfen, und die wissen, wie es weiter langgeht. Bis in alle Ewigkeit. Ich glaube ihm alles, weil ich erst sechs bin. Und Opa ist kein Dummkopf, sondern weiß nur nicht, wie er es einem Kind anders erklären kann.

Aber es bleibt eine sakrosankte Aura rund um Tito. Insofern, als aus Vorsicht gar nicht erst viel über ihn geredet wird. Dafür in der Schule. Absolut ikonografisch ist das Bild des verwundeten Drug Tito vor der Höhle bei Drvar, wo das Hauptquartier ist. Und zehntausende Deutsche fangen ihn nicht. Und zehntausende Ustaša fangen ihn nicht. Und zehntausende Četnici fangen ihn nicht. Es streift den Ober-Babo aller Partisanen nur eine verirrte Kugel.

Später wird Tito von Richard Burton im Partisanenepos (oder Schinken, wie es beliebt) mit dem Titel "Sutjeska" gespielt. Noch später spielt Richard Burton Feldwebel Steiner in "Das Eiserne Kreuz 2". James Coburn ist als Steiner besser.

Drei dicke Deutsche

Ganz klar, dass niemand Deutscher sein will, wenn wir Partisanen und Deutsche spielen. Bei den Witzen ist es ähnlich. Über Partisanen will keiner welche erzählen. Als ob es sie nicht gibt. Dafür sind unter Kindern Witze über die drei dicken Deutschen beliebt. Immer sind sie dick, die Deutschen. Immer schnaufen sie beim Gehen, und ihre dauernd schwitzende deutsche schweinchenrosa Haut verbrennt feuerrot in unserer adriatischen Sonne.

Doch hinter der legendär vorgehaltenen Hand gibt es sie. Harmlos, aber unausgesprochen verboten und Grund genug für einen Aufenthalt auf der "Nackten Insel". Da, wo die Witzeerzähler und Feinde des Volkes hinkommen. Es sind Witze wie dieser: "Was macht ein Partisan in der Glühbirne? Er leistet Widerstand!"

Und weil Oma und Opa in den Wäldern des Papuk Partisanen sind, liebe ich den Witz über die Partisanen und die Deutschen, die mühevoll und unter großen Opfern um einen Wald kämpfen, wobei sie einander abwechselnd aus dem Wald treiben. Der letzte Eintrag des Partisanenkommandanten im Kriegstagebuch lautet: "Heute Morgen kam der Förster und warf uns und die Deutschen aus dem Wald!"

Opas Weltreise und Omas Druckwelle

Kurz vor meiner Geburt reist Opa mit Tito über die Ozeane. Opa spielt die Hymne, und Tito baut die "Blockfreien" zum dritten Block auf. In Ägypten trinkt Opa zum ersten Mal Fanta und kauft eine Tabakschachtel aus Holz. Darin ist eine Spieluhr, die ich oft höre, weil sie zu spielen beginnt, wenn man den Deckel hebt. Diese wehmütige Melodie ist längst in den nebeligen Kammern der Kindheitserinnerung begraben.

Opa erzählt mehr von dieser Reise, die ein, zwei Monate gedauert haben mag, als vom ganzen Krieg davor. Oma erzählt von der Nachbarin in Slavonska Požega, die es nicht mehr in den Schutzkeller schafft, als die Engländer und Amerikaner die Bahn bombardieren. Man findet sie vor ihrem Haus halb in den Boden gerammt. Nur die Beine ragen aus der Erde. Das – so schließt die Oma kenntnisreich ihre unterhaltsame Kindergeschichte – sei wegen der Druckwelle der Fliegerbombe.

Später höre ich von Deutschen aus Dresden, Frankfurt oder Berlin, die in Sutivan unsere Zimmer mieten, dieselben Geschichten über ihre Omas und Opas, die halb aus dem Boden ragen. Das waren auch die Engländer und Amerikaner.

Manche fügen noch hinzu, sie seien dadurch von Hitler befreit worden, was man nicht vergessen dürfe. Wir Jugoslawen, so schlussfolgere ich damals, sind besser drauf! Uns haben keine Amerikaner und Engländer von Hitler befreit, sondern mein Opa, die Oma, ihr Bruder, Drug Tito und die verdienstvollen Partisanen, die jetzt mit Tito regieren.

Der beste Partisanenwitz

Er ist uralt und spielt unter montenegrinischen Partisanen. Warum ausgerechnet in Montenegro, kann ich nur ahnen. Und es ist auch ein Opa, der seinen Enkeln Kriegsgeschichten erzählt.

Der Opa sagt: "Eines Tages, Kinder, haben uns die Italiener umzingelt! Es gab kein Entkommen!" – "Was geschah dann, Opa?" – "Dann haben wir uns ergeben!" – "Und was geschah dann, Opa?" – Dann haben die Italiener gesagt: Ihr habt die Wahl. Eine Hälfte von euch erschießen wir, die andere Hälfte von euch ficken wir!" – "Und dann, Opa, was geschah dann?"

"Mich, liebe Kinder, haben die verdammten Italiener erschossen!" (Bogumil Balkansky, 19.11.2015)

  • Josip Broz Tito erzählt dem US-amerikanischen Botschafter George Kennan einen Witz. Brioni, 1961.
    foto: apa

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  • Titos Porträt im "Tito-Bunker" in Konjic, Bosnien und Herzegowina. Was das ist? Hier lang ...

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