Die Filterblase

Kommentar der anderen18. November 2015, 17:56
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Journalismus, soziale Medien und die Frage nach der Wahrheit: Vortrag anlässlich der Präsentation des Public-Value-Berichts des VÖZ am Mittwoch in Wien

Sehr geehrte Damen und Herren,

ihre Ausgabe vom 1. Oktober des Jahres 2015 widmete die deutsche Wochenschrift "Die Zeit" nahezu ausschließlich der Flüchtlingsfrage. Quer durch alle Resorts dominierte dieses Thema, andere Fragen, Ereignisse oder Meldungen waren verschwunden oder an den Rand gedrängt. In seinem Editorial zu diesem journalistischen Experiment begründete dies der Herausgeber Giovanni di Lorenzo unter der Überschrift "Zu viel des Guten?" damit, dass es sich bei dieser Ausgabe um ein "Statement" handle, eine Stellungnahme zu dem "Überwältigenden", das sich in Deutschland ereigne, zu dem Traum von einem großzügigen Land, der nun Wirklichkeit werde, eine Ausgabe als Unterstützung der Politik von Angela Merkel, eine Ausgabe als Bekenntnis zum Guten.

Im selben Atemzug warnte der Herausgeber aber auch: Es könne ein Zuviel des Guten geben, dann nämlich, "wenn Journalisten befangene Akteure werden, Kampagnen organisieren und manchmal sogar zu Zensoren mutieren – anstatt kritische Begleiter zu sein wie bei jedem anderen Thema auch". Die den Flüchtlingen gewidmete Ausgabe sollte dann auch dieser Falle entgehen und nicht im "Eventjournalismus" versanden. Tatsächlich war in dieser Ausgabe kein kritischer oder auch nur nachfragender Text zu finden, durchaus feinfühlig und präzise wurden Schicksale erzählt und Gespräche geführt, kein Event-, aber doch ein bisschen ein Betroffenheitsjournalismus, und der Wille zum Guten war zwischen allen Zeilen zu spüren. Doch ein Zuviel des Guten?

Journalisten sollten sich vielleicht nicht mit einer guten Sache gemein machen

Einen Monat später, am 2. November 2015, verkündete Hans-Hermann Tiedje, der ehemalige Chefredakteur von "Bild" und Berater Helmut Kohls, in der "Neuen Zürcher Zeitung" die "Merkeldämmerung" und gab den Medien und deren Willen zum Guten eine nicht geringe Mitschuld am Desaster der deutschen Politik: "Hajo Friedrichs, herausragender deutscher Fernsehmoderator, hat sich unsterblich gemacht mit diesem Satz: 'Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.' Wenn Friedrichs das noch miterlebt hätte, was seine Medien … heute veranstalten: Empörung, Betroffenheit, Moralin morgens, mittags, abends, nachts."

Den Satz von Hajo Friedrichs hätte auch Giovanni di Lorenzo zitieren können, was er aber nicht getan hat, dafür hat Harald Martenstein, das konservative Feigenblatt der "Zeit", in seiner aktuellen Kolumne diesen Satz zitiert, wenn auch mit einer Einschränkung: Journalisten sollten sich vielleicht nicht mit einer guten Sache gemein machen, wohl aber mit den Menschenrechten. Ansonsten aber sieht auch Harald Martenstein den Journalismus von moralisierenden Imperativen gekennzeichnet: "Man soll für das kämpfen, was man für das Gute hält, man soll in öffentlicher Betroffenheit versinken." Und wenn es um eine Sache geht, die man selbst für so gut hält, dass sie neben sich nichts anderes mehr zulassen kann, darf auch die Unparteilichkeit des Journalismus in Betroffenheit, Kampagnen und Zensur umschlagen.

Höhe- und Endpunkt einer beispiellosen Kette von journalistischen Interventionen

Szenenwechsel. Von Deutschland nach Österreich, am Tag der Wien-Wahl. Noch vor der ersten Hochrechnung versammelte sich eine hochkarätige Journalistenrunde im ORF, um die Ergebnisse einer Wählerbefragung, die teils vor, teils unmittelbar nach der Wahl gemacht worden war, zu kommentieren. Diese Umfrage prognostizierte das berühmte Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPÖ und FPÖ, bestätigte damit frühere Umfragen und die Legende vom großen "Duell" und ließ bei den Journalisten die Alarmglocken der politisch korrekten Besorgnis laut schrillen. Das Gespenst des Rechtsrucks wurde dramatisch an die Wand gemalt, mit deutlich sichtbarer Angstlust von einem Zehn-Prozent-Vorsprung der FPÖ auf Bundesebene fantasiert, um dann der Hauptbesorgnis aller besorgten Österreicher Ausdruck zu verleihen: Was wird das Ausland dazu sagen?

Diese Journalistenrunde am Wahlabend war aber nur der Höhe- und Endpunkt einer beispiellosen Kette von journalistischen Interventionen gewesen, die von einem Engagement für das Gute, nämlich die Verhinderung einer angeblich drohenden FPÖ-Mehrheit, gekennzeichnet gewesen war. Ob das von den Umfragen dramatisch abweichende Wahlergebnis als erfreuliches Resultat dieses journalistischen Engagements oder als Bankrotterklärung des Umfrage- und Meinungsjournalismus gewertet werden muss, darüber entspann sich, angeregt durch einen scharfen Kommentar von Rosemarie Schwaiger im "Profil" – nein, keine Debatte, sondern es wurden die üblichen Zurückweisungs- und Beschwichtigungsrituale praktiziert.

Dabei hatte Schwaiger unter dem Titel "Die vierte Ohnmacht. Warum die Wien-Wahl keine Werbung für den Journalismus war" einige grundsätzliche Fragen aufgeworfen, die über die lokale Bedeutung des Anlasses weit hinausgingen: "Politikjournalisten können, nein: sollten eine politische Überzeugung haben. Aber die professionelle Distanz darf darüber nicht völlig verloren gehen" ("Profil", 19. Oktober 2015). Dass dies zu einem grundlegenden Problem des Journalismus geworden ist, demonstrierte auch Rosemarie Schwaiger anhand der medialen Aufbereitung der Flüchtlingskrise, in der "Berichterstattung zur Stimmungsmache" mutierte – aber auch das war ein Zitat aus der "NZZ", so als ob man solches hierzulande nur unter Anführungszeichen äußern dürfte.

Moral ersetzt die Recherche und Meinung die Analyse

Die Debatte über Aufgabe und Funktion des klassischen Journalismus trifft diesen in einer ohnehin prekären Situation. Längst sind Journalisten nicht mehr die Garanten für verlässliche und rasche Information. Die sozialen Netzwerke und die digitale Welt bieten ein chaotisches Universum an Nachrichten, Meldungen, Gerüchten und Meinungen an, die jedem Menschen mit Internetanschluss jederzeit und überall zur Verfügung stehen. Journalismus, so wird gerne gesagt, könnte gerade dadurch eine besondere Bedeutung erhalten: Ordnung in dieses Chaos bringen, verlässliche Nachrichten von Gerüchten trennen, Informationsquellen bewerten und wenn möglich Informationen aus erster Hand generieren.

Gerade weil dies in der Tat eine entscheidende Aufgabe des Journalismus wäre, ist es umso prekärer, wenn dabei der Wille zum Guten dominiert und die professionelle Distanz verloren geht, Moral die Recherche ersetzt und Meinung die Analyse. Beim Rezipienten stellt sich unweigerlich der Verdacht ein, dass er nicht informiert, sondern in seinem Denken und Fühlen gegängelt werden soll. Und dies gerade dann, wenn er schon glaubt, über Informationen zu verfügen, die von den Leitmedien (noch) zurückgehalten werden. So gelang es dem Nachrichtenportal von orf.at fast einen Tag nach den Terroranschlägen in Paris noch immer von nicht näher spezifizierten "Angreifern" zu sprechen, zugleich kursierten auf diversen anderen Portalen nicht nur offizielle Stellungnahmen der französischen Regierung, die von einem islamistischen Hintergrund ausgingen, sondern auch Berichte, dass zumindest bei einem der Selbstmordattentäter der – vielleicht gefälschte – Pass eines syrischen Flüchtlings gefunden geworden sei.

Was bewegt Medien dazu, sofort nach einem Anschlag auf ein Asylantenheim einen rassistischen und rechtsradikalen Hintergrund zu unterstellen, auch wenn über die Täter nichts bekannt ist, aber bei einer Reihe von Selbstmordattentaten jeden Hinweis, dass dies irgendetwas mit dem Islam zu tun haben könnte, so lang wie möglich hinauszuzögern? Nicht durch das, was sie sagen, sondern durch das, was sie nicht sagen, geraten gerade um Seriosität bemühte Medien in einer Welt der raschen Informationszirkulation ins Zwielicht.

Wir bewegen uns zunehmend in einer Informationsblase

Diese Welt der raschen Informationszirkulation ist aber selbst eine zwielichtige Welt. Was in den Netzen kursiert, auf Facebook geteilt, auf Twitter verkündet wird, gehorcht über weite Strecken dem Prinzip, das der amerikanische Medienkritiker Eli Pariser in seinem 2012 erschienenen Buch "Filter Bubble" erstmals pointiert formuliert hat: Durch die Algorithmen, mit denen Suchmaschinen und soziale Netzwerke wie Facebook arbeiten, werden zunehmend Nachrichten, Meldungen, Fundstellen und Links nach den Vorlieben, Interessen und Präferenzen der Nutzer ohne deren Wissen oder Zutun gefiltert und gereiht. Die Ordnung, die diese Algorithmen als unsichtbare Filter in das Chaos der Informationen bringen, orientiert sich mehr oder weniger strikt an den Daten, die der Nutzer von sich schon in das Netz eingespeist hat.

Zunehmend bewegen wir uns, wenn wir diese Netzwerke nutzen, in einer Informationsblase, die im Wesentliche das eigene Ich, die eigenen Meinungen, die eigenen politischen Überzeugungen widerspiegelt. Im Deutschen spricht man mitunter statt von der Filterblase auch vom Echoraum. Die sozialen Medien erscheinen als eine bunte Welt, die aber wie eine Wand funktioniert, die immer nur das Echo der eigenen Stimme zurückwirft. Bei Twitter ist das ziemlich deutlich, da die Followers ja nichts anderes wollen, als den Meinungen und Tweets ihrer Führer zu folgen; Twitter-Erregungen sind deshalb immer die Erregungen von Gleichgesinnten, die übrigens in der Mehrzahl der Fälle bedeutungslos blieben, fänden sie nicht den Weg in öffentliche Medien. Aber auch der Trend, keine Zeitungen oder Magazine mehr zu lesen, sondern nur noch jene Artikel, die von Freunden auf Facebook gepostet oder geteilt werden, bestätigt diesen Echoraum. Man liest nur noch das, was der eigenen Meinung im Rahmen der Gesinnungsgemeinschaft, der man sich zugehörig fühlt, entspricht.

Je mehr wir rhetorisch von Toleranz und dem Respektieren der Meinung der anderen schwärmen, desto stärker verkapseln wir uns in einen Bestätigungs- und Echoraum, der es gar nicht mehr zulässt, dass etwas anderes als die eigene Meinung an unser Ohr dringt. Allerdings wäre es womöglich auch nicht viel besser, nähme man die Meinung des anderen zur Kenntnis. Das Problem liegt in der Meinung selbst und in der Transformation des Journalismus in einen Meinungsjournalismus. Eine Prise Hegel kann in diesem Zusammenhang nicht schaden, auch wenn ein österreichischer Topjournalist den Philosophen G. W. F. Hegel für nicht mehr lesenswert hält, da dieser doch schon ziemlich lange tot sei. In Hegels Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie kann man Folgendes lesen: "Eine Meinung ist eine subjektive Vorstellung, eine Einbildung, die ich so oder so und ein anderer anders haben kann; eine Meinung ist mein, sie ist nicht ein in sich allgemeiner, an und für sich seiender Gedanke. Das, was der Meinung gegenübersteht, ist die Wahrheit. Wahrheit ist es, vor der die Meinung erbleicht. Wahrheit aber ist auch das Wort, bei dem die den Kopf abwenden, welche nur Meinungen suchen." Ein Journalismus, dem es noch um Wahrheit geht, der muss über das wie gut auch immer Gemeinte hinaus!

Die eigene kleine Facebook-Gemeinde erscheint fast als die Welt

Man kann nun mit Recht einwenden, dass Menschen immer die Nähe von Gleichgesinnten und damit verbundene Bestätigungen der eigenen Präferenzen, Positionen und Werte gesucht hätten. Der Leser einer klassischen Zeitung, die noch irgendeine Vorstellung von Pluralität hatte, konnte allerdings, blätterte er die Zeitung von Anfang bis Ende durch, auch einmal etwas anderes lesen als das, was er schon zu wissen glaubte. Wer, um bei meinem Beispiel zu bleiben, die "Zeit" in der Printversion liest und das beigelegte "Zeit-Magazin" aufschlägt, stößt auch dann auf die Kolumne von Harald Martenstein, wenn er dessen Positionen nicht goutiert; wer hingegen in seiner Facebook-Gemeinde nur die Kolumnen von Martenstein postet und liest, weil er ein Fan dieser Kolumne ist, muss sich durch politisch anders positionierte Artikel desselben Mediums nicht weiter irritieren lassen.

Je mehr wir aufgrund der modernen Nachrichtenmedien von der Welt wissen könnten, desto mehr fragmentiert sich dieses Wissen von der Welt. Wie wir Ereignisse von großer Tragweite wie den Flüchtlingsstrom oder die Terroranschläge in Paris wahrnehmen und deuten, hängt immer weniger von den klassischen Medien ab, sondern von der virtuellen Gemeinschaft, in der ich mich bewege, und von der durch diese praktizierten fragmentierten Mediennutzung. Gleichzeitig steigt mit dieser Filterblase auch die Gefahr der Überschätzung – dies liegt im Wesen jeder Blase. Die eigene kleine Facebook-Gemeinde erscheint fast als die Welt, was sich in dieser abspielt, wird für das Allgemeine schlechthin gehalten, und dies im Guten wie im Bösen. Dass Fan-Einträge auf Facebook-Seiten von Politikern mittlerweile den Status von offiziösen Verlautbarungen und verbindlichen politischen Botschaften erlangt haben, bestätigt diese groteske Überschätzung der Filterblase.

Ein kritischer Journalismus, der diesen Namen noch verdiente, hätte all diese Blasen zum Platzen zu bringen, und sei es nur dadurch, dass die Dinge wieder ins rechte Lot gerückt werden. Tatsächlich aber gefällt sich der Journalismus darin, diese Blasen zu verstärken und damit an der geistigen Selbstbeschränkung des Menschen mitzuarbeiten – mit verheerenden Auswirkungen für die Idee eines realitätsnahen öffentlichen Diskurses.

"Mehr Veröffentlichungsorte führen zu weniger Nachrichtenvielfalt"

Dabei stünden die Chancen für den Qualitätsjournalismus nicht schlecht. Der Tod der Zeitung wurde zwar schon verkündet, aber dies war offenbar die Falschmeldung eines österreichischen Qualitätsjournalisten. Einer der wenigen Artikel der Ausgabe der "Zeit" vom 1. Oktober dieses Jahres, die sich nicht unmittelbar mit dem Flüchtlingsthema beschäftigten, diskutierte genau die Frage nach den Chancen des traditionellen Journalismus. Den Überlegungen von Sebastian Turner kann man eine interessante, auf den ersten Blick vielleicht paradoxe Botschaft entnehmen: Der durch die Digitalisierung möglich gewordenen quantitativen Zunahme an Publikationsformen und Publikationsmöglichkeiten aller Art entspricht keineswegs eine Zunahme des Angebots an Informationen, sondern im Gegenteil: "Mehr Veröffentlichungsorte führen zu weniger Nachrichtenvielfalt."

Man kann geradezu von einer "Homogenisierung" der Information sprechen, da immer mehr Medien sich auf immer weniger Quellen und Agenturen verlassen. Gleichzeitig steigt aber die Bedeutung der traditionellen Leitmedien, deren Nachrichten, Berichte und Kommentare auch in anderen Medien, Foren, Gruppen und auf Blogs zirkulieren. 80 Prozent aller relevanten Zitate, die sich in allen Medien inklusive Internet finden, gehen auf einen einzigen Medientypus zurück, der sich im Wesentlichen aus den traditionsreichen überregionalen Zeitungen und Magazinen zusammensetzt, in Deutschland nicht viel mehr als sechs oder sieben Organe. Um diese "Leitmedien" bilden sich jene kleinen, aber einflussreichen "Leitmilieus", deren Medienverhalten den Ton angibt und über die Akzeptanz von politischen Positionen, Meinungen, die Relevanz von Debatten und die Struktur eines öffentlichen Diskurses entscheidet. Alles andere sind "Folgemedien" oder Blasen am Rande dieses Universums.

Das Medienkartell gibt es nicht

Man kann nun diesen Befund als Autor eines Leitmediums feiern. Man kann darin aber auch eine Bestätigung jenes Verdachts sehen, den manche Kritiker der medialen Situation äußern: dass es tatsächlich eine homogene Meinungsführerschaft gibt, die den Diskurs, die Auseinandersetzung mit kontroversiellen Positionen oder unangenehmen Wahrheiten weniger befördert als hemmt. Das von Verschwörungstheoretikern gerne postulierte Medienkartell gibt es nicht, das ist Unsinn. Aber es liegt in der Logik des Zusammenspiels von Leitmedien und Leitmilieus, dass diese politisch unliebsame Positionen in virtuellen Echoräumen am Rande der Gesellschaft verkümmern lassen können, indem man sich mit diesen nicht auseinandersetzt, sondern sie einfach moralisch diskreditiert.

Moralaskese wäre keine schlechte Strategie

Aber die Leitmedien unterliegen selbst der Gefahr, zu einer Filterblase zu werden, die nur die Befindlichkeiten des eigenen Milieus spiegelt und zunehmend den Blick auf die Realität verstellt. Ein kritischer Journalismus sollte die Chance, die in der ungebrochenen Bedeutung traditioneller Leitmedien liegt, zu mehr nützen als zur Bestätigung der eigenen Weltsicht. Dazu gehörte nicht nur die oben angesprochene professionelle Distanz, sondern auch eine Form der Enthaltsamkeit, die vor allem einigen österreichischen Leitmedien nicht ganz leicht fallen dürfte: darauf zu verzichten, Analyse und Diskurs durch eine moralische Wertung zu ersetzen.

Moralaskese wäre keine schlechte Strategie für die Wiedergewinnung eines Journalismus, der sich in erster Linie den Ideen der Aufklärung, der Vernunft und der Wahrhaftigkeit und den damit verbundenen Vorstellungen eines öffentlichen Diskurses verpflichtet sieht. Eine Forderung von Friedrich Nietzsche könnte als Motto dieser asketischen Übung vorangestellt sein: "In Hinsicht auf das ganze moralische Geschwätz der Einen über die Andern ist der Ekel an der Zeit! Moralisch zu Gericht sitzen soll uns wider den Geschmack gehen!" Wem dieses Zitat – immerhin: Nietzsche! – gegen die gute Gesinnung geht, der könnte es vielleicht einmal mit einem Gedanken meines Frankfurter Kollegen Martin Seel versuchen, den dieser in seinem lesenswerten Buch "111 Tugenden, 111 Laster" formuliert hat: "Menschen, die nicht wahrhaben wollen, wie brüchig der Boden ihres Denkens und Handelns ist, neigen zur Selbstgerechtigkeit. Zumal in moralischen Dingen glauben sie sicher auf der Seite der und des Guten zu stehen. Allein damit haben sie einen ersten Schritt in den Abgrund des Bösen getan." (Konrad Paul Liessmann, 18.11.2015)

Konrad Paul Liessmann (Jg. 1953) ist Universitätsprofessor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien.

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