"Die Wand": Lustvolles Changieren und Zivilisationskritik

18. November 2015, 14:50
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Clemens Luderer hat Marlen Haushofers Roman mit Isabella Wolf als Solodarstellerin für die Neue Bühne Villach adaptiert

Eine sehr stringente und originelle Bühnenumsetzung von Marlen Haushofers magisch-realistischer Romanparabel "Die Wand" gelingt dem jungen Kärntner Regisseur, Schauspieler und Filmemacher Clemens Luderer an der Neuen Bühne Villach. Von den vielen Deutungsmöglichkeiten des 1963 erschienenen, 2011 von Julian Pölsler erfolgreich verfilmten und 2012 von Christian Nickel am Burgtheater realisierten Textes greift die Produktion zwei heraus: die Zivilisationskritik und den Antagonismus zwischen einem unterdrückten Weiblichen und einer lebensfeindlichen Männlichkeit. Die Rolle der Ich-Erzählerin wird zu diesem Zweck einer Personalunion verschiedener Frauenschicksale zugeordnet, was Isabella Wolf als Solodarstellerin in Ausdruck, Sprache und Bewegung ein lustvolles, durchaus virtuoses Changieren eröffnet.

Die in der Isolation durch die Wand der Hektik der Konsumwelt geradezu glücklich entronnene Mutter zweier Kinder, die Altersweise und die apathisch abgearbeitete Bäuerin, die naive Jugendliche als prädestiniertes Opfer einer unglücklichen Ehe und Luchs, der angstgetriebene, immerzu hechelnde Hund – sie alle stehen für eine Existenz, die noch gut und gerne mit einer weniger kommerzialisierten, naturnäheren Wirklichkeit zurechtkäme. Ihr Ziel ist die Hervorbringung von Leben, die Geburt. Was dem entgegenwirkt und, kaum aufgetaucht, Stier und Hund grundlos mit dem Beil niedermacht, muss aus dem verletzbaren Utopia entfernt werden, und wäre es der letzte Mann.

Ihre tänzerische Ausbildung kommt Isabella Wolf zugute, wenn sie die weißgetünchten Regale des Bühnenbildes erklettert, um Ausschau zu halten oder einen Schlafplatz zu finden. Dem dauergestressten Hecheln des Hundes entspricht das nervöse Verschütten der ausgehenden Vorräte. Die Gefahr bleibt nahe. Noch leuchten im Hintergrund die Auslagen der Boutiquen, der Konsummüll kullert über die Almwiese, die Lautsprecherstimme ermahnt die Supermarktmitarbeiterinnen zu Effizienz und Schnelligkeit. Aber vielleicht ist das alles nur jener Spuk, der nach dem Fall einer Neutronenbombe noch währen würde, solange die Batterien halten. Die Katze Bella wird vielleicht bald wieder werfen. Und: Ohne Männer ist das Leben irgendwie ruhiger. (Michael Cerha, 18.11.2015)

Neue Bühne Villach, bis 21. November, jeweils Di. bis Sa., 20 Uhr

  • Isabella Wolf in Clemens Luderers Bühnenumsetzung von "Die Wand".
    foto: patrick connor klopf

    Isabella Wolf in Clemens Luderers Bühnenumsetzung von "Die Wand".

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