Die ewige Wiederkehr des Gleichen

Userkommentar18. November 2015, 12:17
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Nach jedem Anschlag sind die Aussagen die gleichen. Es sind Stehsätze, mit denen Politiker ihre Hilflosigkeit zu überspielen versuchen

Nach den Terroranschlägen von Paris waren die Solidaritätsbekundungen überwältigend. Tennisspieler, Fußballstars, ja, selbst Autorennfahrer brachten ihre tiefe Betroffenheit zum Ausdruck, und IOC-Präsident Thomas Bach gab überhaupt gleich die Parole aus: "Wir sind alle Franzosen." Ob er damit auch die Pariser Attentäter mit französischem Pass meinte, ist nicht bekannt.

Nicht ganz so überwältigend war die internationale Solidarität nach den Anschlägen von Beirut vor wenigen Tagen. Na gut, Beirut ist weit weg, und es gab ja auch nur knapp fünfzig Tote, und wenn man sich zu jedem Terroranschlag im Nahen Osten äußern würde, käme man vor lauter Twitter- und Facebook-Betroffenheitserklärungen ja zu gar nichts mehr.

Auch als am 10. Oktober in Ankara bei einem Anschlag auf eine von der Demokratischen Partei der Völker (HDP) organisierte Friedenskundgebung mehr als 100 Menschen starben, hielt man sich in unseren Breiten mit Solidaritätsbekundungen eher zurück.

Diktat der Quote

Ganz anders nach den Anschlägen von Paris, wo jeder noch so unbedeutende Politiker vor die Fernsehkamera drängte, um zu betonen, dass man jetzt mit vereinten Kräften gegen die Terroristen vorgehen müsse und nicht eher ruhen werde, bis – der nächste Anschlag passiert.

Und nach jedem Anschlag sind die Aussagen die gleichen: Man sei schockiert, fühle mit den Opfern und werde alles tun, um die Schuldigen zu finden. Es sind Stehsätze, mit denen Politiker ihre Hilflosigkeit zu überspielen versuchen, um selbst im Schatten des Terrors noch halbwegs gut wegzukommen. Sie wissen: Auch in Momenten wie diesen gilt das Diktat der Quote.

Ein gescheitertes Konzept

Dabei wäre es doch interessant, einmal darüber nachzudenken, ob es zwischen dem weltweiten "Kampf gegen den Terrorismus" und der dramatischen Zunahme von Terroranschlägen einen Zusammenhang gibt. Irgendetwas stimmt doch hier nicht: Auf der einen Seite werden unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung weltweit Milliarden ausgegeben, auf der anderen Seite nimmt die Zahl der Terroranschläge in einem Ausmaß zu, dass die entsprechenden Beteuerungen der Politiker doch nur noch wie blanker Hohn klingen.

Trotz umfassender Kontrollmaßnahmen und der damit einhergehenden Entdemokratisierung sämtlicher Lebensbereiche ist es nicht gelungen, die Bürger vor Terroranschlägen zu schützen. Es ist also offensichtlich, dass das Konzept, man könne Sicherheit durch noch mehr Kontrolle erreichen, gescheitert ist.

Strukturelle Ursachen

Und wenn Präsident Hollande jetzt glaubt, durch die Ausweitung der Bombenangriffe auf Stellungen des IS in Syrien den Terrorismus in irgendeiner Form schwächen zu können, dann irrt er hier genauso wie George Bush, der geglaubt hat, durch den Krieg in Afghanistan die Taliban vernichten zu können. Wie wir wissen, ist das genaue Gegenteil eingetreten. Zielführender wäre vielleicht, wenn Hollande einmal die Elendsviertel am Stadtrand von Paris besuchen würde, wo Armut, Arbeitslosigkeit und die fehlenden Zukunftsperspektiven der Jugendlichen den idealen Nährboden für Radikalisierungen jeder Art bilden.

Solange die strukturellen Ursachen des Terrorismus nicht bekämpft werden, werden wir im Westen noch viele Anschläge wie jene von Paris erleben. Gleichzeitig sollten wir aber nicht vergessen, dass es in Damaskus, Bagdad und Kabul jeden Tag Anschläge mit hunderten Toten gibt, ohne dass sich unsere Politiker oder Sportler davon besonders betroffen zeigen würden. (Kurt Palm, 18.11.2015)

  • Frankreichs Präsident François Hollande in Versailles. Dort hielt er am Montag eine Rede, in der er die Attentatsserie vom Freitag als "Kriegsakt" bezeichnete.
    foto: ap/michel euler

    Frankreichs Präsident François Hollande in Versailles. Dort hielt er am Montag eine Rede, in der er die Attentatsserie vom Freitag als "Kriegsakt" bezeichnete.

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