Polarisierende Menschen kommen am weitesten

18. November 2015, 19:02
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Experten diskutierten, was es zu beachten gilt, um in der Wissenschaft Karriere zu machen

Wien – Angeblich sei Isaac Newton introvertiert gewesen, unflexibel, zerstreut und hatte auch nur eine kurze Publikationsliste vorzuweisen. Trotzdem gilt er als einer der erfolgreichsten Wissenschafter aller Zeiten.

Darüber, was es heutzutage brauche, um im Forschungsbetrieb eine steile Karriere hinzulegen, sprachen Wissenschafter und Wissenschafterinnen auf Einladung des Wissenschafts- und Wirtschaftsministeriums. Spektakulärer Veranstaltungsort: der elfte Stock des Plus-Energie-Bürohochhauses der TU Wien am Getreidemarkt.

Victoria Heinrich vom Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik (OFI) vertrat die Meinung, dass auch heute noch "polarisierende Menschen" in der Wissenschaft am weitesten kommen würden. Die Gefahr an dieser Eigenschaft allerdings: "Man trifft damit nicht den Geschmack von allen." Helga Lichtenegger, Leiterin des Instituts für Physik und Materialwissenschaft an der Boku Wien, hält hingegen Neugierde für eine wissenschaftliche Karriere für unabdinglich, ebenso eine hohe Frustrationstoleranz. "Es gibt Tiefen, man darf sich nie ausruhen." Lichtenegger hat in ihrer Karriere einen kurzen Ausflug in die Privatwirtschaft unternommen. "Ich wollte einmal das wirkliche Leben kennenlernen." Die vermeintlichen Vorteile: ein stressfreieres Leben, ein gutes Gehalt. "Der einzige Grund, aus dem ich zurück an die Uni gegangen bin, ist, dass mir der Industriejob auf Dauer langweilig geworden wäre", sagt Lichtenegger.

Thorsten Schumm, Professor am Atominstitut der TU Wien, warnt trotzdem davor, Jungen zu suggerieren, dass es massig Gelegenheiten für eine Forschungskarriere gebe: "Ich denke, wir müssen uns fragen, ob wir aus allen Studenten kleine Akademiker bauen sollten, denen wir dann mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen müssen: Für eine Professur wird es nicht reichen."

Leichter als Mann?

Auch darum, ob es Männer leichter hätten als Frauen, ging es an diesem Abend. Die Diskriminierung von Wissenschafterinnen bezeichnete Schumm vor allem als nichtstrukturell. "Meistens geht es nicht darum, dass drei freie Stellen bewusst mit Männern besetzt werden."

Lichtenegger ist in ihrem Arbeitsalltag häufig mit dieser nichtstrukturellen Ungleichbehandlung konfrontiert. "Wenn ich mit einem Kollegen unterwegs bin, glaubt oft jemand, er sei der Professor und ich die Mitarbeiterin", sagt sie und spricht auch die gläserne Decke an: "Bis zum Doktorat gibt es kaum Unterschiede, aber ab dann wird es schwierig. In den Chefetagen einer Universität ist der Frauenanteil dann schwindend gering."

Heinrich hat ihre ganz eigene Methode entwickelt, gegen Männernetzwerke anzukommen: "Ich bespreche jetzt einfach auch alles bei einem Kaffee vor der Verhandlung – und es funktioniert."

Zur Frage, ob neben einer Karriere in der Wissenschaft und einer Familie auch noch für Hobbys Zeit sei, sagt die Professorin: "Für Hobbys habe ich keine Zeit." Schumm, der selbst gerade in Karenz ist, pflichtet ihr bei. "Das erfordert viel Kraft und die Fähigkeit, mit wirklich wenig Schlaf auszukommen." Nebenbei noch erfolgreich zu singen und Schlagzeug zu spielen, halte er für unrealistisch.

Chefs, das war Tenor, seien auch an der Uni sorgfältig auszuwählen. Wolle man sich für eine vakante Stelle bewerben, auch da schienen sich die Diskutanten einig zu sein, solle man sich möglichst um einen persönlichen Kontakt bemühen. "Wenn man die Leute nicht kennenlernen kann, beeinflusst das die Auswahl negativ", sagt Lichtenegger. Auch Schumm hält eine persönliche Initiative für wichtig. "Ich habe noch nie einen CV bekommen und jemanden aufgenommen." Soziale Intelligenz sei entscheidend für eine gute Zusammenarbeit.

Und inwieweit werden Auszeiten gestattet? Wie wichtig ist ein straighter Lebenslauf, wo die einzelnen Punkte wie Zahnräder ineinanderpassen? "Ich glaube, dass Konstanz immer noch wichtig ist", sagt Lichtenegger.

Umwege gut begründen

Gelegentliche Umwege seien aber trotzdem okay, ja sogar wichtig und gut. Lichtenegger: "Wenn Sie im Zweifel sind, leben Sie nicht für den Lebenslauf, sondern für das Leben. Es wird sich doppelt und dreifach auszahlen."

Der Trick: Man müsse alles begründen können. Sei es den Yogatrip nach Indien oder die Reise durch Südamerika. "Es muss aus dem Lebenslauf hervorgehen, was sich jemand dabei gedacht hat", so Lichtenegger.

Schließlich sei für den Forscherberuf auch eine gewisse räumliche Flexibilität unabdinglich. Alle Redner auf dem Podium haben zumindest einige Monate im Ausland geforscht, gelernt oder gelehrt – im Gegensatz zu Isaac Newton: Der Engländer verbrachte seine gesamte Karriere in Cambridge und London. (Lisa Breit, 18.11.2015)

  • Victoria Heinrich wagte mit einem zweiten Master einen "kleinen Karriereumweg".
    foto: astrid knie

    Victoria Heinrich wagte mit einem zweiten Master einen "kleinen Karriereumweg".

  • Helga Lichtenegger lernte in der Privatwirtschaft die Qualitäten einer Unianstellung zu schätzen.
    foto: astrid knie

    Helga Lichtenegger lernte in der Privatwirtschaft die Qualitäten einer Unianstellung zu schätzen.

  • Thorsten Schumm ist überzeugt, dass man im Leben "auch Spaß haben muss".
    foto: astrid knie

    Thorsten Schumm ist überzeugt, dass man im Leben "auch Spaß haben muss".

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