Czernohorszky: "Vieles in der Verwaltung ist schwer verständlich"

Interview18. November 2015, 09:45
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Die Stadt Wien will, darf aber nicht: Die Bildungsreform verbietet eine flächendeckende Gesamtschule. Der neue Stadtschulratspräsident Jürgen Czernohorszky erklärt, warum er trotzdem Fortschritte sieht

STANDARD: Sie plädieren für eine gemeinsame Schule der Sechs- bis 14-Jährigen in ganz Wien, doch laut nun beschlossener Bildungsreform werden solche Modellregionen für maximal 15 Prozent der Standorte und Schüler erlaubt. Ein schwerer Rückschlag?

Czernohorszky: Natürlich wäre es mir lieber, wenn es keine Begrenzung gäbe. Aber die Bildungsreform ermöglicht zumindest erste Schritte auf einem langen Weg, der vor uns liegt. Das Ziel bleibt: Die Schule muss alle Kinder individuell fördern, statt manche zurücklassen und voreilig auf einen Bildungsweg mit weniger Chancen zu schicken. Diesen Anspruch erfüllt das Schulsystem momentan nicht. Bildung wird in Österreich in großem Maße vererbt.

STANDARD: Aber führt die vorgeschriebene Begrenzung das Projekt nicht ad absurdum? Viele Eltern werden ihre Kinder wohl erst recht ins Gymnasium schicken, womit die gemeinsamen Schulen zum Sammelbecken der Benachteiligten verkommen.

Czernohorszky: Ich sehe die positive Seite: Das Reformpapier bringt eine wichtige Weichenstellung. Außerdem hängt nicht alles an der Schulorganisation, man kann auch an anderen Schrauben drehen, um eine Schule zu schaffen, in der Kinder und Lehrer auf Augenhöhe agieren.

STANDARD: Der Bund will nichts für Modellregionen dazuzahlen. Verstehen Sie das?

Czernohorszky: Ich glaube nicht, dass die Entscheidung endgültig gefallen ist, das wird eine Frage der Ausgestaltung. Die Zuteilung der Ressourcen erfolgt immer auch beim Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern. Und ja, Städte wie Wien, die vor größeren Herausforderungen stehen und auf diese mit aufwendigeren Projekten reagieren, brauchen mehr finanzielle Unterstützung. Da erwarte ich ein spannendes Match für die Zukunft.

STANDARD: Wie sehen Sie die Reform sonst?

Czernohorszky: Bei Verhandlungspartnern, die in vielen Fragen eigentlich in entgegengesetzte Richtungen wollen, kann auch Stillstand oder gar Rückschritt herauskommen. Diesmal aber sind eindeutige Schritte nach vorn gelungen, etwa bei der Elementarpädagogik: Die Kindergärten werden endlich als Bildungseinrichtung gesehen, was zu besserer Qualität führen wird.

STANDARD: Künftig sollen zwei Kindergartenjahre Pflicht sein. In den meisten Bundesländern sind aber ohnehin über 90 Prozent der Kinder in diesem Alter in Betreuung. Ist die Ausweitung nur ein symbolischer Schritt?

Czernohorszky: Mehr ist immer besser. Aber es stimmt: In Wien brauchen wir die Pflicht nicht wirklich. Schon jetzt gehen die meisten Kinder, ob nun vier oder fünf Jahre alt, in den Kindergarten – weil es gute Einrichtungen ohne finanzielle Hürden gibt.

STANDARD: Die ausgeweitete Kindergartenpflicht soll nicht gelten, wenn nachweislich kein Förderbedarf besteht. Sinnvoll?

Czernohorszky: Ich verstehe nicht wirklich, wie das in der Praxis funktionieren soll. Da kommt es auf die Details an.

STANDARD: Die Lehrer werden nun erst recht wieder von einer gemeinsamen Behörde von Bund und Ländern verwaltet. Ist das nicht genauso kompliziert wie jetzt schon?

Czernohorszky: Dass sich Bund und Länder in einer Behörde zusammentun, ist zumindest eine Verwaltungsvereinfachung. Wie das gelebt wird, wird noch eine spannende Frage. Vieles in der Schulverwaltung ist für Schüler und Eltern schwer verständlich – auch ich als designierter Stadtschulratspräsident stehe da vor einer Herausforderung. (Gerald John, 18.11.2015)

Jürgen Czernohorszky (38), geboren in Eisenstadt als Jürgen Wutzlhofer, ist designierter Präsident des Wiener Stadtschulrats, er löst in dieser Funktion Susanne Brandsteidl ab. Seit 2001 sitzt er als Abgeordneter für die SPÖ im Wiener Gemeinderat.

  • Jürgen Czernohorszky findet die Schulbürokratie ähnlich rätselhaft wie die Eltern: "Auch ich als designierter Stadtschulratspräsident stehe da vor einer Herausforderung."
    foto: apa

    Jürgen Czernohorszky findet die Schulbürokratie ähnlich rätselhaft wie die Eltern: "Auch ich als designierter Stadtschulratspräsident stehe da vor einer Herausforderung."

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