Reuters-Studienautor: "Loyale Leser zu Online-Abos bewegen"

Interview18. November 2015, 08:00
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Auch wenn Print in Österreich sehr beliebt ist, müssen sich Medien auf den digitalen Wandel einstellen, sagt Nic Newman

STANDARD: Der Digital News Report (DNR) stellte eine große Vorliebe für Printmedien in Österreich fest. Wie erklären Sie sich das?

Newman: Sagen Sie's mir. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es eine starke Tradition, den Tag mit der Tageszeitungslektüre zu beginnen. Aus irgendeinem Grund hat sich das nicht so schnell geändert wie in anderen Ländern, die eine ähnliche Tradition hatten. Ich vermute, das liegt daran, dass die traditionellen Medien selbst ihre Online-Präsenzen nicht so forciert haben, wie das etwa die amerikanischen Medien gemacht haben – wahrscheinlich weil es nicht in ihrem Interesse liegt: Kaufen die Leute weiterhin gedruckte Medien, ist das besser fürs Geschäft.

STANDARD: Die Leute lesen also weiterhin gedruckte Zeitungen und geben Geld für Nachrichten aus. Läuft doch gut in Österreich.

Newman: Äh, nein. Gedruckte Tageszeitungen sind am Abstieg. Auf der ganzen Welt passiert das, kein Land ist immun dagegen. Österreichische Zeitungen können sagen: "Uns geht's gut, wir müssen uns um nichts kümmern", oder sie können sagen: "Wir sind in einer guten Position, weil wir von den Fehlern anderer lernen und in den Digitalbereich investieren können" – das wäre mein Rat.

STANDARD: Welche Lektionen kann man da lernen?

Newman: Nicht nur aus Fehlern, sondern auch daraus, was funktioniert. Zum Beispiel können treue Leser dazu gebracht werden, für Nachrichten zu bezahlen. In den USA gab es anfangs keine Paywalls. Jetzt werden sie eingesetzt, um loyale Leser zum Umstieg von einem Print- zu einem Online-Abo zu bewegen. Die Aussichten dafür schätze ich für Österreich sehr gut ein. Außerdem muss man überlegen, wie neue Einnahmequellen gefunden werden können. Sich nur auf Online-Werbung zu verlassen, würden heute viele im Nachhinein als Fehler sehen.

STANDARD: Ist es nicht sehr viel schwieriger, im Nachhinein eine Paywall hochzuziehen, als von Anfang an Geld zu verlangen?

Newman: Wahrscheinlich ist es schwieriger, die Bezahlschranke nachher aufzustellen. Aber ziemlich genau das passiert in jedem Land. Es ist immer noch möglich. Man muss die Menschen umerziehen. Ein wichtiger Weg dorthin ist es, mit den treuen Lesern zu beginnen und Print- und Online-Angebote zu bündeln. Man baut also auf bestehenden Beziehungen auf, anstatt komplett neue Leute anziehen zu wollen.

STANDARD: Ihre Studie hat auch eine starke Bewegung festgestellt, was die Gerätenutzung betrifft. Die Smartphone-Nutzung steigt seit Jahren stark an. Müssen wir den Journalismus dafür neu erfinden?

Newman: Das ist eines der spannendsten Themen. Die meisten Medienunternehmen kämpfen mit dieser Frage: Wie sehr muss man den Journalismus und sein Format verändern, damit er am Handy funktioniert? Wir kennen die Antwort darauf noch nicht wirklich. Aber die meisten Marken experimentieren mit unterschiedlichen Formen von Content: Shareable Content, Content der Informationen komprimiert, sodass man schneller zum Kern der Geschichte kommt. Einen 1000-Wörter-langen Artikel für Print zu schreiben und zu meinen, das funktioniert auch am Handy – das haben wir bis jetzt gemacht. Viele Unternehmen erkennen jetzt, dass das wahrscheinlich nicht der richtige Zugang ist. Wir müssen über den Kontext nachdenken, in dem Menschen die Nachrichten auf ihr Handy bekommen und über das Format, die Länge und die Visualität unserer Geschichten nachdenken. Videos werden etwa in vielen Ländern gerade außerordentlich populär. Wir müssen also das Format unserer Geschichten überdenken. Ich glaube aber, dass der Artikel ein sehr wichtiger Teil davon bleiben wird.

STANDARD: Google kofinanzierte die Studie. Hat denen gefallen, was Sie herausgefunden haben?

Newman: Google ist einer von 16 Geldgebern. Einige der Dinge, über die wir im Report schreiben, mögen nicht sehr angenehm für Google sein: etwa dass vieles von dem Geld rund um Journalismus an Google, Facebook und ihresgleichen geht. Google hatte damit nie ein Problem oder versucht diesbezüglich zu intervenieren.

STANDARD: Bei der Präsentation des DNR in Wien sagten Sie, dass Sie kein schlechtes Gewissen wegen Ihres Werbeblockers hätten. Jetzt möchte ich nicht persönlich werden, aber Onlinewerbung bezahlt einen Teil meines Gehalts.

Newman: Ich habe kein schlechtes Gewissen wegen meines Adblockers, weil ich glaube, dass Journalismus auf lange Sicht sehr viel robustere Geschäftsmodelle braucht als Werbung, die die Leser vom Inhalt abhält. Das Gute an Adbockern ist, dass sie uns wirklich darüber nachdenken lassen, welche Rolle Werbung beim Journalismus im digitalen Zeitalter spielen sollte. Anstatt die Formate der Vergangenheit einfach online zu stellen – und das hat meines Erachtens in den letzten 15 Jahren nicht funktioniert – müssen wir einen neuen Weg finden, Journalismus zu betreiben. Und dank der Adblocker-Diskussion werden wir eine richtige Debatte darüber erleben, wie man mit Journalismus Geld verdient. (Sebastian Fellner, 18.11.2015)

  • Studienautor Newman: "Ich habe kein schlechtes Gewissen wegen meines Adblockers."

    Studienautor Newman: "Ich habe kein schlechtes Gewissen wegen meines Adblockers."

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