Unsere gemeinsame Herausforderung

Kommentar der anderen18. November 2015, 09:00
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Im haschemitischen Königreich Jordanien kommt auf fünf Staatsbürger ein syrischer Flüchtling. Abdullah II., derzeit auf Besuch in Österreich, legt dar, dass Hilfe nicht nur kurzfristig angelegt sein darf: Sie ist der Grundstein für einen stabilen Mittelmeerraum

Nie war es klarer als heute, dass unsere euromediterrane Nachbarschaft tiefgehende gemeinsame Herausforderungen und Interessen teilt. Widerwärtige Gräueltaten, wie jene in Paris vergangene Woche oder in Amman vor zehn Jahren, zeigen klar, dass Terroristen nicht nur unschuldige Leben ins Visier nehmen, sondern auch das gegenseitige Vertrauen und die Koexistenz, die zu Stärke und Wohlstand unserer Regionen beitragen. Das ist ein globaler Krieg, den wir geschlossen bekämpfen sollten.

Europa ist heute mit einem Flüchtlingsproblem konfrontiert, das wir in Jordanien seit vielen Jahren kennen. Regionale Konflikte, Gewalt und Verzweiflung haben Millionen Menschen veranlasst, in unser sicheres Land zu fliehen und jetzt vermehrt in Ihre Länder. Auch wenn diese Herausforderung nicht schnell gemeistert werden wird, so gibt es doch sofortige notwendige Aktionen, die wir setzen müssen, um der heutigen Krise zu begegnen und zu verhindern, dass sie sich weiter vertieft.

Jordanien schultert einen beträchtlichen Teil der Last. Unsere Bevölkerung, die kleiner als jene Österreichs ist, beherbergt 1,4 Millionen Syrer – auf fünf Jordanier kommt ein syrischer Flüchtling. Dazu haben wir hunderttausende Flüchtlinge, sowohl Muslime als auch Christen, aus dem Irak, Jemen, Libyen und anderen Herkunftsländern. Jordanien ist, pro Kopf gerechnet, heute das zweitgrößte Gastland der Welt für Flüchtlinge.

Es ist für die Jordanier eine moralische Pflicht und Teil des nationalen Charakters, sich um Menschen in Not zu kümmern. Aber die aktuelle Flüchtlingslast bringt uns heute an die Grenzen unserer Ressourcen. Die Aufnahmen von riesigen Flüchtlingslagern sind in Wahrheit nur ein kleiner Teil des Gesamtbildes. Mehr als 90 Prozent der syrischen Flüchtlinge leben in jordanischen Städten und Gemeinden, sie überlasten unsere Schulen und Kliniken, sie brauchen unsere sehr knappen Wasserressourcen auf und sind für die jordanische Jugend zur Konkurrenz um eine begrenzte Anzahl von Arbeitsplätzen geworden.

Nachhaltiger Ansatz

Die komplexen Folgen der Krise, in Jordanien und anderswo, verlangen eine ebenso facettenreiche Antwort. Es ist Zeit für unsere Regionen, das Notfall-getriebene Denken hinter sich zu lassen und einen kollektiven, nachhaltigen Ansatz zu finden. Das bedeutet umfassende mittelfristige Entwicklungsinitiativen, die sich mit den Grundbedürfnissen von Flüchtlingen und Gastgeberländern wie Jordanien und dem Libanon befassen und mit dem mit der Situation verbundenen Bedarf an Arbeitsmöglichkeiten, mit einer erweiterten Dienstleistungs-Infrastruktur und Finanzhilfe. Das wird die Basis, auf der Vertrauen und Stabilität ruht, für uns alle stärken.

Ein erster entscheidender Schritt ist, die überbelasteten regionalen Gastgeber mit nachhaltigen Lösungen zu versorgen: einen besseren Zugang zu Handel, Investitionen, Sonderfinanzierungen und Subventionen für Gesundheit-, Wasser- und Ausbildungsinfrastruktur. Wenn wir heute die Verpflichtungen nicht erfüllen, wird das einfach die späteren Kosten erhöhen. Und es ist ein schlechter Dienst an der Welt, einem Schlüsselland wie Jordanien – stabil, gemäßigt, mit einer dokumentierten Erfolgsgeschichte von wirtschaftlicher Reform und Wachstum – im Namen der ganzen Welt eine Last aufzubürden, die es 26 Prozent seines jährlichen Budgets kostet und in eine höhere Verschuldung treibt.

Chance auf Diplomatie

Parallel zu den wirtschaftlichen Maßnahmen muss es eine entschiedene diplomatische Bemühung geben, eine Lösung für den Syrien-Konflikt zu finden. Die jüngsten Gespräche in Wien bieten eine neue Möglichkeit für ein internationales Engagement, die syrischen Parteien in einem politischen Prozess zusammenzubringen, von dem wir hoffen, dass er in eine glaubwürdige, inklusive, nicht von konfessionellen Konflikten geprägte Zukunft führt und Syriens Einheit und Unabhängigkeit erhält. Wir müssen diese Chance ergreifen, wenn wir weiterkommen wollen.

Und zum Schluss, wir müssen auch weiter gemeinsam, in enger Zusammenarbeit, daran arbeiten, die "Khawarej" zu besiegen, diese Gesetzlosen des Islam, die nichts außer Hass und Angst verbreiten. Wir müssen geschlossen handeln, denn es ist eine Schlacht für unsere Humanität.

Die Gesetzlosen des Islam

Wir dürfen nie vergessen, dass unsere kollektive Aktion heute nicht nur eine Antwort auf das aktuelle Leiden der Betroffenen sein kann: Sie ist der Grundstein für die Zukunft, bereitet den Boden für ein Nachkriegssyrien und baut und stärkt eine stabile, alle Gruppen einschließende Region. Arbeitsplätze, Ausbildung, Gesundheit und Frieden sind für eine florierende Zukunft wesentlich, eine Zukunft, die die Stabilität und Sicherheit in unseren beiden Regionen stärkt.

Our Collective Challenge

It has never been clearer that our Euro-Mediterranean neighbourhood shares deep common challenges and interests. Sickening atrocities, like those in Paris last week, or in Amman ten years ago, demonstrate clearly that terrorists target, not just innocent lives, but the mutual trust and co-existence that is part of our regions' strength and prosperity. This is a global war we should fight together as one.

Today, Europeans are facing a refugee problem that we in Jordan have faced for many years. Regional conflicts, violence and desperation have sent millions of people fleeing to our safe country and now, increasingly, to your countries. Although the challenge will not be solved quickly, there are immediate, necessary actions we can take to address today’s crisis and prevent it from deepening further.

Jordan is shouldering a significant part of the burden. Our population, smaller than Austria’s, now hosts 1.4 million Syrians — one for every five Jordanians. This is in addition to hundreds of thousands of refugees, Muslim and Christian alike, from Iraq, Yemen, Libya and elsewhere. Jordan has become the second largest refugee host country, per-capita, in the world.

For Jordanians, caring for those in need is a moral duty and part of our national character. However, today’s refugee burden is pushing us to the limits of our resources. Images of vast refugee camps are in reality only a small part of the picture. Over 90 percent of Syrian refugees live in Jordanian cities and communities, over-stretching our schools and health clinics, consuming very scarce water resources and competing for a limited number of jobs with Jordanian youth.

The complex impact of the crisis, in Jordan and beyond, demands an equally multifaceted response. It is time for our regions to move beyond emergency-driven thinking, toward a collective, sustainable approach. That means comprehensive, medium-term development initiatives that meet the urgent needs of refugees and local hosts, such as Jordan and Lebanon, and the related, underlying need for employment opportunities, expanded service infrastructure and fiscal support. This will strengthen the foundations of confidence and stability for us all.

A critical first step is to provide over-burdened regional hosts with sustainable solutions: improved access to trade, investments, concessionary funding and grants for health, water and education infrastructure. Failing to fulfil today’s commitments will simply raise the ultimate costs. And it is a disservice to the world to allow a key country like Jordan — stable, moderate, with a proven track record of economic reform and growth — to shoulder a burden that consumes 26 percent of its annual budget and creates higher levels of indebtedness, on behalf of the world.

Side-by-side with economic responses, there must be a determined diplomatic effort to find a political solution to the Syrian conflict. Recent talks in Vienna offer a new opportunity for international engagement to bring the Syrian parties together in a political process that we hope could lead to a credible, inclusive, non-sectarian future, preserving Syria’s unity and independence. We must build on this opportunity to achieve results.

Finally, we must continue to work together, collectively and closely, to defeat the Khawarej, those outlaws of Islam who spread nothing but hate and fear. We must act as one because it is a battle for our humanity.

We must never forget that our collective action now is not only an answer to today’s suffering; it is the groundwork for the future, helping prepare for post-conflict Syria, and building and strengthening a stable, inclusive region. Jobs, education, health and peace are essential to make such a thriving future, a future that will enhance stability and security for both our regions. (Abdullah II. von Jordanien, 18.11.2015)

King Abdullah II of Jordan is visiting Austria this week.

Abdullah II Ibn Al Hussein (53) ist König von Jordanien. Der älteste Sohn von König Hussein folgte diesem im Februar 1999 nach. Vor seiner Thronbesteigung war der in Sandhurst Ausgebildete Berufsoffizier. Derzeit ist König Abdullah, der mit seiner Frau Königin Rania vier Kinder hat, in Wien zu Besuch.

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