Manoel de Oliveira: Die Grenzen zwischen den Realitäten verwischen

18. November 2015, 09:00
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Das Filmmuseum Wien widmet sich einer der merkwürdigsten Karrieren des Weltkinos: dem Werk des portugiesischen Regisseurs Manoel de Oliveira, der im April 106-jährig verstarb

Wien – Manoel de Oliveira war fast 90 Jahre alt, als er eine Reise zum Ursprung der Welt unternahm. Vier Leute in einem Auto, darunter ein alter Filmemacher namens Manoel, gespielt von Marcello Mastroianni – in dessen letzter Rolle. Eine Fahrt zu den Fragmenten einer Geschichte, die der des Schöpfers in vielerlei Hinsicht entsprach. Einmal steht die Reisegesellschaft an einem breiten Fluss und blickt mit dem Fernglas auf ein altes Gebäude am anderen Ufer. Ein Internat, in dem Manoel zur Schule ging. Ein Fluss wie der Douro, über den Manoel de Oliveira seinen ersten Film gemacht hat, eine Ewigkeit vor Viagem ao Princípio do Mundo (1997).

Douro, Fainia Fluvial entstand 1931, eine Beobachtung des Lebens an dem großen Fluss, der zum Teil die Grenze zwischen Spanien und Portugal bildet, und der bei Porto in den Atlantik mündet. Dort war de Oliveira geboren worden, doch der Wasserlauf, von dem in Reise zum Ursprung der Welt die Rede ist, ist der Tejo, die Öffnung Lissabons zum Meer.

Merkwürdige Karriere

Es ist die vielleicht merkwürdigste Karriere des Weltkinos, die in diesem Jahr mit dem Tod von Manoel de Oliveira im Alter von 106 Jahren zu Ende ging. Ein Werk, das so richtig erst begann, wenn andere Menschen in Rente gehen. 1972, im Alter von 64 Jahren, entstand Vergangenheit und Gegenwart (O Passado e o Presente), ein Film, der mit der Einweihung einer Familiengruft beginnt. Die Vergangenheit ist hier, vor allem durch die weibliche Hauptfigur, obsessiv und fetischistisch besetzt, und zwar gegen eine Erinnerung, die eigentlich Distanznahme nahelegen würde.

Auf Grundlage eines Theaterstücks erschloss de Oliveira sich hier künstlerisch eine Welt, in der Objekte und Figuren füreinander einstehen können, in der die Grenzen zwischen den Realitäten unklar waren, wie auch die Grenzen zwischen den Formen: Das Kino, so lautet eine der markantesten Selbstreflexionen des Regisseurs aus dieser Zeit, ist das Phantasma der realen Gegenwart des Theaters, kommt aber, weil es den Moment verewigt, der eigentlichen Wirklichkeit viel näher.

In seinem nächsten Film Benilde, Jungfrau und Mutter (Benilde ou a Virgem Mãe, 1975) wird die Studiosituation noch als die eigentliche filmische Heimat de Oliveiras deutlich. Eine Frau ist schwanger, allem Anschein nach, ohne empfangen zu haben. Dieser "unmögliche" Fall wird nicht gelöst, sondern zum Bild einer Wirklichkeit, die nicht exklusiv ist, sondern sich von verschiedenen Seiten betrachten lässt – ein distanzierter Blick, in dem sich das großbürgerliche Erbe de Oliveiras erkennen lässt. Benilde wird gelegentlich als sein Revolutionsfilm gedeutet, das Entstehungsdatum fordert dazu heraus, entsprechende Valenzen hineinzulesen. Doch es ist auch sein Film der Distanz zu der Wirklichkeit der politischen Ereignisse.

Eine Würdigung

Die Familie wurde damals enteignet, in Ereignissen, auf die er mit dem Film Besuch oder Erinnerungen und Geständnisse (Visita ou Memórias e Confissões) Bezug nahm, der bis zu seinem Tod unter Verschluss bleiben musste, und den man nun im Filmmuseum in der Schau "Die Musik der verschwundenen Dinge" sehen kann. Es handelt sich hier um eine Erweiterung der Würdigung, die schon bei der Viennale zu sehen war, wo man sich auf eine Auswahl von Titeln durch Pedro Costa konzentriert hatte.

Die 25 kurzen und langen Filme im Filmmuseum kommen fast schon einer Retrospektive nahe, keiner vollständigen, aber es reicht doch, um sich einen differenzierten Begriff von diesem Ästheten zu machen, der dann 1990 doch noch einen echten Revolutionsfilm gemacht hat: "Nein" oder Der vergängliche Glanz der Herrschaft ("Non", ou A Vã Glória de Mandar), eine Meditation der imperialen portugiesischen Geschichte durch Soldaten, die in Afrika eigentlich schon auf verlorenem Posten sind. (Bert Rebhandl, 18.11.2015)

Bis 30. 11. im Filmmuseum Wien

  • Ein Film, der sich um das Bildermachen dreht: "Der seltsame Fall der Angelica" ("O Estranho Caso  de Angélica", 2010). Manoel de Oliveira musste 60 Jahre lang auf seine Realisierung warten.
    foto: viennale

    Ein Film, der sich um das Bildermachen dreht: "Der seltsame Fall der Angelica" ("O Estranho Caso de Angélica", 2010). Manoel de Oliveira musste 60 Jahre lang auf seine Realisierung warten.

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