Das Uni-Abmeldesystem

23. November 2015, 10:50
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"First-come, first-served"-Prinzip, Punktevergabe, Präferenzsystem: Jede Uni und fast jedes Institut regeln die Anmeldung zu Lehrveranstaltungen unterschiedlich

Wien – Katharina Menschick hätte gerne das Seminar "Raymond Williams – Ein politischer Kulturtheoretiker" im Masterstudium Politikwissenschaft besucht. In diesem Seminar der Universität Wien gab es zu Semesterbeginn zwölf freie Plätze. Sie und ein Kollege wollten teilnehmen, der Lehrveranstaltungsleiter hatte sie schon in Referatsgruppen eingeteilt.

So weit, so sicher der Seminarplatz, wäre da nicht das neue Online-Anmeldesystem uspace: Dort waren sie nicht angemeldet, doch bisher war es üblich, in der ersten Seminareinheit nachträglich angemeldet zu werden, wenn es freie Plätze gab. Mit 1. Oktober wurde die Satzung der Uni Wien geändert. Rektorat und einige Institute interpretieren sie nun so, dass eine nachträgliche Anmeldung nicht mehr möglich ist. Die Konsequenz: Selbst gegen den Willen der Lehrenden bleiben Plätze frei.

Nachträgliche Abmeldungen

Menschick ist nicht die Einzige, bei der die Satzungsänderung die Teilnahme an einem Seminar verhinderte. Am Institut für Germanistik wurden mindestens 120 Studierende trotz erfolgreicher Online-Anmeldung nachträglich abgemeldet. Eine von ihnen ist Marianna Sedlacek*: Nachdem sie zwei Einheiten besucht und für 30 Euro Bücher gekauft hatte, wurde ihr per E-Mail mitgeteilt, dass sie vom Seminar abgemeldet worden war, da formale Voraussetzungen nicht erfüllt seien.

Diese sahen vor, den ersten Studienabschnitt abgeschlossen zu haben. Sedlacek hatte dafür zwar alle Kurse absolviert, aber noch nicht eingereicht – ihr fehlte ein Schein. Den brauchte sie aber weder in einem anderen Seminar in diesem noch im vergangenen Semester, für die jeweils dieselben Voraussetzungen gegolten hatten. Für Arno Dusini, Studienprogrammleiter für Deutsche Philo logie, der für die Abmeldungen verantwortlich ist, kommen dabei zwei Probleme zusammen: die "ungewöhnliche Überbuchung von Lehrveranstaltungen" und ein "Modulierungsfehler im Anmeldesystem" – es hätte Sedlacek gar nie einen Platz zuteilen dürfen.

Verschiedene Systeme

Die Zuteilung der knappen Plätze wurde in den letzten Jahren schrittweise auf Online-Anmeldung umgestellt. Dabei kommen österreichweit verschiedene Systeme zum Einsatz, die zu unterschiedlichen Problemen führen. An manchen Unis, wie der Wiener Wirtschaftsuni, gilt "first-come, first-served": Wer zuerst klickt, bekommt den Platz. Die meisten Unis, wie auch die Uni Wien, setzen auf Präferenz- oder Punktesysteme. Bei Ersteren müssen Gewichtungen angegeben werden, bei Letzteren steht ein Punktekontingent zur Verfügung, das auf die gewünschten Kurse auf geteilt werden kann. Auch wenn man alle Punkte auf eine Lehrveranstaltung setzt, ist der Platz nicht gewiss – jedem Studierenden bleibt, seine eigene Taktik bei den Anmeldungen zu entwickeln.

Ein Umstand, den die Studierenden durch die neue Satzung an der Uni Wien weiters zu berücksichtigen haben, ist, dass für Abgabe von Uni-Arbeiten ein größeres Zeitfenster vorgesehen ist, als die Studierenden tatsächlich ausschöpfen können, um sich für Seminare anzumelden. Damit war Nora Messner* dieses Semester konfrontiert. Sie hatte sich zunächst erfolgreich für drei Seminare angemeldet, für die eine bestimmte Prüfung Voraussetzung ist. Die Anmeldephase für die Seminare endete am 27. September, die Prüfung schrieb sie am zweiten möglichen Termin, dem 29. September. Dann verlor sie alle drei Plätze wieder.

Warten auf die Note

Bisher hatte es genügt, die Voraussetzungen im Laufe des Semesters zu erfüllen. Mit der Satzungsänderung müssen die Voraussetzungen schon bei der Anmeldung erfüllt sein. Auch in der neuen Satzung beträgt die Frist zur Abgabe von Seminararbeiten – trotz Verkürzung – bis zu drei Monate nach Ende des Seminars. Lehrende haben dann vier Wochen Zeit, zu benoten. Bis die Note da ist, kann die Anmeldephase schon verstrichen sein.

Die Satzungsänderung begründet das Rektorat der Uni Wien auf UniSTANDARD-Anfrage mit dem Ziel, "Abläufe für Studierende und Lehrende transparenter zu machen". Dass dabei "nicht jeder Einzelfall reibungslos laufen" kann, sei "bedauerlich". Außerdem weist das Rektorat darauf hin, dass Studierende "ihre Arbeiten schon beim Ende der Lehr veranstaltung abgeben" könnten. Doch selbst wenn man zu Semesterende abgibt, kann die Anmeldefrist für das Folgesemester abgelaufen sein, wenn der Lehrende die vier Wochen zur Benotung ausschöpft, die ihm gesetzlich zustehen. Dusini sagt, es ist "aus heutiger Sicht nicht abzusehen", wie die Anmeldung in Zukunft verlaufen werde. Bleibt die Satzung, ist wahrscheinlich, dass unbesetzte Plätze und Studienzeitverzögerung zunehmen. (Nikolai Schreiter, 23.11.2015)

*Namen von der Redaktion geändert.

  • Früher stand man am Institut Schlange, um sich für eine Lehrveranstaltung einzuschreiben. Heute passiert das alles nur noch online.
    foto: apa/barbara gindl

    Früher stand man am Institut Schlange, um sich für eine Lehrveranstaltung einzuschreiben. Heute passiert das alles nur noch online.

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