Arnulf Rainer: Winterkrieg gegen Sommerfest

17. November 2015, 15:35
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Im ehemaligen Frauenbad in Baden zeigt Kurator Rudi Fuchs unter dem Titel "Pinselrausch" einen Querschnitt durch das Werk des bald 86-jährigen Künstlers – dicht gehängt und aufschlussreich

Baden bei Wien – Keine Frage, in der österreichischen Neigungsgruppe Künstlermuseen ist Arnulf Rainer tonangebend. Die Mischung aus Solopräsentationen und hochkarätig besetzten Duetten – etwa mit dem deutschen Malstar Georg Baselitz, dem italienischen Arte-povera-Künstler Mario Merz oder dem englischen Schockspezialisten Damien Hirst – ist fein gestimmt. Nach einer "spielerischen Rangelei" (STANDARD, 8. 6. 2015) zwischen Rainers malerischen und Markus Lüpertz' bildhauerischen Ideen ist nun also Rainer wieder Alleinherrscher im eigenen Haus.

Und wie! Extrem dicht an dicht hat sein Lieblingskurator und langjähriger Freund Rudi Fuchs gemeinsam mit Co-Kurator Marteen Bertheux die Rainers gehängt und in (an Arbeitstische erinnernde) Vitrinen gelegt, quer durch Schaffensperioden und Maljahrzehnte: von den Hand- und Fußmalereien aus den späten 1970er-Jahren bis herauf zu den jüngsten, herzerfrischend kraftvollen und farbinnigen Papierarbeiten. Viele dieser jüngeren Blätter entstanden in Rainers Überwinterungsdomizil auf Teneriffa. Die allerjüngste Arbeit allerdings vollendete er sogar erst eine Woche vor Ausstellungsbeginn in seinem oberösterreichischen Atelier. Dieses orangefarbene Blatt ist – äußerst ungewöhnlich für Rainer – noch nicht einmal signiert. Einige der gezeigten Bilder waren noch nie ausgestellt. Der Kurator ist, was das Aufstöbern unbekannter Arbeiten anlangt, ein ziemlich schlauer Fuchs.

Pinselräusche in Baderäumen

Als "rhythmisch wie eine musikalische Komposition" möchte er seine Hängung verstanden wissen. Und, ja, funktioniert weitgehend. Sicher, manchmal würde das Auge gern zwischen den intensiven Pinselräuschen in den nicht minder intensiven ehemaligen Baderäumen und Umkleidekabinen zur Ruhe kommen. Ins Leere blicken geht aber nicht und, alles in allem: macht nichts. Die atemlose Fülle passt zu diesem nimmermüden, immerjungen Künstler, der am 8. Dezember unglaubliche 86 Jahre alt wird.

Dreißig Farbtöpfe stehen an Rainers Maltagen in seinen Ateliers parat, "und wenn ich den Drang nach einer bestimmten Farbe verspüre, gehe ich zum Kübel und schau, ob sie mich wirklich noch immer nervös macht oder erregt. Wenn sie mir langweilig ist, dann suche ich mir eine andere Farbe."

Umso passender, dass die Kuratoren nicht chronologisch gehängt haben, sondern ausschließlich nach künstlerisch-visuellen Kriterien, nach malerischen Bewegungen, Pinselführung, Farbstimmungen. Also zum Beispiel auf der einen Wand kühltoniger Winterkrieg, gegenüber warmfarbiges Sommerfest.

Krumme Striche

Diese Ausstellung, die vorher ein halbes Jahr im Cobra Museum of Modern Art in Amstelveen zu sehen war, erzählt vom Grundvokabular Rainers, dem Gesicht und dem Kreuz; von seiner individuellen Handschrift; seinem gestischen Malduktus; von den frühen Nahkämpfen, als er die Leinwand mit Händen und Füßen traktierte; von seinem Spätwerk, bei dem er die Leinwand nicht mehr direkt berührt, sondern die vielen, extrem dünnen Schichten mit dem Pinsel aufträgt. Als Beispiel seien die Schleierbilder genannt, an deren Rändern verschattetes Gelb, Lila, Rosa, Blau durchscheinen.

Zuletzt mischte er, der stete Neuerer und Erfinder, für eine spannende Oberflächentextur den Farben Lavagestein bei: insektengleiche Knötchen und Pünktchen, die über die Bildfläche zu krabbeln und kriechen scheinen. Und, ja, es hat schon seine Richtigkeit mit der engen Hängung. Sie ermöglicht Vergleiche und gibt Auskunft über Rainers ureigene Handschrift. Und man kann sehen, dass der Übermaler-Meister nie eine gerade Linie gezogen hat. All seine Pinselstriche krümmen und biegen, neigen und wellen und knäueln sich. "Ich habe keine militärische Hand", sagt er. Lächelt vergnügt. Und fügt mit einem selbstironischen Augenzwinkern hinzu: "Wahrscheinlich ist das so, weil ich beim Malen an eine Dame gedacht habe." (Andrea Schurian, 17.11.2015)

Bis 1. Mai

19. 11., 19.00: "Kunstgeschichte(n)", ein Vortrag von Peter Baum www.arnulf-rainer-museum.at

  • Dicht gehängte Werkrückschau: keiner Chronologie folgend, sondern nach Farbstimmungen und malerischen Bewegungen gruppiert.
    foto: kollektiv fischka / arnulf-rainer-museum

    Dicht gehängte Werkrückschau: keiner Chronologie folgend, sondern nach Farbstimmungen und malerischen Bewegungen gruppiert.

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