Ein passendes Haus für jeden Studierenden

Reportage22. November 2015, 10:57
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In der schwedischen Universitätsstadt Uppsala organisieren die Studentenhäuser Nations den Alltag abseits von Vorlesungen und Seminaren

Oliver Malle wischt über den Bildschirm seines Smartphones und begutachtet die Liste an Veranstaltungen, die heute in Uppsala über die Bühne gehen werden. "Ab zwölf Fika bei Kalmar, gleichzeitig ist auch Suppenlunch bei Västgota. Und am Abend ein Livekonzert im Pub von Upplands", gibt der 19-Jährige eine Auswahl des heutigen Angebots zum Besten.

Der Veranstaltungskalender ist das zentrale Feature einer Applikation namens "Nationsguiden". Wer als Austauschstudent in die schwedische Stadt kommt, dem sei die Installation ans Herz gelegt: Die App wirft einen mitten ins Studierendenleben von Uppsala.

Um den Studierenden abseits von Vorlesungen und Seminaren etwas zu bieten und die ersten Schritte im Uni-Alltag zu erleichtern, gibt es die Nations. Das sind insgesamt 13 Häuser, im Universitätsviertel verteilt, die den Studierenden als Aufenthaltsort und Lebensraum dienen. Dort wird gegessen, gelesen, diskutiert, zu späterer Stunde auch gefeiert.

Die Stadt lebt von den Studierenden. Knapp ein Drittel der rund 150.000 Einwohner sind auf der Uni. Studiengebühren müssen nur Drittstaatsangehörige zahlen. Im Sommer wirke die Stadt deshalb oft wie ausgestorben, erzählen viele.

"Bei uns trifft sich regelmäßig eine Fotogruppe im Festsaal, heute findet eine Podiumsdiskussion über elektronische Tanzmusik statt", erzählt die 23-jährige Anna Torgren. Sie hilft regelmäßig bei der Kalmar Nation aus.

Freiweilliges Engagement

Viele Studierende engagieren sich freiwillig in den Nations und organisieren den Betrieb. "Für mich ist das wie mein verlängertes Wohnzimmer", sagt Torgren. Gebe es die Nations nicht, wäre es "ganz schön langweilig hier". Und teuer: Einen Besuch in den herkömmlichen Lokalen der Stadt können sich viele Studierende nicht leisten. Ein Bier kommt schnell auf sechs bis sieben Euro.

Das System, das es auch in der schwedischen Stadt Lund und in einigen finnischen Städten gibt, existiert seit knapp 150 Jahren. Benannt sind die Häuser nach den schwedischen Provinzen. Früher wurde qua Herkunft entschieden, wer in welche Nation kommt. Das ist heute anders: Jeder Studierende entscheidet sich bei der Inskription für eine Nation.

Bauchentscheidung

Aber für welche? Besonders für Erasmus-Studierende, die mit dem System nicht vertraut sind, ist es oft eine Bauchentscheidung. Die 21-jährige Oberösterreicherin Lena Haidinger ist Erasmus-Studentin in Uppsala, sie sieht ihre Entscheidung pragmatisch: "Eigentlich ist es egal, bei welcher Nation man ist, Zutritt hat man zu jeder."

In die Nations darf nur, wer an der Universität inskribiert ist oder eine einwöchige "guest card" löst. Nicht alle finden die Türpolitik in Ordnung. Wer nach Alternativen sucht, wird im Ungdomens hus fündig. Der Name – auf Deutsch "Jugendhaus" – ist Programm: Im Erdgeschoß ein Café, in den oberen Stockwerken befinden sich Werkstätten und Proberäume. Auch einen Skatepark beherbergt der zentral gelegene Altbau.

Das Projekt entstand aus einer politischen Protestbewegung: Besetzt wurde es Anfang der 1980er-Jahre, seitdem wird es von Jugendlichen genutzt. "Wir wollen für die Schüler und Lehrlinge ohne Zugang zu den Nations eine kulturelle Anlaufstelle sein", sagt der 22-jährige Mikael Frenning, während er stolz durch die mit Graffiti bedeckten Räume führt. Anekdoten über das Haus hat er einige auf Lager: "Nirvana haben hier Ende der 1980er einmal gespielt, unter anderem Namen und bevor sie jeder kannte."

Unterschiedliche Einstellungen

Und doch möchte die Nations hier keiner missen. Ganz egal ist die Entscheidung für eines der Häuser bei der Inskription dann doch nicht: Lassen sich doch dar aus unterschiedliche Einstellungen herauslesen. Die Mathematikstudentin Link Thomann (21) – die Haare zu Dreads geflochten – bei der Fika über ihre Entscheidung: "Bei Kalmar werden hauptsächlich vegane Speisen angeboten." Für die Veganerin aber nicht der Hauptgrund, sich für diese Nation zu entscheiden. Sie verbringe viel Zeit hier, daher war die Musik der ausschlaggebende Punkt. Und die sei in den Pubs der anderen Nations "oft grottenschlecht", sagt sie lachend. (David Tiefenthaler, 22.11.2015)

  • Einmal kurz den Studierendenausweis hergezeigt, und schon ist man drin, in den Räumlichkeiten der Västgota Nation. Zur Mittagszeit füllt sich der Speisesaal. Die Gründe: Kürbissuppe und Focaccia.
    foto: david tiefenthaler

    Einmal kurz den Studierendenausweis hergezeigt, und schon ist man drin, in den Räumlichkeiten der Västgota Nation. Zur Mittagszeit füllt sich der Speisesaal. Die Gründe: Kürbissuppe und Focaccia.

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