Demenzwelle: Experten warnen vor Versagen der Politik

17. November 2015, 12:53
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Die Zahl der Demenzkranken wird zunehmen – Experten fordern mehr Aufklärung, mehr Pflege, mehr Bewusstsein gegen wachsende Angst.

Es sei wichtig, den Menschen die Angst vor Demenz zu nehmen. Gleichzeitig dürfe die Politik die Augen vor dem zu erwartenden Betreuungs- und Pflegebedarf nicht verschließen, erklärten Experten in Wien. Anlass war der nahende 100. Todestag (19. Dezember) des Psychiaters Alois Alzheimer, Namensgeber für die bekannteste Demenz-Form.

"Demenz an sich ist keine Krankheit – aber die Krankheiten, die der Demenz zugrunde liegen, müssen angeschaut werden", sagte Peter Dal-Bianco, Leiter der Spezialambulanz für Gedächtnisstörungen und Demenzerkrankungen an der Medizinischen Universität Wien, bei dem vom Wissenschaftsministerium veranstalteten "Science Talk".

Aber nicht jede Vergesslichkeit bedeute Alzheimer. Genauso gut könnte sie durch Depressionen, Schilddrüsenerkrankungen, Stoffwechselstörungen oder einen gutartigen Gehirntumor entstehen. Aus Angst keine Abklärung vornehmen zu lassen, sei jedenfalls die falsche Reaktion, so der Neurologe.

Was Demenz aufhält

Die Menschen könnten heute selbst mitbestimmen, wie sie alt würden, betonte Regina Roller-Wirnsberger, ehemals erste Geriatrie-Professorin an einer öffentlichen Uni, Internistin an der Medizinischen Universität Graz und im Vorstand der Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen. Große Studien hätten gezeigt, dass sich eine ausgewogene Ernährung, mäßige Bewegung und lebenslanges Lernen günstig auf den Alterungsprozess auswirkten – auch wenn Demenz selbst bei geistig hochaktiven Menschen auftrete und Alzheimer genetisch bedingt sei.

Heute sei das Therapieziel nicht mehr die Heilung, sondern das Hinauszögern der Krankheit – was mit Medikamenten und Impfungen zum Teil gelinge. Man wolle den Zustand des Patienten stabil halten, ihn fördern und für eine maximale Lebensqualität sorgen, trotz der diversen Krankheiten.

"Er soll möglichst lange im vertrauten sozialen Umfeld weiterleben können." Durch regelmäßige Assessments würden Parameter wie der medizinische Zustand, der Ernährungsstatus oder das Ausmaß der Sturzgefährdung gemessen, um dann beispielsweise mit Muskeltraining gegenzuwirken.

Demenz als Prozess

Demenz werde immer mehr zu einem Betreuungs- und Pflegethema, meinte Robert Oberndorfer, Geschäftsführer der Caritas Socialis. Er sah den Schlüssel in geschulten Mitarbeitern und ausreichender Betreuungszeit.

Demenz sei kein Zustand, sondern ein Prozess – deshalb sei eine Unterbringung in einer professionellen Einrichtung im Lauf der Erkrankung manchmal die bessere Lösung. Er riet, nicht zu viel Angst vor der Krankheit zu haben. "Jede Demenz ist anders. Manche Patienten erkennen ihre Kinder nicht mehr, ihre Pflegerin aber sehr wohl und können ihre Bedürfnisse klar artikulieren", wies er auf die unterschiedlichsten Ausprägungen hin.

In einem fortgeschrittenen Stadium sei die Pflege für eine Person – ob Tochter, Mann oder 24-Stunden-Hilfe – einfach zu viel. Hier brauche es professionelle Hilfe – ob in Form von ehrenamtlicher Begleitung, durch Tageszentren oder durch eine Übersiedelung in Wohngemeinschaften oder ein Langzeitpflegeheim.

Mehr Anerkennung für Pflege

Eine bessere Unterstützung und Anerkennung der Leistung der Angehörigen forderte Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich. Immerhin finde 80 Prozent der Pflegearbeit in den Familien statt. "Wer mit der Pflege anfängt, an dem bleibt sie meist hängen", so die Erfahrung. Hier müsse es von Anfang an ein Netzwerk für die Betreuer geben und ein weit größeres psychosoziales Angebot. Die Volkshilfe entwickle hier ein Pilotprojekt.

Skeptisch zeigten sich die Experten in Bezug auf die von der Bundesregierung entwickelte Demenz-Strategie, die am 14. Dezember vorgestellt wird. Darin werde die Ausbildung ausgeklammert, so die Kritik. "Wir müssen das Pflegepersonal vorbereiten auf das, was kommt: Die Politik verschließt hier komplett ihre Augen." Auch gebe es keine Verknüpfung mit dem Budget, erschwert werde ein Ansatz der integrierten Versorgung zudem durch die "inkompatiblen" Finanzsysteme von Bund und Ländern. (APA, 17.11.2015)

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