Wenn sich Spitzensport und Studium gegenseitig bestärken

19. November 2015, 09:00
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Nicht alle Leistungssportler verdienen genug, um nach ihrer Karriere nicht mehr arbeiten zu müssen. Darum bauen sich viele Athleten mit einem Studium ein zweites berufliches Standbein auf

Innsbruck/Wien – Ein falscher Griff könnte für Wettkletterer Jakob Schubert fatale Folgen haben: Würde er von der Wand fallen und sich schwer verletzen, könnte das womöglich sein Karriereende bedeuten. Dann bräuchte Schubert einen neuen Beruf. Um nicht völlig vom sportlichen Erfolg abhängig zu sein, absolviert er neben seiner Kletterkarriere den Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der Uni Innsbruck. "Ich wollte studieren, so kann ich jederzeit in die Berufswelt einsteigen", sagt der 24-Jährige, der seit seinem zwölften Lebensjahr klettert.

"Man braucht unbedingt ein zweites berufliches Standbein", sagt Christian Raschner, Leiter des Olympiazentrums des Instituts für Sportwissenschaften der Uni Innsbruck. Wie schnell eine Sportlerkarriere zu Ende sein kann, zeigt der Unfall der Stabhochspringerin Kira Grünberg. Sie stand am Anfang ihrer Karriere, seit einem Trainingsunfall im Juli ist die 22-Jährige querschnittsgelähmt.

Studium und Sport vereinen

Nur die wenigsten Sportler würden "schlussendlich von dem Geld leben können", sagt Raschner. Derzeit kommt Schubert mit Preisgeldern, Sponsoren und dem Gehalt vom Bundesheer über die Runden. Die Frage ist, wie lange: "Klettern ist eine Sportart, bei der man nicht finanziell ausgesorgt hat, wenn man erfolgreich ist", sagt der Weltmeister im Vorstieg von 2012 und mehrfache Gesamtweltcupsieger.

In vielen Fällen gestaltet sich die Vereinbarkeit von Training und Lehrveranstaltungen schwierig. "Ich investiere den Großteil meiner Zeit ins Klettern. Darum wählte ich ein Studium, das mich interessiert und wenig Anwesenheitspflicht hat", sagt Schubert. "Praxisorientierte Studiengänge sind schwieriger zu vereinbaren, da sie viel Anwesenheit erfordern. Mediziner kann man kaum per Fernstudium werden", sagt Wolfgang Stockinger, Leiter der Laufbahnberatung des Vereins Kada, der Leistungssportlern beim Aufbau eines zweiten Berufs hilft.

Mit Professoren verhandeln

Manche Sportarten eignen sich besser für ein Studium: In Innsbruck studieren derzeit 18 Athleten aus Sommersportarten und acht Wintersportler. Für Raschner ist der Grund dafür, dass Alpinsportler je nach Schneelage spontane Trainings im Ausland haben. Da sei es "unmöglich, Lehrveranstaltungen mit Anwesenheitspflicht zu besuchen".

Um den Sportlern angepasste Studienbedingungen zu bieten, hat die Uni Innsbruck seit 2005 eine Spitzensportförderung. Im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten können etwa Prüfungen verschoben werden: "Da dürfen andere Studierende nicht benachteiligt werden", sagt Raschner.

Schubert war nicht in dem Programm, er verhandelte selber mit den Professoren: "Manche waren kulant, andere hatten kein Verständnis, wenn ich bei Terminen nicht anwesend war oder Arbeiten nicht persönlich abgeben konnte." Damit "steht und fällt der Studienfortschritt", sagt Stockinger.

Kada kooperiert mit einigen Unis – seit diesem Wintersemester auch mit der Uni Innsbruck – und bietet dort individuelle Beratung und Semesterplanung an. "Es geht um Flexibilisierungsmaßnahmen. Jedes Semester passen wir die Dosis der Lehrveranstaltungen an die sportlichen Termine an", sagt Stockinger. So werde der Studienfortschritt planbarer und die Abschlussquote höher.

Herausforderung: Doppelbelastung

Schubert schloss sein Studium mit zwei Toleranzsemestern ab. Die größte Herausforderung war die Doppelbelastung: "Es ist schwierig, sich zu fokussieren, wenn man sich gleichzeitig für Prüfungen und einen Wettkampf vorbereitet." Dennoch lief es im Studium nicht besser, wenn er verletzungsbedingt sportlich kürzertreten musste: "Wenn ich viel trainiere, bin ich diszipliniert. Ist man verletzt, wird man faul."

Diesen Eindruck bestätigt auch eine Studie der Australian Football League Players' Association. Sportliche Leistungen und sogenannte "off-field activities", wozu ein Studium gehört, bestärken sich gegenseitig: Jene Athleten, die einer Ausbildung nachgingen, verbesserten ihre Leistung um 13 bis 21 Prozent im Vergleich zu jenen, die sich nur auf den Sport konzentrierten.

"Eine duale Karriere ist kein Selbstläufer, da braucht es gute Planung und Disziplin", sagt Stockinger. Sind diese nicht vorhanden, kann die Ausbildung auch "nach hinten losgehen". Überbelastung und ein Rückgang der sportlichen und universitären Leistungen sind die Folge, dadurch verzögert sich das Studium.

Doppelte Studiendauer

Grundsätzlich müssen Sportler davon ausgehen, dass sie "die Regelstudienzeit mitunter um das Doppelte überschreiten", sagt Raschner. Das führt dazu, dass Studiengebühren anfallen oder die Familienbeihilfe wegfällt, weil die Sportler zu wenige ECTS-Punkte sammeln. Hier kann Kada helfen: "Wir haben ein Budget, mit dem wir pro Sportler zwei Semester Studiengebühren auffangen können", sagt Stockinger.

Ebenso kann ein Fernstudium helfen, da dieses bereits flexibel ausgelegt ist und keine Probleme bei der zeitlichen Vereinbarkeit durch Anwesenheitspflichten entstehen. Dennoch gehe der Trend laut Stockinger dahin, dass zumindest Teile des Studiums als Präsenzveranstaltungen absolviert werden.

Für Schubert war ein Fernstudium keine Option: "An der Uni geht es ja nicht nur ums Lernen, sondern auch um Studienkollegen und den Diskurs mit Professoren." Diesen "vollen Genuss des Studiums" kostet Schubert derzeit allerdings nicht aus – er investiert seine Zeit ins Klettern. (Selina Thaler, 19.11.2015)

  • Zur Absicherung studiert Jakob Schubert Wirtschaftswissenschaften an der Uni Innsbruck.
    foto: apa / expa / jakob gruber

    Zur Absicherung studiert Jakob Schubert Wirtschaftswissenschaften an der Uni Innsbruck.

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    foto: apa / expa / jakob gruber
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