"Chmielewski-Dokumente" werden an Gedenkstätte Gusen übergeben

17. November 2015, 11:48
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Aufzeichnungen stammen aus dem Nachlass des ehemaligen KZ-Kommandanten

St. Georgen/Gusen – Mit den "Chmielewski-Dokumenten" kommt am Samstag ein Stück Zeitgeschichte zurück in die KZ-Gedenkstätte Gusen. Der Sohn des ehemaligen Lagerkommandanten übergibt Aufzeichnungen aus dem Nachlass seines Vaters über archäologische Grabungen am Gelände. Seine verstörenden Kindheitserinnerungen sind im kürzlich erschienenen Buch "Der Sohn des Teufels" von Holger Schaeben nachzulesen.

Der Kommandant ...

Carl Chmielewski war von 1940 bis 1942 Schutzhaftlagerführer in Gusen, einem Nebenlager des KZ Mauthausen. Sein Leitspruch lautete: "Ein guter Häftling hält es nicht länger als drei bis vier Monate im KZ aus, wer es länger aushält, ist ein Gauner." Er zeichnete sich durch selbst für diese Berufsgruppe extreme Grausamkeit aus, Alkohol- und Gewaltexzesse prägten seinen Weg und trugen ihm den Beinamen "Teufel von Gusen" ein.

1961 verurteilte das Schwurgericht Ansbach Carl Chmielewski wegen 282-fachen Mordes zu lebenslanger Haft. 1979 wurde er aus gesundheitlichen Gründen vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß begnadigt und blieb bis zu seinem Tod 1991 in Freiheit.

... und sein Hobby

Zu den schöngeistigen Seiten des "Teufels" zählte das Interesse für Archäologie. Stoff für Heinrich Himmlers Ahnenerbe-Mythos zu sammeln, galt als förderlich für die Karriere. Also ordnete Chmielewski Grabungen am "Gräberfeld Koglberg" an, als in Gusen Überreste einer bronzezeitlichen Urnenfelderkultur gefunden wurden.

Für diese Arbeit setzte er gebildete polnische Häftlinge ein – von Priestern bis hin zu einem Archäologieprofessor. Er ließ sie Zeichnungen anfertigen und sammelte diese Unterlagen, um sie dem Reichsführer SS als Weihnachtsgeschenk überreichen zu können. Als er später im Zuchthaus saß, versuchte er erneut, sich aus diesen Unterlagen Vorteile zu verschaffen. Er bot sie dem Oö. Landesmuseum zum Kauf an, Experten bezeichneten sie aber als "Schmarrn" und als wertlos.

"Der Sohn des Teufels"

Chmielewskis Sohn Walter, heute 86 Jahre alt, wuchs im Schatten des Lagers auf. Er schwieg lange über seine Erinnerungen. Schließlich erzählte er aber dem Autor Holger Schaeben über sein Leben als Kind des KZ-Kommandanten: Wie er verbotenerweise immer wieder mit Häftlingen gesprochen hat, seine Mutter ihnen heimlich Lebensmittel zusteckte, einem mit seinem Fahrrad die Flucht gelang – und wie er bereits als Bub seinen Vater verabscheute.

Wenige Tage vor Kriegsende erhielt Walter Chmielewski als 15-Jähriger doch noch den Marschbefehl, kurz darauf musste er unter dem Kommando von US-Soldaten mithelfen, die Leichen aus dem befreiten Konzentrationslager Gusen zu bergen. Dann wurden er und seine Mutter – der Vater war längst über alle Berge – aus ihrer Wohnung geworfen.

Walter Chmielewski fiel es nicht leicht, seine Erinnerungen zu veröffentlichen. Aber der deutsche Autor Holger Schaeben überredete ihn, es doch zu tun. Sein Buch "Der Sohn des Teufels" (Offizin Zürich Verlag, 2015) beginnt mit einem Zitat des Sohnes: "Dreimal in meinem Leben kam ich nach Gusen. Das erste Mal verlor ich meine Unschuld, das zweite Mal meine Freiheit und das dritte Mal mein Zuhause. Ich hatte unglaubliches Glück. – Tausende kamen nur einmal und verloren ihr Leben." (APA, 17. 11. 2015)

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