Frauen und Kleider: "Schau dir den Hintern an!"

Interview20. Dezember 2015, 17:11
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Für viele ist es das wichtigste Modebuch dieses Herbstes: In "Frauen und Kleider" wurden 600 Frauen nach ihren Anziehgewohnheiten befragt

STANDARD: Wie lange haben Sie heute Morgen für Ihr Outfit gebraucht?

Leanne Shapton: Kurz. Weil ich meine Sachen in New York schon gepackt und mir überlegt hatte, was ich in Europa anziehen würde. Ich habe mich für drei Teile entschieden: Bluse, Rock, Stiefel. Darin fühle ich mich professionell, unantastbar. Die weiße Bluse mit verdeckter Knopfleiste hat an genau den richtigen Stellen Taschen: Ich muss darunter keinen BH tragen.

STANDARD: Für Ihr Buch "Frauen und Kleider" haben Sie und zwei Co-Autorinnen mehr als 600 Frauen gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Eine Frage will ich Ihnen zurückstellen: Tragen Sie dieses Outfit zu oft?

Shapton: Im Gegenteil – wir wechseln unsere Klamotten zu häufig. In Modezeitschriften steht über eine Schauspielerin verächtlich: Sie hat schon wieder dasselbe Kleid getragen. Ich denke eher, toll, wie effektiv sie einkauft. Sie lässt sich nicht zum Werkzeug der Werbung machen. Das sollte gewürdigt anstatt belächelt werden.

STANDARD: Frauen reden über Kleider. Kennen wir das nicht zur Genüge aus der TV- Serie "Sex and the City"?

Shapton: In der Serie ging es um Frauen mit Modelmaßen, die exzessiv shoppten, weil ihnen etwas fehlte. Die Heldin Carrie Bradshaw suchte einen Mann und fand Schuhe von Manolo Blahnik. Wir wollten etwas ganz anderes. Deshalb haben wir auch keine Fotos der befragten Frauen abgedruckt. Wir haben stattdessen versucht, in den Interviews herauszufinden, was der ganz eigene Stil der jeweiligen Frau ist. Wir fragten nicht nach Marken, sondern nach Gewohnheiten: Wie packt sie ihren Koffer, sortiert sie ihren Kleiderschrank, wählt sie ihre Einkäufe aus?

STANDARD: Sich mit Mode zu beschäftigen gilt als oberflächlich, besonders unter Intellektuellen, wie Sie selbst eine sind.

Shapton: Weil der Dialog bislang von Modezeitschriften geführt wird. Und der ist eng verbunden mit Anzeigen und Verkaufszahlen. Unser Buch will einen Diskurs stimulieren: dass es kein Tabu ist, über Kleidung zu reden.

STANDARD: Woher kommt das?

Shapton: Mode wird als dekorativ wahrgenommen, als weiche Kunst. Ich halte sie für eine bildliche Sprache, die der Schriftsprache in nichts nachsteht. Weil sie aber kein Lexikon hat, keine lange Geschichte, sind Menschen, die sich damit auseinandersetzen, nicht so artikuliert. Ihr Vokabular ist überschwänglich und vermittelt den Eindruck, es handele sich um eine leichtfertige Angelegenheit.

STANDARD: Die deutsche Soziologin Barbara Vinken behauptet, dass Mode früher die Klassen getrennt habe und heute die Geschlechter separiere.

Shapton: Sie trennt nach wie vor die Klassen! Die kambodschanischen Fabrikarbeiterinnen kennen all die wunderbaren Farben, die schimmernden, matten Töne, die wir so gern tragen. Sie berühren sie jeden Tag. Aber sie können sich nur die T-Shirts in einfachem Rot, Orange, Grün, Blau leisten.

STANDARD: Vinken meint, die Mode betone nur noch bei Frauen das Sinnliche, Männeroutfits seien seit der Französischen Revolution auf Funktionalität und Repräsentation reduziert.

Shapton: Wirklich? Schauen Sie doch, wie die Männermode sich verändert hat. Es gibt mehr Stretch-Anteile in Jeans als früher. Die Werbebilder für Männerkleidung sind oft homoerotisch, sehr sexualisiert. Eine rasierte Brust, gewachste Körper.

STANDARD: Vielleicht fällt es Hetero-Männern deshalb schwer, sich körperbetont anzuziehen. Sind sie die Verlierer der Mode?

Shapton: Es gibt bei Männern eine Menge unerforschtes Terrain, genauso wie Frauen sich weniger um Mathematik, Autos und Tiefseeforschung kümmern – was sie aber tun sollten. Ich habe deshalb Mitleid mit Männern. Es macht solchen Spaß, sich für einen Abend aufzubrezeln. Schade, dass Männer sich nicht trauen "Schau dir mal meinen Hintern an!" zu sagen. Wenn sie wüssten, wo wir Frauen hinsehen, würden sie sich anders anziehen.

STANDARD: Sie wollen mehr pralle Hintern auf der Straße sehen?

Shapton: Ich will mehr Männer sehen, denen es gefällt, sich anzuziehen.

STANDARD: Wie reagieren Männer auf Ihr Buch?

Shapton: Manche sagen, es sei, als würden sie ihre Schwestern belauschen. Sie sagen, sie hätten nie geahnt, wie viel persönliche Geschichte in die Entscheidung für bestimmte Kleider einfließt. Oft fragt man ja: Für wen ziehen sich Frauen an? Sie tun das für andere Frauen.

STANDARD: Wenn Frauen sich auf der Straße nach anderen Frauen umsehen ...

Shapton: ... suchen sie nach Information. Sie lassen den Blick über die andere gleiten, als würden sie den Wetterbericht lesen. (Ulf Lippitz, RONDO, 20.12.2015)

Fragestunde

Sind Frauen wirklich nur Modeopfer? Die Autorin und Illustratorin Leanne Shapton (42) konnte sich das nicht vorstellen. Also begann die Kanadierin, zusammen mit den Autorinnen Sheila Heti und Heidi Julavits, Frauen auf der ganzen Welt zu ihrem Verhältnis zu Kleidung zu befragen – von Verkäuferinnen zu Künstlerinnen wie Lena Dunham und Mirandy July. Herausgekommen ist das Kompendium "Frauen und Kleider".

"Frauen und Kleider", S.-Fischer-Verlag, 25,70 Euro, ISBN: 978-3-10-002242-4

  • "Frauen und Kleider"  ist eine Erhebung, warum Frauen sich  wie anziehen, welche Erinnerung sie mit bestimmten Accessoires verbinden und wie sie ihren Kleiderschrank organisieren.
    foto: gus powell

    "Frauen und Kleider" ist eine Erhebung, warum Frauen sich wie anziehen, welche Erinnerung sie mit bestimmten Accessoires verbinden und wie sie ihren Kleiderschrank organisieren.

  • Für das Kompendium "Frauen und ihre Kleider" befragten die Autorinnen Frauen auf der ganzen Welt zu ihrem Verhältnis zu Kleidung.
    cover: fischer-verlag

    Für das Kompendium "Frauen und ihre Kleider" befragten die Autorinnen Frauen auf der ganzen Welt zu ihrem Verhältnis zu Kleidung.

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