Käppi ab! Baseballkappen sind extrem angesagt

16. Dezember 2015, 16:32
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Von den High-Fashion-Laufstegen bis zum Alltag auf der Straße. Eine kleine Geschichte dieser "Krone des Durchschnittstypen"

US-Präsident Barack Obama trägt sie ebenso gern wie die exzentrische Popdiva Rihanna, die meisten Regisseure im Filmbusiness wurden bei ihren Drehs damit gesichtet, Schauspieler Tom Selleck unterstrich seine coole Sexiness in der 1980er-Jahre-TV-Serie "Magnum" mit ihr, der schwule Zeichner Tom of Finland stattete seine potenten Muskeltypen mit ihr aus, und in der Wiener U-Bahn vereint sie den Bauarbeiter mit dem Hipster.

Kaum ein Kleidungsstück ist so vielseitig einsetzbar und so allgegenwärtig wie die Baseballkappe. Ein Accessoire wie ein Botschafter der Völkerverständigung: zwischen Normcore, schwuler Sub- und Fetischkultur und High Fashion. Es verbindet Arm und Reich, Schick und Leger, Weiblich und Männlich. Der Lkw-Fahrer verwendet das Käppi ebenso wie der Bankangestellte, der Modemuffel wie der Fashion-Aficionado.

"Crown of the Every-Man"

Das niederländische Modemagazin "Fantastic Man" schwärmte jüngst von dieser faszinierenden "Crown of the Every-Man". Wo es Menschen gebe, würden auch Caps zu finden sein. Der Siegeszug der Kappen reicht längst vom Billigladen bis zum Luxusshop – es gibt Exponate in Krokoleder, die hunderte Euros kosten.

Das hippe französische Label Études Studio hat jedes Jahr hochwertige Modelle aus Leder in seiner Kollektion, die deutsche Marke Reality Studio setzt auf edle Kappen mit Wolleinsatz, der Daunenjackenspezialist Moncler hat gemeinsam mit dem US-Cap-Profi New Era wintertaugliche, gefütterte Modelle im Sortiment. Der britische Designer Nasir Mazhar, von Streetstyle-Fans weltweit geschätzt, hat seine eckigen Kappen mit einem Bleistift ausgestattet, der jederzeit griffbereit ist, das französische Label A.P.C. bietet Kapperln in Denim an, und Ermenegildo Zegna Couture hat gerade eine luxuriöse Variante in klassischem Harris-Tweed oder glänzendem Gummi-Look auf den Markt gebracht.

"Snapbacks Back"

Die Modewelt ist verrückt nach diesem Accessoire, kaum ein Shooting, in dem kein Cap vorkommt, verstärkt tragen auch weibliche Models den Look. Woher kommt dieser Hype bloß?

Einen zentralen Anteil hat sicher das Revival der 1990er- und Nullerjahre, das gerade massiv voranschreitet. Vor allem die Snapback ist wieder hip – auch Chris Brown lud sie 2011 in seinem Song "Snapbacks Back" mit neuer Coolness auf. Die Snapback, also jene Kappe, deren Größe hinten durch eine Druckknopflasche regulierbar ist, war in den frühen Neunzigern ein Must-have, zumindest wenn man Hip-Hop-Fan war.

Legenden wie Ice Cube oder Jay-Z trugen sie in ihren Videos, über das Logo kommunizierte man, welchem Hood man angehörte. Die New Yorker hatten Logos von Vereinen aus Brooklyn oder Queens aufgestickt, die West-Coast-Rapper feierten mit ihren Kappen die gefährlichen Vororte von Los Angeles. Man gehörte über das Tragen einer bestimmten Snapback zu einer Gang. Teil der Popkultur waren die Kappen aber schon vorher: In den 1980er-Jahren entdeckten Skateboarder sie und trugen den Schirm als Zeichen der Rebellion hinten.

Gegen die Erwachsenenwelt

Caps sind schon länger kein Sporbekenntnis mehr, wie sie es noch in ihrer Anfangszeit waren, als sie im Baseball 1858 die bis dato üblichen Strohhüte ablösten. Bis in die 1960er-Jahre wurden sie außerhalb des Spielfelds allerdings nur von Kindern getragen, Erwachsene wären mit dem Jugendkleidungsstück schnell als Hinterwäldler abgestempelt worden. Aber: Wo ein Tabu ist, da regt sich Widerstand. Jugendkultur wurde zum zentralen Motor einer Nachkriegsgesellschaft im Aufbruch, Jungsein zum Imperativ aller darauffolgenden Generationen.

Der verbreitete Wille, gegen die strengen Regeln der Erwachsenenwelt zu rebellieren, verhalf der Kappe schon bald zu ihrem Siegeszug. Gleichzeitig blieb sie auch beim Normalbürger, beim Macho von nebenan, modern. Ende der 1970er-Jahre, als der Fernseher jedes Spiel direkt ins Wohnzimmer übertrug, stellte sie für Durchschnittstypen eine Möglichkeit dar, ihre Sportbegeisterung als Visitenkarte auf dem Kopf zu tragen – bestes Beispiel: TV-Star Magnum, dessen Lieblingsteam die Detroit Tigers waren.

Heute kauft – gerade außerhalb von Amerika – kaum mehr jemand eine Cap, um seinen Verein zu promoten. Jene Tage, als Kleidung für Haltung stand, scheint ohnehin vorbei zu sein. Das coole Label hat den Verein abgelöst, Zugehörigkeit drückt sich über die richtige, sprich angesagte Marke aus.

Wie singt der deutsche Rappers Cro in "Meine Zeit": "Doch ich brauch nicht viel im Leben außer das ,Supreme-Emblem' auf meinen Snapbacks, Decks oder Backpacks." Schließlich definiert sich der Hipster über Konsum und nicht über Inhalt. Auch diese Entwicklung spiegelt kaum ein Kleidungsstück so präzise wider wie die Baseballkappe, die für alle Zeiten die unumstrittene Krone des Durchschnittstypen bleiben wird. (Karin Cerny, RONDO, 16.12.2015)

  • Vom Billiglabel bis zur Couture-Marke: Sie alle haben Baseballkappen im Angebot. Hier ein Hochpreismodell in Leder von Zegna.
    foto: zegna

    Vom Billiglabel bis zur Couture-Marke: Sie alle haben Baseballkappen im Angebot. Hier ein Hochpreismodell in Leder von Zegna.

  • Rihanna trägt die Baseballkappe gerne mit Schirm nach hinten.
    foto: apa/epa/michael nelson

    Rihanna trägt die Baseballkappe gerne mit Schirm nach hinten.

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