"Creating Common Good": Gleichgültigkeit folgt Strafe

16. November 2015, 18:39
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Ein Generator für Aufmerksamkeit am Kunststandort Wien: Das ist die Vienna Art Week. Ihre elfte Ausgabe will aber nicht nur Eventhülse sein und wählte sich ein politisches Motto

Wien – Gemeinwohl schaffen. Das Motto der heurigen Vienna Art Week (VAW) – "Creating Common Good" – klingt fast wie die Antwort auf "Vermehrt Schönes", den Slogan eines gutbekannten Kultursponsors im Bankensektor, der freilich auch Hehreres im Sinn hat als Behübschendes. Gemeinwohl hin, Schönes her – mit dem Bleistift haben es beide: Spitz und senkrecht wie ein Ausrufezeichen – energisch auffordernd "Schreib das auf!" – durchbohrt dieser Notizbüchlein oder Einladungskarte.

Der Bleistift sei auch eine agressive Geste, sagt Robert Punkenhofer und sticht mit einer unsichtbaren Waffe in die Luft. Zeichnen und Schreiben seien politisch wirksame Werkzeuge, so Punkenhofer, der nunmehr vor elf Jahren die VAW gemeinsam mit Dorotheum-Chef Martin Böhm initiierte.

Tatsächlich ist der Bleistift ein schönes, weil widerständiges Symbol – gerade dieser Tage. Als vor zehn Monaten der Terror die Redaktion von Charlie Hebdo traf, tauchte das Bild eines zerbrochenen Bleistifts auf: Aber sein Stummel konnte wieder angespitzt werden.

Piksende Fragen

Nun pikst also die VAW mit der Frage nach dem Beitrag der Kunst zum Gemeinwohl mitten hinein in die Kunstkomfortzone. Wie glaubhaft diese Frage diskutiert wird, kann man nun beim einwöchigen Schulterschluss von marktnahen und -ferneren Institutionen, Galerien und Ausstellungsräumen überprüfen. Gelegenheit dazu gibt es genug: Das intensive Eventbündel zur Stärkung des Kunststandorts hat heuer bei der Zahl der Veranstaltungen (Eröffnungen, Atelierbesuche, Vorträge, Podien et cetera) die 200er-Marke gesprengt.

Zum Glück hat man sich von den kritisierten Rhetorikhülsen wie Projecting Worlds 2013 und Running Minds 2014 verabschiedet und kann sich nun obendrein vom Vorwurf des kollektiven Kunst-Seichtelns erholen: Denn 2015 untermauert man das Motto mit einer eigenen Ausstellung im Kunsthaus Wien. "Die Strafe, die gute Menschen für die Gleichgültigkeit gegenüber öffentlichen Angelegenheiten bezahlen, ist, dass sie von bösen Menschen regiert werden", stellt Punkenhofer ein Platon-Zitat der gemeinsam mit Ursula Maria Probst kuratierten, sehenswerten Schau Creating Common Good (bis 10. 1.) quasi voraus.

Systemische Korruption

Desinteresse, gepaart mit mangelnder Bildung, ist sicher ein Faktor, der zur sich seuchenhaft ausbreitenden "systemischen Korruption" (Punkenhofer) führt. Eine Rolle spielt aber auch die Finanzwirtschaft, die – so etwa US-Soziologin Saskia Sassen (am Freitag in Wien zu Gast) – fähig ist, ganz unabhängig vom Konsumenten Gewinne zu erzielen. Der Einzelne spiele keine Rolle mehr.

Tim Sharp kritisiert etwa das Abkoppeln von Investitionen von der Verantwortung für ein Unternehmen: Er zeigt in der Schau – eher plakativ – mit alten Anlagescheinen tapezierte Koffer, in deren Innerem etwa Totenköpfe baumeln. Amüsant etwa das von Pedro Reyes inszenierte Aufeinandertreffen der Handpuppen Karl Marx und Adam Smith bei "Occupy Wall Street". Smith gründet eine Bank, schickt Marx ein Manifest schreiben und macht sich derweil mit dem Geld davon. Futsch ist futsch: Also doch lieber den Glauben an den schnöden Mammon völlig aufgeben: "Shred your belief" lautet Ernst Logars Angebot zum Scheinchenvernichten. Sich vom System abwenden und alternative Mikrogemeinschaften gründen? Heidrun Holzfeind hat drei im Video porträtiert.

Aber auch der Entzug des öffentlichen und unmittelbaren Lebensraums, etwa durch Gentrifizierung, ist Thema: Ina Wudtke stellt die Spekulanten in rotzigen Protestsongs an den Pranger. Auf die Einschränkung des Demons-trationsrechts in Spanien reagierte Santiago Sierra mit einem Trauerzug für die Regierenden.

Gibt's noch was zu lachen? Anna Witts Videostatisten sollten 60 Minuten lang lächeln. Eine verlogene Qual. (Anne Katrin Feßler, 17.11.2015)

Die Ausstellung "Creating Common Good" eröffnet heute, Montag, 16. 11., um 19.00 zum Start der Vienna Art Week im Kunsthaus Wien. Im Rahmen der Eröffnung finden Performances vom Kollektiv tat ort (Alexandra Behrlinger, Wolfgang Fiel) und Bernhard Cella statt. Cella re-inzeniert einen Text des Projekts "Fucking Good Art" von Rob Hamelijnck and Nienke Terpsma mit darstellerischen Pendants aus der Wiener Kunstszene (ein Künstlerkollektiv, der Direktor eines Museums, eine Kuratorin, ein Galerist, ein Kunstkritiker u.a.).

Vienna Art Week (bis 22. 11.): Ausgewählte Veranstaltungen

  • Symposium "Kann Kunst die Welt verbessern?", 17. 11., Mak, 19.00
  • Vortrag Dieter Lesage (Philosoph, Kritiker, Kurator): "On Art & Populism", 18. 11., Kunsthalle Wien, 18.00
  • Vortrag Adalet R. Garmiany (Künstler/Kurator) im Rahmen des Projekts "Being kurdish", 18. 11., Hinterland, 19.00
  • Vortrag Saskia Sassen (Soziologin, USA): "At the Systemic Edge", 20. 11., Kunsthaus Wien, 19.00

Mehr Programminfos: www.viennaartweek.at

  • Lucy and Jorge Orta: "Antarctic Village-No Borders", 2007
    foto: © thierry bal / dirección nacional del antártico. courtesy lucy & jorge orta

    Lucy and Jorge Orta: "Antarctic Village-No Borders", 2007

  • Jorge Galindo & Santiago Sierra: "Los Encargados", August 2012
    videostill: © jorge galindo & santiago sierra. courtesy jorge galindo & santiago sierra und galería helga de alvear, madrid

    Jorge Galindo & Santiago Sierra: "Los Encargados", August 2012

  • Drogenkrieg, Korruption und Immobilienspekulation vertreiben die Menschen in Ciudad Juárez (Mexiko) aus ihren Häusern: Auf einem stand "Esperanza" (Hoffnung). Mit Kratzen wollte Teresa Margolles 2004 den Schriftzug verewigen. Aber die Hoffnung verschwand bald wieder unter einer Schicht Kalk.
    foto: teresa margolles

    Drogenkrieg, Korruption und Immobilienspekulation vertreiben die Menschen in Ciudad Juárez (Mexiko) aus ihren Häusern: Auf einem stand "Esperanza" (Hoffnung). Mit Kratzen wollte Teresa Margolles 2004 den Schriftzug verewigen. Aber die Hoffnung verschwand bald wieder unter einer Schicht Kalk.

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