Totentanz: Gnadenlehrer von Graden

16. November 2015, 17:43
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Ein Programm geistlicher Chormusik im Dom von Maria Saal

Maria Saal – Klaus Kuchling hat für den von ihm geleiteten Klagenfurter Madrigalchor unter dem Titel Totentanz ein Programm zusammengestellt, das, zur Stimmung besser passend als gewünscht, am Tag nach den Pariser Anschlägen im Dom von Maria Saal präsentiert wurde. In fünf schwebenden Motetten seiner Geistlichen Chormusik von 1648 richtet Heinrich Schütz im ersten Konzertteil seinen Blick über den Tod hinaus auf die Erlösung. Souverän generiert der Chor die Klangschönheit der nuancierten Partitur, wobei er von Gernot Kacetl am Orgelpositiv allerdings auch wie auf Wolken gebettet wird.

Nicht minder beeindruckend der zweite Teil mit den hauchfeinen Tongeweben aus Hugo Distlers Totentanz op.12/2. Trotz der Tonalität wirkt die 1934 uraufgeführte Komposition in der Originalität ihrer Vielstimmigkeit fast avantgardistisch. Zu den 14 Vertonungen von Zitaten aus dem Cherubinischen Wandersmann des Angelus Silesius sind Dialoge zwischen Mensch und Tod eingefügt, die auf den 1942 im Krieg zerstörten Lübecker Totentanz zurückgehen. Dietmar Pickl, Maximilian Achatz und Sarah Rebecca Kühl deklamieren sie weihevoll. Eine Neuzutat sind Tanzeinlagen Anna Heins von improvisationsnaher Leichtigkeit.

Ein Einwand doch: Lang nachdenken über die Programmierung darf man nicht, sonst wird es verwirrend. Denn da ist einerseits Schütz, der sich ganz an Luthers Gnadenlehre und Bibelübersetzung hält, andererseits der zum Katholizismus konvertierte Angelus Silesius, der Luther als "Luzifer" titulierte. Und da ist der anerkannte Neuerer der evangelischen Kirchenmusik Distler (1908-1942), der sich ausgerechnet Silesius-Zitate und als eingestreute Dialoge eine vom Lübecker Heimatkundler Johannes Klöcking stammende Barock-Attrappe aussucht, in der sich alles um gute Werke dreht. Wenn man sich diese Mischkulanz gut ökumenisch zu erklären versucht, bleibt noch immer die Frage, wo die von Distler und Klöcking so eingeforderten guten Werke in ihren Verhältnissen zum Nationalsozialismus geblieben waren. (Michael Cerha, 16.11.2015)

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