Konzerthaus: Suchtmittel und Weltkulturerbe

16. November 2015, 17:45
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Die Philharmoniker und Daniel Barenboim mit Mahlers Neunter

Wien – Feiern, auch wenn Fassungslosigkeit mitschwingt: Beim Festkonzert anlässlich des 70. Jahrestags der Gründung der Vereinten Nationen und der 60-jährigen Mitgliedschaft Österreichs bei dieser Organisation gedachte Bundespräsident Heinz Fischer zu Beginn seiner Ansprache im Großen Saal des Wiener Konzerthauses der Opfer der Terroranschläge von Paris.

Nach einer kurzen Erinnerung an das Werden der Uno und der Republik Österreich machte Fischer dann "das Blumenmädchen" und überreichte einem weiteren Jubilar des Tages einen wagenradgroßen Strauß: dem Dirigenten des Konzerts, Daniel Barenboim.

Mahlers neunte Symphonie stand auf dem Programm, und zahlreiche Vertreter der Bundesregierung, des Bundesheers und des diplomatischen Korps lauschten, wie der nunmehr 73-Jährige zusammen mit den Wiener Philharmonikern Mahlers kolossales Klangpanorama in aller Pracht und allen Details ausbreitete: den zerfallenden Prunk des Fin de Siècle mit seiner Kingsize-Melancholie und seinen zartbitteren Seligkeiten; ein mit dem Klanggold der Harfen und Hörner gemaltes Alpenidyll, belebt auch von mit schwerem Schuhwerk getanzten Ländlern und zirkusgrellen Zerrspiegeleien.

Ja, es war alles da in der Aufführung der Neunten, die Wiener Philharmoniker interpretierten sie souverän, wenn auch nicht mit der allerletzten Freiheit – man spielt das komplexe Riesending doch nicht alle Tage. Die tumultartigen Höhepunkte beeindruckten, rührten jedoch nicht ans Existenzielle – davon hielten die österreichische Tugend des "Nur-nicht-Wehtuns" sowie einige zurückhaltungsfreudige Vereinsmitglieder in den hinteren Streicherreihen ab.

Beglückendes Therapeutikum

Wenn wir schon beim Thema sind: Der Streicherklang der Wiener Philharmoniker – man konnte es im Adagio wieder einmal erleben – sollte vom gefeierten Geburtstagskind, der Uno, bitte schön schleunigst ins Weltkulturerbe aufgenommen werden. Und die Bundesregierung müsste überlegen, ob dieses gefährlich glückselig machende Therapeutikum nicht unter das Suchtmittelgesetz fallen sollte. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Musikkritiker.

Im Piano streichelt es das Gemüt, im Forte und im Fortissimo wächst es an zu einem breiten Strom der Wonne, der die Seele wärmt wie hundert Daunendecken. Konzertmeister Rainer Honeck verband in seinen Soli Feingefühl und Pointiertheit, Heinrich Koll, der Doyen der Bratsche, erledigte die seinen zügig, und zwei unbeschreiblich magische Cellosolotakte von Péter Somodari leiteten das allerzarteste Ausklingen des Werkes ein. Begeisterung. (Stefan Ender, 17.11.2015)

  • Der 73-jährige Daniel Barenboim entführte die Wiener Philharmoniker ins Zauberreich von Mahlers Zerrspiegeleien.
    imago/future image

    Der 73-jährige Daniel Barenboim entführte die Wiener Philharmoniker ins Zauberreich von Mahlers Zerrspiegeleien.

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