Ehrenamtliche Geschwister als Wegbegleiter

17. November 2015, 11:38
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Big Brothers Big Sisters stellt Kindern und Jugendlichen in schwierigen Situationen erwachsene Freunde zur Seite

Bereits von der Diele ertönt Kindergelächter. Ramzan und Hamza Magomadow sitzen am Esstisch einer Garçonnière. Ein verschmitztes Lächeln umspielt ihr Gesicht, als Ramzan stürmisch ausruft: Uno, Uno! Dem tristen Regenwetter zum Trotz wird an diesem Sonntag ein bunter Spielevormittag veranstaltet. Die Geschwister sind zu Besuch bei Maksymilian Chudzicki, Ramzans "großem Bruder".

Obwohl die beiden nicht verwandt sind, verbindet sie eine ganz besondere Beziehung. Die Initiative Big Brother Big Sisters stellt Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen einen Mentor oder eine Mentorin zur Seite. Das erklärte Ziel: den Jugendlichen Perspektiven aufzuzeigen. Insgesamt zählt der Verein in Österreich bisher 90 Tandempaare. Der 26-jährige Physikstudent Max Chudzicki und Ramzan bilden seit knapp einem Jahr eines davon.

Fehlende Vorbilder

Seit mehr als hundert Jahren verbindet die unabhängige Organisation junge Menschen mit erwachsenen Mentoren und Mentorinnen aus unterschiedlichen Lebenswelten. In Österreich startete die Initiative vor drei Jahren. "Familien werden immer kleiner, dadurch geht die Variation, die ein großes Familiennetzwerk bietet, oft verloren. Den Kindern in unserem Programm fehlt es im Alltag an Rollenvorbildern", sagt Psychologe Oliver Wenninger, der den Verein in Wien aufgebaut hat.

foto: standard/hausberger
Georg Molzer und sein Schützling Hamza albern herum.

Das ist auch der Grund, warum die Tandems gleichgeschlechtlich zugeteilt werden. Die Kinder sollen in ihrer Identität ein Rollenvorbild erhalten, dem sie sich anvertrauen können. Im Idealfall entsteht dabei ein freundschaftliches, geschwisterliches Verhältnis. Doch der Mentor kann auch die Rolle eines Großvaters oder einer Großmutter einnehmen, der älteste Teilnehmer im Programm ist 72 Jahre alt. Wenninger hebt vor allem das 1:1- Mentoring hervor, dieses würden das Selbstvertrauen und die Selbstständigkeit der Kinder signifikant steigern.

Reden auf Augenhöhe

Es läutet. "Wie geht's deinem Gips, Mann?", fragt Hamzas Mentor Georg Molzer zur Begrüßung seinen Schützling, dessen linke Hand von der weißen Stütze umhüllt ist. "Gips, Mann", wiederholt dieser spitzbübisch und grinst. Er schaut seinen leiblichen Bruder an, die beiden prusten los.

Dass zwei Geschwister Teil des Mentoringprogramms sind, ist ungewöhnlich. Bis vor Kurzem hatte auch die Dritte im Bunde, Schwester Iman, eine eigene Mentorin. Gemeinsame Treffen mit ihren Mentoren sind dem Brüderpaar nicht fremd. "Wir waren ein paar Mal zusammen geochachen, also auf Schatzsuche in Wien", erzählt Maksymilian Chudzicki, "urgeil, so etwas in Wien zu machen." Der Sprachgebrauch der beiden Mentoren ist dem der Buben teilweise nicht fern – auch das macht einen großen Bruder aus, das Kommunizieren auf Augenhöhe. Für Chudzicki ist es wichtig, dass er keine Obrigkeit vermittelt, er ist schließlich kein Erziehungsberechtigter, sondern nur ein älterer Freund.

Sozialer Anker

Familie Magomadow ist vor dreizehn Jahren aus Tschetschenien vor dem Krieg geflohen. Ramzan war damals noch ein Baby, der heute elfjährige Hamza wurde in Wien geboren.

foto: standard/hausberger
Die Brüder Hamza und Ramzan verbringen den Sonntagvormittag beim Studenten Max Chudzicki. Auch Vereinsleiter Oliver Wenninger (rechts) ist gekommen.

"Die Kinder in unserem Programm haben alle eine individuelle Geschichte, die sie stets begleitet. Ich schätze es irrsinnig, dass diese Eltern ihren Kindern die Möglichkeit eröffnen, irgendwo sozial anzudocken." Dadurch, dass die Mentoren und Mentorinnen sich ehrenamtlich mit ihren Schützlingen treffen und nicht aus der professionellen Sozialarbeit kommen, entsteht ein besonderes Vertrauen.

"Diese Kinder nehmen bei Gleichaltrigen eher eine Außenseiterrolle ein. Deswegen schätzen sie es jemanden zu haben, der etwas mit ihnen unternimmt, aber gleichzeitig erfahrener ist und ihnen Tipps geben kann", sagt Wenninger. In einem aufwendigen Auswahlverfahren werden Mentor und Mentee zusammengeführt, ein besonderer Fokus wird auf ähnliche Interessen und auf die Erwartungshaltung beider gelegt.

Gleich und gleich gesinnt sich

"Ich war immer ein kleiner Klugscheißer, so einer mit Brille. Ich hab liebend gern einen auf kleiner Professor gemacht", sagt Physik-Student Max Chudzicki. Gleichaltrige hätten ihn nie besonders interessiert. "Ich wollte einen Mentee, der genauso ein Klugscheißer und genauso wissbegierig ist wie ich damals." Mit Ramzan hätte die Organisation für ihn eine gute Wahl getroffen. Auch der gebürtige Tschetschene Ramzan interessiert sich sehr für Naturwissenschaften, allen voran Physik und Mathematik.

"Es gibt zu Hause niemanden, mit dem ich mich austauschen kann. Meinen kleinen Bruder interessieren nur Computerspiele, aber nicht die Technik dahinter", sagt der 13-Jährige. Seine Arme hat er unter der Brust verschränkt, er wirkt verschlossen. Ramzans Aussprache verrät seine Herkunft nicht, die deutsche Grammatik bereitet ihm allerdings Schwierigkeiten. Immer wieder stockt er im Reden und beginnt einen Satz erneut. "Max ist anders. Der freut sich, wenn er jemandem etwas erklären kann, wenn er mir etwas erzählen kann. Wie ein richtiger Klugscheißer das halt macht." Beim Wort Klugscheißer muss Ramzan laut lachen, seine Arme hat er aus der Verschränkung gelöst.

foto: standard/hausberger
Ramzan hat vieles mit seinem Mentor Maksymilian Chudzicki gemein. Auch Chudzicki kam mit seinen Eltern nach Österreich, als er noch sehr klein war.

Schwärmerei

"Er ist ein urgscheiter Bub, wirklich klug", beim Reden über seinen Schützling leuchten Maksymilian Chudzicki Augen auf. "Er ist halt schwach in Deutsch. Deshalb lernen wir auch öfter gemeinsam." Die Nachprüfung im Sommer konnte Ramzan nicht zuletzt durch die Hilfe seines Mentors meistern. "In Mathe ist er dafür bombastisch. Einem guten Schüler etwas beizubringen ist extrem dankbar", sagt der 26-Jährige, in seiner Stimme schwingt Stolz mit. Nach dem letzten Lernen sei Ramzan schon nach zwanzig Minuten mit seiner Mathematikschularbeit fertig gewesen, sehr zur Überraschung des Lehrers.

Unterstützung gesucht

Bis Jahresende soll es hundert Tandempaare geben, damit stößt der Verein an seine Ressourcengrenze. Es gäbe derzeit Anfragen von über 500 Kindern, die in das Programm wollen. "Im Moment sind wir auf der Suche nach neuen Förderungen," sagt Oliver Wenninger. Denn nur so könnten auch andere bedürftige Kinder ein großes Wunschgeschwisterl bekommen. Oliver Wenninger wird nachdenklich. Er zieht Parallelen zu den jüngsten Anschlägen in Paris: "Die Täter sind meistens junge Leute, die keine Perspektive gehabt haben. Wir versuchen früh mit Kindern zu arbeiten, bei denen eine Chancenungleichheit vorhanden ist." Im Prinzip sei der Verein deshalb auch ein Präventionsmodell. (Sophie-Kristin Hausberger, 17.11.2015)

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