Das fehlende Ventil für rechte Gewalt

17. November 2015, 05:30
128 Postings

Bereits 16 Anschläge mit rechtsextremem Hintergrund gab es seit 1990 in Schweden. Eine Studie sucht nach Ursachen

Schweden hält einen traurigen Rekord: In keinem anderen westeuropäischen Land gab es in den zurückliegenden 25 Jahren gemessen an der Bevölkerungszahl so viele rechtsextreme Anschläge mit mehreren Todesopfern. Das Schulattentat in Trollhättan im Oktober war der 16. Anschlag dieser Art. Als wichtigste Ursache des hohen Gewaltaufkommens vermuten die Wissenschafter einer noch laufenden Studie des norwegischen Forschungsinstituts der Streitkräfte (FFI), deren Ergebnisse im kommenden Jahr veröffentlich werden sollen, eine Kombination aus hoher Einwanderung, einer starken rechtsextremen Untergrundbewegung und einer öffentlichen Debatte, die legitime Einwanderungskritik nur begrenzt zulässt.

Die Aufnahme vieler Flüchtlinge über lange Zeit – wie eben in Schweden – gelte grundsätzlich als "Risikofaktor" für die Anstachelung rechtsextremer Gewalt, so Jacob Aasland Ravndal, einer der beteiligten Forscher, zum STANDARD. In anderen Ländern mit ebenfalls hohen Asylwerberzahlen sei das Gewaltniveau aber deutlich niedriger. Ein Grund könne sein, dass jemand, der Missstände in Sachen Integration anspreche, in Schweden schnell als Rassist abgestempelt werde. Manch einer könne daraufhin in rechtsextrem dominierte Kreise abdriften, sich radikalisieren und gewaltsam werden.

Rechte Parteien als Druckventil

Schweden also als "Druckkessel", bei dem es unter dem Deckel schäumt? In einer Umfrage gab kürzlich die Mehrheit der Befragten an, ehrliche Meinungsäußerungen zu Migration allenfalls im engsten Familien- und Freundeskreis zu wagen. "Probleme gibt es genug", betont Ravndal, "so hat die Polizei mehrere Migrantenwohngebiete benannt, in denen Exekutive und Gesundheitspersonal wegen des Widerstands der Einwohner nicht normal arbeiten können."

Natürlich, so der Forscher, könne auch "unbegrenzte Offenheit" im Sinne von Hetze gegen Migranten Hass und Gewalt befördern. Gleichwohl wagen die Forscher eine weitere Hypothese: nämlich die, dass großer Zuspruch zu rechtspopulistischen Parteien als eine Art Druckventil rechter Gewalt entgegenwirken kann.

Radikalisierung beobachten

Ein Hinweis darauf sei die Tatsache, dass es im benachbarten Dänemark seit 1990 genau einen rechtsextremen Anschlag gegeben hat – dort, wo die rechtspopulistische Dänische Volkspartei das politische Geschehen seit langem maßgeblich mitbestimmt. Die ähnlich gesinnten Schwedendemokraten haben hingegen erst in jüngster Zeit an Sympathien zugelegt, sind aber parlamentarisch nach wie vor weitgehend isoliert.

Neben einer Debatte mit mehr Raum für legitime Einwanderungskritik empfiehlt der Wissenschafter Schweden höchste Aufmerksamkeit, um weitere Rekrutierungen in das extreme Milieu zu verhindern – nicht nur am rechten Rand. (Anne Rentzsch aus Stockholm, 17.11.2015)

  • Ende Oktober tötete ein 21-jähriger Maskierter in der schwedischen Stadt Trollhättan einen Lehrer und einen Schüler. Der Täter soll laut Ermittlungen einen rechtsextremen Hintergrund gehabt haben.
    foto: reuters/adam ihse/tt news agency

    Ende Oktober tötete ein 21-jähriger Maskierter in der schwedischen Stadt Trollhättan einen Lehrer und einen Schüler. Der Täter soll laut Ermittlungen einen rechtsextremen Hintergrund gehabt haben.

Share if you care.