Bildungsreform ... allein, es fehlt der Glaube

Userkommentar16. November 2015, 13:40
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Unterricht darf nicht Tafelabschreib- und Buchausfüllzeit sein. An Schulen braucht es zeitgemäße Didaktik

Wer meint, dass sich nach der Bildungsreform die Qualität von Schule und Unterricht wesentlich verbessert, wird wahrscheinlich herb enttäuscht. Wenn es allein um Finanzierung und Verwaltung geht, könnten diese Aspekte zwar etwas Geld umlenken, dies wird aber keinen wesentlichen Einfluss auf den schulischen Alltag und die Wirksamkeit oder Wirkungslosigkeit von teurer Unterrichtszeit haben. Die große Differenz zwischen Traum und Wirklichkeit, der vielfach erlebte Schulalltag, ist weit entfernt von dem, was sich Politikerinnen und Politiker und Theoretikerinnen und Theoretiker erträumen.

Wie die Schule ihren Auftrag verfehlt

In den vergangenen Jahren wurde an vielen Schrauben im System gedreht, und keine dieser Änderungen hat dazu beigetragen, dass Schülerinnen und Schüler dadurch effizienter, motivierter, sinnvoller lernen konnten.

Die guten Schülerinnen und Schüler werden ohnehin von den Eltern gefördert, und die schwachen Schülerinnen und Schüler bleiben schwach – das ist das Problem, und damit hat die Schule ihren Auftrag schon verfehlt. Löblich erwähnen möchte ich an dieser Stelle die vielen Lehrerinnen und Lehrer, die diesem Phänomen mit übermenschlicher Kraftanstrengung in ihren Klassen gegensteuern. Es gibt sie, aber es gibt sie nicht flächendeckend, und so ist man als Kind nicht nur von dem Zufall abhängig, in welche Familie man hineingeboren wird, sondern auch noch davon, welchen Lehrerinnen und Lehrern man in den Schulen begegnet.

Mehr Macht für Direktorinnen und Direktoren

Werden Direktorinnen und Direktoren – ausgestattet mit mehr Macht durch Schulautonomie – besser sehen, dass der Großteil der Lernzeit mancherorts "Tafelabschreib- und Buchausfüllzeit" ist?

Werden sie die Möglichkeit wahrnehmen, sich von Lehrpersonen zu trennen, die es nicht schaffen zu individualisieren und damit Schülerinnen und Schülern Lebenschancen verbauen?

Werden sie die herausfinden, die nach wie vor mit "Angst und Schrecken" regieren?

Werden sie die entfernen, die die Schulen als "geschützten Arbeitsplatz" verstehen?

Wohl nur, wenn auch die Gewerkschaften sich endlich zum Auftrag der Schule und zum Recht aller Schülerinnen und Schüler auf besten Unterricht bekennen.

Bildung nach Bedarf des Kindes, nicht der Institutionen

Werden die Schulerhalter wieder darauf setzen, mehr Personal in die Klassen zu stellen, statt darauf zu achten, dass nur die Besten sich dort einfinden? (Wer den Einsatz der Lehrpersonen in Doppel- und Dreifachbesetzung beobachtet hat, weiß, was ich meine!)

Werden die Schulerhalter herausragende Leistungen von Standorten und Lehrerinnen und Lehrern belohnen, oder wird es wie bisher egal sein, ob man sich anstrengt oder nicht?

Werden sie endlich die "Bildung des Kindes – je nach Bedarf" finanzieren und nicht Institutionen, die sich oft nur mehr selbst verwalten?

Werden sie rechtzeitig herausfinden, wenn Schülerinnen und Schülern an manchen Standorten nicht das geboten wird, was ihnen zusteht?

Werden sie den Verwaltungswahnsinn reduzieren und die Schulen davon freihalten, damit Kraft für pädagogische Arbeit bleibt?

Werden sie darauf achten, dass alle Schülerinnen und Schüler sich optimal entwickeln und die bestmöglichen individuellen Lernfortschritte machen, ohne alle Beteiligten in den "Testwahnsinn" zu treiben?

Werden sie endlich dafür sorgen, dass pädagogische Arbeit von hoher Qualität gleich viel wert ist, egal ob sie im Kindergarten oder in der Oberstufe geleistet wird?

Es braucht zeitgemäße Didaktik

All das wären Voraussetzungen, dass für Schülerinnen und Schüler die Chancen für besseren Unterricht und damit bessere Bildung steigen. Und dennoch wird diese Zielerreichung davon abhängen, was im Unterricht in der täglichen Interaktion zwischen Schülerinnen, Schülern und Lehrerinnen, Lehrern geschieht. Werden Lehrerinnen und Lehrer ihr Bild vom Kind an die Realität des 21. Jahrhunderts anpassen?

Die häufigen Formen der angewandten Didaktik entsprechen nicht den Kindern von heute. Kinder von heute können manches besser als die Kinder vor 50 Jahren, und sie können manches schlechter. Auf jeden Fall sind sie absolut heterogen. Manche Kinder wissen viel mehr von der Welt als jene Kinder, die ohne Fernsehen aufgewachsen sind. Sie sind vom Sachunterricht in der Grundschule unterfordert und haben ganz andere Fragen, als der indirekte Lehrplan – das Sachunterrichtsbuch – zu beantworten bereit ist.

Andere wissen von dieser Welt Dinge, die sie gar nicht wissen sollten – sie wissen um Krieg, Gewalt und Flucht. Die Lehrerschaft hat all diese Erfahrungen nicht und keine Vorstellung davon, was dies bedeutet. Viele Kinder kennen die Natur nur aus zweiter Hand. Viele Kinder leben in besonderen familiären Situationen. Manche sind von der Umwelt überreizt. Manche sind orientierungslos.

Werden es die Lehrerinnen und Lehrer schaffen, ihre didaktischen Konzepte für die Kinder des 21. Jahrhunderts zu überarbeiten und die Didaktik der 1950er-Jahre zu überwinden? Wohl nur dann, wenn Unterrichtszeit nicht mehr "Tafelabschreib- und Buchausfüllzeit" ist. (Marianne Wilhelm, 16.11.2015)

  • Werden es die Lehrerinnen und Lehrer schaffen, ihre didaktischen Konzepte für die Kinder des 21. Jahrhunderts zu überarbeiten?
    foto: ap/bernd kammerer

    Werden es die Lehrerinnen und Lehrer schaffen, ihre didaktischen Konzepte für die Kinder des 21. Jahrhunderts zu überarbeiten?

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