Beethoven im Musikverein: Körperliches Musizieren

16. November 2015, 11:02
7 Postings

Die Berliner Philharmoniker gastierten mit Beethovens Neunter in Wien

Wien – Kann man, soll man Musik machen, einen Tag nach einem albtraumhaften Massaker wie jenem in Paris? Er sei "zutiefst schockiert" von den Ereignissen in Frankreich, meinte Dirigent Sir Simon Rattle bei einer Ansprache vor Beginn des fünften und letzten Gastspielabends der Berliner Philharmoniker im Wiener Musikverein.

Aber gerade Ludwig van Beethovens Neunte Symphonie, diese Reise von der Dunkelheit ins Licht, trage die Botschaft der Menschlichkeit und Liebe in sich. Und der Chef des Wiener Musikvereins, Thomas Angyan, stellte der Musik voran, dass uns die Gräueltaten in Paris "ins Bewusstsein rufen sollen, für welche Werte wir stehen".

Rastlose Animation

Dann ging's los. Energisch und straff wurde ab dem Fortissimo-Tutti im Stirnsatz musiziert, auf lyrische Finesse folgte struppiger Furor. Die Berliner Philharmoniker pflegen, verglichen mit den weicheren Wiener Kollegen, eine körperliche Musizierweise mit hoher Grundspannung und Eigeninitiative.

Und Sir Simon Rattle? Der mitunter kindlich-überdrehte Euphoriker und rastlose Animateur liebt die Extreme und überzeichnet das musikalische Geschehen gern, pusht es gar an die Grenze zur Hysterie.

So wurde das (im Piano notierte) "Freude"-Thema von den Celli und Kontrabässen mehr gehaucht als gespielt, nach einer saftigen Steigerung wurde es dann im Forte auf eine seltsam hyperelastische Art vorgeführt. Der Singverein interpretierte seinen Part mit intensiver Strahlkraft, dem Solistenquartett (Annette Dasch, Eva Vogel, Christian Elsner und Dimitry Ivashchenko) fehlte leider der höchste Glanz.

Alle Menschen werden Brüder? Die Hoffnung bleibt bestehen. Im Musikverein Begeisterung am Samstagabend. (Stefan Ender, 16.11.2015)

Share if you care.