Der Mensch hat viele Widersprüche

16. November 2015, 10:54
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Bei CPH:DOX, dem Dokumentarfilmfestival in Kopenhagen, sorgten Filme über Klimawandel und Whistleblower für Debatten. Die schönsten Arbeiten fanden schon im täglichen Daseinskampf etwas Universelles

Auf Dokumentarfilmfestivals ist die Lücke zwischen Welt und Kino stets ein wenig schmäler. Das lässt sich auch gut am Publikum überprüfen, das Filmen, mit denen es ein besonderes Anliegen verbindet, mit einer Aufmerksamkeit folgt, die auch einer politischen Veranstaltung gut anstünde. Als vor This Changes Everything, einem kämpferischen Dokumentarfilm über Maßnahmen gegen den Klimawandel von Avi Lewis und Naomi Klein, justament eine Werbung für eine deutsche Automarke lief, wurde auf dem Kopenhagener Festival gepfiffen – und von ein paar anderen aufgrund dieser Ironie gelacht.

This Changes Everything verknüpft einige wichtige Schauplätze von Graswurzelbewegungen gegen Klimasünder, von Kanada bis Indien, um zu veranschaulichen, dass Widerstand auf dieser Ebene durchaus Erfolge zeitigt. Der Film, der am Samstag gleich in ein Dutzend Sälen zugleich gezeigt wurde, war einer der Renner von CPH:DOX, das sich in zwölf Jahren zu einem der größten Dokumentarfilmfestivals in Europa entwickelt hat und nicht nur eine breite Palette an Themen, sondern auch an Zugangsweisen anbietet.

Whistleblower im Visier

Zu den politisch relevanten Arbeiten gehörte auch A Good American, in dem der Österreicher Friedrich Moser, ein Jahr nach Laura Poitras' Snowden-Film Citizenfour, den langjährigen NSA-Mitarbeiter und Whistleblower William Binney vor die Kamera rückt und dessen Entwicklung von Thinthread ausführen lässt.

Dabei handelt es sich um ein Computerprogramm, das aus Überwachungstechnologien gewonnene Datenunmengen intelligent zu verknüpfen und auszuwerten versteht. Binney wird uns als Eigenbrötler mit Liebe zur Mathematik präsentiert, an dem die NSA-Führungsebene vorbeiging. Sie entschied sich für eine kostenintensivere und vor allem fragwürdigere Alternative – Binney behauptet nun schon seit Längerem, Thintread hätte gar 9/11 verhindern können.

Mit diesem spekulativen Moment arbeitet auch der Film und ordnet seinen Blick ganz Binneys Sichtweise und der seiner Mitstreiter unter. Fraglos eine starke Geschichte, die viel über Macht- und Geldverteilungen in US-Institutionen erzählt, hätte diese noch mehr Nuancen vertragen können. Dass Binney etwa mehrmals Reue darüber geäußert hat, dass seine Innovation nun durchaus der Massenüberwachung dienlich ist, darüber verschwendet der Film kein Wort. Dabei würde gerade dies Binneys Lage mehr Ambivalenz hinzufügen.

Dass sich über ein gesellschaftlich triftiges Thema ein durchaus ironischer Film drehen lässt, bewies Eric Gandini mit The Swedish Theory of Love. Der schwedische Regisseur nimmt sein Sujet völlig ernst, er wählt aber so originelle Perspektiven, dass man bei ihm nie den Eindruck erhält, er wolle einen mit Gewalt überzeugen.

Gandinis Film beginnt mit der Feststellung, dass die Schweden seit den 1970er-Jahren familienpolitisch den radikalsten Weg eingeschlagen haben: Individuelle Freiheit hieß das höchste Gebot, was sich auch in der Hinterfragung tradierter sozialer Rollenmuster äußerte. Heute hat das Land im Norden nicht nur eine hohe Rate alleinerziehender Mütter, sondern auch ein großes Problem mit Vereinsamung – Gandini behandelt diesen letzteren Aspekt, indem er der unerfreulichen Arbeit einer Einrichtung folgt, die sich mit unbemerkt Verstorbenen beschäftigt.

Hippies im Wald

Mit seinen klug gewählten Gegenüberstellungen zielt The Swedish Theory of Love auf die Verluste ab, die eine auf Eigenverantwortung fixierte Gesellschaft gerne einmal aus den Augen verliert. Doch auch den Gegenbeispielen – zum Beispiel einer Art Hippiekommune, die im Wald Zärtlichkeiten austauscht -, nähert sich Gandini mit Augenzwinkern an und beweist ein gutes Gespür für die Widersprüchlichkeit menschlicher Bedürfnisse.

Mallory, die Protagonistin von Helena Trestíkovás preisgekröntem gleichnamigen Dokumentarfilm, hat nur eines: Sie will wieder ein Dach über dem Kopf. Als wir der ehemaligen Drogenkranken das erste Mal begegnen, lebt sie in ihrem Auto, das sie aufgrund von Anfeindungen immer wieder an anderen Orten abstellen muss. Trotz ihrer prekären Lage bewahrt Mallory ihre Würde und gibt nicht auf, für ein besseres Leben zu kämpfen.

Die Tschechin Trestíková ist bekannt für ihre Langzeitbeobachtungen. Mallory hat sie über zehn Jahre hinaus begleitet, ein Zeitraum, der dem Film erst die richtige Dimension für diesen Existenzkampf verleiht. Die staatliche Wohlfahrt verweist sie mehrmals auf die Lotterie. Am Ende hat diese Frau so manches überstanden – und sagt sinngemäß: "Scheiß auf das Schicksal." (Dominik Kamalzadeh aus Kopenhagen, 16.11.2015)

  • Eine Frau, die nicht aufgibt, für ein menschenwürdigeres Dasein zu kämpfen: Mallory, die Titelheldin von Helena Trestíkovás beeindruckendem Langzeitporträt.
    chp:dox

    Eine Frau, die nicht aufgibt, für ein menschenwürdigeres Dasein zu kämpfen: Mallory, die Titelheldin von Helena Trestíkovás beeindruckendem Langzeitporträt.

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