Der "Islamische Staat": Noch lange nicht besiegt

Kommentar15. November 2015, 18:36
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Der Krieg gegen den IS wird hinaufgefahren, aber auch dieser hat Reserven

Zum Zustand des "Islamischen Staats" im Irak und in Syrien gibt es unterschiedliche Einschätzungen und Darstellungen: Es liegt in der Natur der Sache, dass die USA, die seit Sommer 2014 tausende Luftangriffe gegen den IS geflogen sind, ihn als geschwächt darstellen. Es gibt auch Fakten und Zahlen, die das zu untermauern scheinen. Der IS kontrolliert heute einen bedeutend kleineren Abschnitt der syrisch-irakischen Grenze als vor einem Jahr; in Syrien und im Irak ist es gelungen, Keile in das vom IS kontrollierte Gebiet zu treiben und Nachschublinien zu unterbrechen.

Ebenso logisch ist es, dass Russland, das im September direkt in Syrien intervenierte – manche sagen, dass das Assad-Regime damals akut bedroht war -, die US-Strategie als völlig gescheitert darstellt. Moskaus Warnung vor dem globalen Jihadismus, der nicht nur Assad im Visier hat, sondern auch jene, die ihn stürzen wollen, hat durch die Attentate in Paris Nachdruck bekommen. Die USA, die EU und die nahöstlichen Gegner Assads verwehren sich zwar gegen die russische Behauptung, mit dem syrischen Diktator, der friedliche Proteste durch seine Brutalität in einen bewaffneten Aufstand verwandelte, in einem Boot zu sitzen. Aber sie müssen sich fragen lassen, ob sie bereit sind, jeden Preis für den Sturz Assads zu zahlen.

Die US-geführte Allianz, der auch Frankreich angehört. ist dabei, den Krieg gegen den IS hinaufzufahren: Diese Entwicklung begann bereits vor den Verbrechen in Paris, und sie hat durchaus etwas mit der Konkurrenz mit Russland zu tun. Die USA und ihre Verbündeten wollen verhindern, dass es Assad ist, der davon profitiert, wenn Russland den IS zurückdrängt. Dieser Wettlauf – bei dem es etwa darum geht, wer nach deren Befreiung als Erster in der syrischen IS-Hauptstadt Raqqa sein wird – ist zugleich Chance und Gefahr. Denn der US-russische Konsens ist sehr dünn, wie auch die Wiener Syrien-Gespräche zeigten.

Für den IS wird die Eskalation mit Sicherheit verlustreich – und gleichzeitig vielleicht auch eine Quelle der Erneuerung. Das IS-Mobilisierungsargument, dass in Syrien ein Vernichtungskrieg gegen "die Sunniten" stattfindet, wird multipliziert: Zum alawitischen Ketzer Assad mit seinen schiitischen Unterstützern und dem 2014 militärisch eingestiegenen Kreuzfahrer-Westen kommt nun das gottlose Russland. Und der IS wird dafür sorgen, dass man sich auch in Europa des Krieges im Nahen Osten bewusst ist. (Gudrun Harrer, 15.11.2015)

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