Islam nicht als Deckmantel missbrauchen

Kommentar der anderen15. November 2015, 17:39
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Die Bluttat ist durch nichts im Islam zu rechtfertigen. Im Gegenteil, sie stellt einen Angriff auf die Menschheit weltweit dar

Wie jeder sensible Mensch war ich schockiert, als ich die Nachrichten über den schändlichen und feigen Anschlag hörte, der sich in Paris ereignet hat. Diese Attacke ist empörend und schlägt auf das Gewissen jeder zurechnungsfähigen Person, welche religiöse Identität diese auch immer haben mag.

Die muslimische Gemeinde trauert

Ich möchte kategorisch und unmissverständlich unsere Solidarität und Unterstützung für die französische Bevölkerung ausdrücken und auch für deren Entschlossenheit, den Terror zu bekämpfen. Wir schließen die unschuldigen Opfer und deren Familien in unsere Gebete ein. Die gesamte muslimische Gemeinde trauert wie der Rest der Franzosen, denn eine Attacke dieser Größenordnung stellt, wie es unser Heiliges Buch betont, einen Angriff auf die gesamte Menschheit dar.

Terrorgruppen benutzen die Religion schamlos als einen Deckmantel für ihre feigen Gewalttaten. Ihr ideologischer Fehlschluss zeigt ihre verzerrte Logik und ihre schlecht informierten und unauthentischen Quellen, die sie benutzen, um ihren unersättlichen Machtwillen, ihre Kontrollsucht und ihren Blutdurst zu rechtfertigen. Diesen Ideologien des Terrors muss entgegengetreten, sie müssen an der Wurzel gepackt und ausgerissen werden.

Extremistischen Interpretationen des Islam

Wo begann all dies? Im Islam und in anderen Religionen werden wir Zeugen eines Phänomens, dem zufolge sich Menschen ohne religiöse Bildung selbst ermächtigen, als religiöse Autoritäten aufzutreten – auch wenn ihnen jede Qualifikation fehlt, Moral und Religionsgesetze zu deuten. Dieses exzentrische und rebellische Verhalten gegenüber der Religion bringt jene extremistischen Interpretationen des Islam hervor, die in der Realität keine Basis haben.

Außerdem, und das ist sehr wichtig, wurde keiner dieser Extremisten in einer jener zentralen Schulen ausgebildet, die genuine islamische Bildung anbieten. Vielmehr sind sie Produkte problematischer Umgebungen und verzerrter Interpretationen des Islam, die keinen Grund in der traditionellen islamischen Doktrin haben. Deren einziges Ziel ist es, Aufruhr und Chaos in der Welt zu erzeugen.

Es gibt, auch das muss gesagt werden, eine andere Seite dieser Gleichung. Ich habe diese Akte des Terrorismus klar und unmissverständlich verurteilt, und ich wiederhole, dass der Islam gegen jeglichen Extremismus auftritt. Wenn wir dieses Problem jedoch in Angriff nehmen wollen, müssen wir die vielen Faktoren begreifen, die dem Terrorismus und allen Extremismen der Welt rationale Rechtfertigungsmuster zukommen lassen. Sonst riskieren wir, dass wir diese Plage niemals richtig ansprechen, geschweige denn ausrotten können. Es gibt keine Möglichkeit, als dies zu verstehen, wenn wir wirklich eine bessere Zukunft bauen wollen, die dieser schwierigen, alle Menschen weltweit bedrohenden Situation ein Ende bereitet.

Perversion der menschlichen Verhältnisse

Wir müssen uns daran erinnern, dass gewalttätiger Extremismus, wie die aktuellen Ereignisse in aller Welt zeigen, keinen speziellen Glauben kennt. Dabei geht es eher um eine Perversion der menschlichen Verhältnisse, und so muss diese auch behandelt werden. Wir sind alle kollektiv dafür verantwortlich, dieses deviante Verhalten zu bekämpfen. Muslime, Europäer, Amerikaner, Asiaten – wir alle müssen unsere Hausaufgaben erledigen, diese Geisel ausrotten und die Last dafür gemeinsam schultern.

Der wahre Geist der Kooperation ist in Zeiten wie diesen unverzichtbar, und ich sorge mich um die Ausbeutung roher Emotionen durch fanatische Gruppen, die die Existenz von Muslimen in Europa infrage stellen. Eine Religion und eine so unterschiedliche wie überwältigend friedliche Gemeinschaft verantwortlich zu machen für Akte einzelner Außenstehender ist nicht nur unfair, sondern auch kontraproduktiv für unser gemeinsames Ziel, den Terrorismus zu bekämpfen.

Terror die Spitze nehmen

Es ist wichtig, dass wir alle in diesen traurigen Zeiten zusammenstehen und diesen schrecklichen Vorfall in einer fairen und gerechten Weise bewältigen. Es ist wichtig, dass wir Muslime nicht grundlos dämonisieren – nicht weil dies gut für Muslime ist, sondern weil unser Vermögen, dem Terror die Spitze zu nehmen, davon abhängt. (Shawki Allam, Übersetzung aus dem Englischen: Christoph Prantner, 15.11.2015)

Shawki Allam (Jg. 1961) ist der Großmufti von Ägypten.

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