Verstärkte Sicherheitsmaßnahmen in London und Moskau

15. November 2015, 18:19
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Premier Cameron: "Wir könnten die Nächsten sein" – Außenministerium im Moskau fordert Kurswechsel der Nato

Die britische Regierung hat nach den Massenmorden von Paris demonstrativ die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Vor seiner Abreise zum G20-Gipfel bekundete Premier David Cameron am Samstag seine Solidarität mit Frankreich und berichtete seine Eindrücke aus der Sitzung des Krisenstabs Cobra: "Wir könnten die Nächsten sein."

Die Antiterrorpolizei wurde ausdrücklich zu gezielten Todesschüssen ermächtigt, eine Einheit der schnellen Eingreiftruppe SAS aus ihrem Standort Hereford in die Hauptstadt London verlegt. Man sei mit einer "sehr ernsten Bedrohung" konfrontiert, sagte Innenministerin Theresa May, forderte die Bevölkerung aber zu Besonnenheit auf: "Gehen Sie weiter Ihrem normalen Leben nach."

Ausdruck der Normalität soll am morgigen Dienstag das seit langem geplante Freundschaftsspiel zwischen England und Frankreich sein. Es soll auf ausdrücklichen Wunsch des französischen Fußballverbandes wie geplant im Wembley-Stadion stattfinden. Dem Vernehmen nach üben Fangruppen als Ausdruck ihrer Solidarität bereits die französische Nationalhymne La Marseillaise.

Ausgerechnet ein Franzose brachte Samstag mit einer Bombendrohung den zweitgrößten Londoner Flughafen Gatwick teilweise zum Stillstand. Eines der Terminals musste für sechs Stunden geschlossen werden. Auf den Flughäfen und großen Bahnhöfen des Landes patrouillierten verstärkt bewaffnete Polizeistreifen.

Hohe Terrorwarnstufe

Die britischen Sicherheitsbehörden warnen seit langem vor einem Anschlag islamistischer Fanatiker. Die offizielle Terrorwarnung steht seit mehr als einem Jahr auf der zweithöchsten Stufe. Demnach muss eine Attacke als "höchst wahrscheinlich" gelten.

Besonders konservative Medien nutzten die Pariser Ereignisse dazu, ein innenpolitisches Streitthema wiederzubeleben. Die von der konservativen Regierung geplante Kompetenzerweiterung der Geheimdienste sei nun noch dringlicher, argumentierte die Sunday Times. Auch fehlte selten der Hinweis, zwei der Pariser Mörder seien möglicherweise als Migranten aus Syrien nach Europa gekommen. Die Ansiedlung von bis zu 20.000 Syrern aus Lagern nahe dem Land soll aber kommende Woche wie geplant beginnen.

Die antiamerikanische "Stop the War"-Gruppe suchte indes die Schuld bei der Nahostpolitik des Westens: "Die Welthölle, in der wir leben, ist Resultat gezielter Politik der USA und ihrer Alliierten." Inhaltlich ähnlich, aber gemäßigter, äußerte sich Oppositionschef Jeremy Corbyn, früher Vorsitzender von "Stop the War". Zwar sagte der Labour-Chef eine für Sonntag geplante Rede über die britische Außenpolitik ab, das Manuskript war aber vorab verteilt worden. Die "desaströsen Kriege der vergangenen 14 Jahre" hätten die Bedrohung "erhöht, nicht verringert", heißt es dort.

Russland verstärkt Sicherheitsmaßnahmen

In Russland wurde die Polizei bereits in der vergangenen Woche nach dem Absturz des A-321 über Sinai, vermutlich ausgelöst durch einen Terroranschlag, in erhöhte Bereitschaft versetzt. Vor dem Wochenende kursierten in zahlreichen russischen Internetforen Terrorwarnungen – allerdings für Moskau.

Nach dem Anschlag in Paris wurden die Sicherheitsmaßnahmen weiter verstärkt. Bei Massen- und Sportveranstaltungen wurde die Bewachung deutlich verschärft. Die Revierbeamten wurden dazu verpflichtet, halbstündlich ihren Bezirk abzugehen. "Die Sicherheitsorgane unseres Staates unternehmen alle nötigen Maßnahmen zum Schutz gegen Terror und zur Gewährleistung der Sicherheit unserer Bürger", teilte das Nationale Antiterrorkomitee mit.

Gemeinsamer Feind

Die Nervosität ist freilich hoch: Die Polizei unternahm am Wochenende gleich zwei Räumungsaktionen nach einem Bombenalarm; eine im Moskauer Hotel Kosmos", die andere in einem Petersburger Kaufhaus. Beide Bombendrohungen erwiesen sich als Fehlalarm.

Präsident Wladimir Putin erklärte beim informellen Brics-Treffen in Antalya, Terrorbekämpfung und Hilfe für die Flüchtlinge seien nur gemeinsam zu bewältigen (siehe auch Seite 6).

Außenminister Sergej Lawrow sprach von der Notwendigkeit, eine "einheitliche Antiterrorfront" zu schaffen. Wie sich Moskau die Vereinheitlichung der Front vorstellt, präzisierte Lawrows Stellvertreter Sergej Rjabkow: "Wir hoffen, dass die Ereignisse in Paris für klare Verhältnisse sorgen und die Prioritätenskala unserer Kollegen in Washington und anderen Nato-Hauptstädten ein wenig korrigieren." Die Nato müsse ihre Strategie bei der Bekämpfung des internationalen Terrors überdenken, forderte er. (Sebastian Borger aus London, André Ballin aus Moskau, 16.11.2015)

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