Machtkampf im Bankensektor der Ukraine

16. November 2015, 05:30
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Der Privatbank des Milliardärs Ihor Kolomojski droht die Verstaatlichung. Er verweigert Reformen

Ihor Kolomojskis "Privatbank" ist der Elefant im Laden: Sie kontrolliert mehr als die Hälfte aller in der Ukraine herausgegebenen Bankkarten, und mit 240 Milliarden Hrywnja (9,6 Milliarden Euro) belaufen sich ihre Passiva auf immerhin ein Fünftel des gesamten Sektors. Mit der Finanzmacht im Rücken sicherte sich Kolomojski 2014 gar den Gouverneursposten in der wichtigen Industrieregion Dnipropetrowsk.

Inzwischen brauen sich dunkle Wolken über dem Bankier zusammen: Als Gouverneur wurde er im Streit mit Präsident Petro Poroschenko abgelöst, sein engster Partner Gennadi Korban sitzt unter Hausarrest, und jetzt gibt es auch noch Ärger um seine Bank.

Widerstand gegen Oligarchen

Auslöser sind Reformen, die die Nationalbank gegen den Widerstand der Oligarchen begonnen hat. Das Ende der korrupten Oligarchie forderten bereits die Demonstranten auf dem Maidan. Viel ist seither geschehen, doch der Bankensektor gilt immer noch als korrupt und krank. Ausgerechnet die größte Wirtschaftskrise des Jahrzehnts bietet nun die Chance für Änderungen.

60 Banken wurden in diesem Jahr bereits geschlossen. 130 Institute sind noch übrig. "Über unser Bankensystem ist ein perfekter Sturm hinweggefegt", beschrieb Vizenationalbankchef Wladislaw Raschkowan dem STANDARD die Lage. Die Banken waren mit drei Hauptproblemen konfrontiert: Wirtschaftskrise, Währungskrise und Vertrauenskrise sowohl untereinander als auch bei den Anlegern.

Mit harter Hand ging Nationalbankchefin Walerija Gontarjewa gegen die Probleme vor. Schwache Banken wurden eliminiert, große Akteure mit 105 Milliarden Hrywnja rekapitalisiert. Der eiserne Besen sei nötig gewesen, um das Vertrauen der Bürger in die Zahlungsfähigkeit der Banken wiederherzustellen, begründet Raschkowan.

Harter Schnitt

Für die Aufräumarbeit mussten die ukrainischen Sparer hohe Opfer bringen, denn Depots pleitegegangener Banken wurden nur bis zu einer Höhe von 200.000 Hrywnja (rund 8000 Euro) vom Staat ersetzt. Tausende Anleger protestierten in Kiew. Erik Naiman, Managing Partner der Investmentgesellschaft Capital Times, kritisierte das Vorgehen der Nationalbank als "unausgesprochenen Krieg gegen Anleger und Business".

Aber auch allen Bankiers halfen die Maßnahmen nicht. Trotz neun Milliarden Hrywnja an Finanzhilfe fiel die Delta-Bank von Multimillionär Nikolai Lagun, Schwager des einflussreichen Milliardärs Wiktor Pintschuk durch das Netz. Kolomojski hingegen profitierte, die 14,7 Milliarden Hrywnja halfen seiner Bank beim Überleben.

Dubiose Holdings

Doch die Nationalbank forderte Gegenleistungen. In Phase zwei der Reform sollen Banken transparenter werden, eine Forderung des Internationalen Währungsfonds für seinen 17,5-Milliarden-Dollar-Kredit an Kiew. Bisher operierten viele Banken in einer Grauzone; verflochten in dubiosen Holdings, in denen die wahren Eigentümer im Dunkeln blieben. Nach wie vor ist die große Anzahl von Insider-Krediten das Hauptproblem des Sektors, so Michail Demkiw, Banken-Analyst der Investmentgesellschaft ICU. Viele Oligarchen, auch Kolomojski, haben die Banken nämlich jahrelang als Goldesel für ihre eigentlichen Unternehmen – vorzugsweise im Stahlsektor – missbraucht.

Zunächst sollen nun die wahren Bankbesitzer offengelegt werden. 93 Prozent seien schon bekannt, sagt Raschkowan. Danach folgt die Entflechtung: Bankiers dürfen maximal 25 Prozent des Eigenkapitals an affilierte Unternehmen verleihen. In der Vergangenheit waren es laut Raschkowan teils bis zu 60 Prozent der gesamten Aktiva. Jetzt heißt es, Kredite zu restrukturieren, Firmen abzustoßen und die Banken stärker zu kapitalisieren.

Retourkutsche

"Wir wollen, dass Banking zum Business wird und nicht zum Behelfswerkzeug für andere Geschäftszweige", gibt Raschkowan die Marschroute aus. Gegenwehr leistet vor allem Kolomojski. Zuletzt gebrauchte er seine Medien, um Nationalbankchefin Gontarjewa persönliche Vorteilsnahme bei der Abwicklung der Delta-Bank vorzuwerfen. Nun kam die Retourkutsche: Gontarjewa drohte Kolomojski offen mit Enteignung. Nur wenn er den vereinbarten Plan zur Kapitalerhöhung umsetze, bleibe er im Besitz seiner Bank, wenn nicht, werde die Privatbank nationalisiert. Als Frist wurde ihm März 2016 gesetzt. (André Ballin aus Moskau, 16.11.2015)

  • Für Oligarch Ihor Kolomojski wird es in der Ukraine ungemütlich: Erst entmachtete ihn Präsident Poroschenko als Gouverneur, jetzt könnte seine Privatbank nationalisiert werden.
    foto: reuters / valentyn ogirenko

    Für Oligarch Ihor Kolomojski wird es in der Ukraine ungemütlich: Erst entmachtete ihn Präsident Poroschenko als Gouverneur, jetzt könnte seine Privatbank nationalisiert werden.

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