Der Fußball zwischen Sorge und Zusammenhalt

15. November 2015, 14:04
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Die Anschläge erschüttern auch den Fußball. Eine EM-Absage ist kein Thema, Sicherheits-Vorkehrungen werden verschärft

Paris/Hannover/Wien – "Der Grad des Terrorrisikos ist gestiegen. Der Terror ist kein theoretisches Risiko mehr, sondern ein mögliches. Die Grenze zur Handlung ist überschritten worden." Also sprach Jacques Lambert, der Organisationschef der Fußball-EM 2016 in Frankreich.

Nachdem in der Pariser Terrornacht Sprengsätze auch in unmittelbarer Nähe des Stade de France, wo Frankreich gegen Deutschland (2:0) spielte, explodiert waren, müssen die Ermittler davon ausgehen, dass zumindest einer der Attentäter ins Stadion gelangen wollte. Dieser wurde laut Wall Street Journal von einem Ordner beim Sicherheitscheck gestoppt und habe seine Sprengstoffweste beim Versuch zu entkommen zur Explosion gebracht. Auch nach dem Schlusspfiff funktionierte das Krisenmanagement im Stadion gut. Nur vereinzelt kam es zu panikartigen Reaktionen. Die auf den Rasen geflüchteten Besucher wurden nach und nach und in großer Ruhe aus dem Stadion geleitet. "Das Risiko", sagt Lambert denn auch, "besteht mehr in den Straßen."

Höheres Reiseaufkommen, höhere Sicherheitsvorkehrungen

Zur EM, die im Stade de France beginnen (10. Juni) und enden soll (10. Juli), werden hunderttausende Fans erwartet. Die Auslosung der sechs EM-Vorrundengruppen ist am 12. Dezember angesetzt. Die Show im Le Palais de Congrès de Paris an der Porte de Maillot im Westen der Stadt gilt als Meilenstein auf dem Weg zum größten Kontinentalturnier mit erstmals 24 Mannschaften und 51 Spielen. Das Konzept der Veranstalter sieht vor, dass die meisten Teams nicht in einer Stadt und in einem Stadion bleiben, sondern schon während der Gruppenphase an drei unterschiedlichen Orten antreten. Das bedeutet ein höheres Reiseaufkommen für Teams und Anhänger, klarerweise auch höhere Sicherheitsvorkehrungen.

Seit Monaten arbeiten das Innenministerium, der französische Verband FFF und das EM-OK an Detailfragen des Schutzes von Besuchern, Spielern und Touristen. Schon vor dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, schon im Bewerbungskonzept stand "Sicherheit" an der ersten Stelle. Doch hundertprozentige Garantien kann es für ein Großereignis mit zehn Stadien in zehn Städten nicht geben. "Wir haben viele Vorsichtsmaßnahmen ergriffen", sagte Verbandspräsident Noël Le Graët nach dem Spiel gegen Deutschland. "Aber man sieht, dass Terroristen jederzeit zuschlagen können. Wir hatten vorher bereits eine Unruhe bezüglich der EM. Die ist stärker geworden."

Eine Cousine des französischen Teamspielers Lassana Diarra ist im Konzertsaal Bataclan ums Leben gekommen. Die Schwester von Antoine Griezmann (24 / Atlético Madrid) konnte dem Attentat unverletzt entkommen.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) sagte am Samstag: "Frankreich ist in Syrien engagiert und deswegen auch verstärkt ein Ziel. Insgesamt muss man aber wenig Angst haben. Die Sicherheitslage ist ausreichend." OK-Sicherheitschef Ziad Khoury versichert: "Unsere Ausrüstung wird ausreichend sein. Vor allem, was die Entdeckung von Sprengstoff angeht." Der Deutsche Helmut Spahn, der Sicherheitschef der WM 2006 war und nun Generaldirektor des Internationalen Zentrums für Sicherheit im Sport (ICSS) ist, übt allerdings heftige Kritik, auch angesichts des Spiels am Freitag. "Es kann nicht sein, dass alle Stadiondurchsagen zur Sicherheit nur auf Französisch waren. Das war für mich erschütternd." Das EM-Sicherheitskonzept sei verbesserungsfähig. "Die Franzosen schotten sich in diesen Fragen zu sehr ab und verzichten auf Ratschläge anderer."

Erinnerung an Salt Lake City

So oder so wird die EM zu einer der größten Sicherheitsoperationen in der Sportgeschichte, ähnlich den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City, die wenige Monate nach 9/11 stattfanden. Die Stadien, Camps, Mannschafts- und Uefa-Unterkünfte werden laut diesem Abkommen von den Organisatoren abgesichert. Außerhalb trägt der Staat die Verantwortung. Grenzkontrollen während der EM sind seit Freitag nicht unwahrscheinlich.

Klar ist, dass auch die Fußballer quasi zusammenrücken. Die Franzosen harrten am Freitag stundenlang mit den Deutschen in den Stadion-Katakomben aus. "Überragend kollegial", nannte das der interimistische DFB-Chef Reinhard Rauball. Beide Teams treten bereits am Dienstag wieder an. In Hannover dürfte die gesamte deutsche Bundesregierung das Spiel des Weltmeisters gegen die Niederlande verfolgen, Gedanken an eine Absage wurden am Sonntag verworfen. Vor dem Gastspiel Frankreichs im Wembley-Stadion werden Englands Fans in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, die Marseillaise zu lernen und mitzusingen. (sid, APA, fri, 15.11.2015)

  • Der Fußball lockt die Massen. Massen, für die es keinen hundertprozentigen Schutz gibt.
    foto: ap/ena

    Der Fußball lockt die Massen. Massen, für die es keinen hundertprozentigen Schutz gibt.

  • Freitagnacht, kurz nach Abpfiff der Partie zwischen Frankreich und Deutschland. Tausende Zuschauer hatten sich auf dem Fußballfeld des Stade de France versammelt. Sie wussten nicht, wie und wann sie das Stadion verlassen sollten.
    foto: epa/uwe anspach

    Freitagnacht, kurz nach Abpfiff der Partie zwischen Frankreich und Deutschland. Tausende Zuschauer hatten sich auf dem Fußballfeld des Stade de France versammelt. Sie wussten nicht, wie und wann sie das Stadion verlassen sollten.

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