Die Flaggen wehen auf Halbmast

Reportage14. November 2015, 23:17
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Frankreich steht unter Schock. Nach der Anschlagserie versuchen die Einwohner zum Alltag zurückzukehren. Die halbe Hauptstadt blieb Samstag geschlossen.

Die glückliche Stunde ist vorbei. Das Schild "Happy Hour" hängt zwar noch vor dem Café Carillon. Doch die roten Blutflecken auf dem Trottoir werden nur langsam vom Nieselregen verwässert. An der Holzwand der Bar sind die Einschüsse zu sehen, dazu zersplitterte Fensterscheiben. Hier starben 14 Menschen durch die Kugeln von Attentätern, die im Wagen vorgefahren waren und ein Blutbad zurückließen.

Während kein einziger Polizist zu sehen ist, bringen Anrainer und Gäste der Quartierbar, meist die Pariser Varietät von "Bobos", Blumensträuße vorbei. Ein Kartonschild besagt: "Langes Leben dem Leben. Wir stehen zusammen, ohne Hass, ohne Angst, ohne Amalgam."

foto: epa/paolo levi
Das Café Le Carillon, einer von mehreren Anschlagsorten

Hier herrschte bis am Freitag die Toleranz. Hélène-Rose weint. "Es ist verrückt. Es hätte mich treffen können, es hätte andere treffen können. Es traf Freunde von mir", sagt die Studentin – froh, sprechen zu können.

Im Nachbarviertel hat die Polizei die Straßen um den lokalen Treffpunkt Bataclan hingegen abgesperrt. Ein graues Tuch versperrt die Sicht auf den Schauplatz, an dem über hundert Konzertbesucher ihr Leben ließen. Die dreistündige Geiselnahme muss die Hölle gewesen sein.

Drei Männer mit Sturmgewehren

Handy-Bilder zeigen, wie Gäste aus hohen Fenstern kletterten, um ihren Henkern zu entgehen. Julien, ein Radiojournalist von Europe-1, berichtet: "Zuerst sah ich drei Männer mit Sturmgewehren. Die meisten Leute hatten sich auf den Boden geworfen. Die, die sich erhoben, um zu fliehen, wurden eiskalt niedergeschossen."

Eine junge Frau mit rotbraunen Haaren erzählt daneben einem Newssender, sie habe sich plötzlich einem Attentäter gegenüber befunden. "Du schaust ihn, er schaut dich an. Ich habe seinen Blick gesehen, und sein Blick war klar: Er wollte uns umbringen." Wütend sagt die Frau: "Das sind Feiglinge! Auf Wehrlose schießen, auf Frauen, Kinder! Wir werden darüber hinwegkommen, wir machen weiter, wir hören nicht zu leben auf." Dann ersticken ihr die Tränen die Stimme.

foto: epa/julien warnand
Trauernde auf der der Place de la République

Bei der Place de la République versammeln sich Trauernde, die meisten jüngeren Alters. Eine Frau bildet mit Kerzen das Wort "paix", Friede. Ihr Mann steht daneben, mit geröteten Augen. Auch er hat Bekannte verloren. "Wir wohnen in der Rue de Charonne und hörten die Schüsse von der Bar La Belle Equipe". Dort gab es 18 Tote.

"Meine Frau und ich haben im Jänner schon die Anschläge auf Charlie Hebdo miterlebt", erzählt Alberto, "Das geht an die Nieren. Wir wollen weg, aufs Land. Ich bin Kolumbianer, in meinem Land laufen Friedensverhandlungen. Hier in Frankreich herrscht hingegen Krieg. Und wenn Sie mich fragen, das war erst der Anfang."

Höchste Alarmstufe, geschlossene Sehenswürdigkeiten

Jetzt kommen ein paar Polizisten in Zivil, um den Platz räumen. In Frankreich herrscht höchste Antiterror-Alarmstufe. Präsident François Hollande hat den Notstand erklärt. Doch die Leute verlassen diesen Platz nicht – dafür sind die anderen Straßen an diesem Samstag zum Teil wie ausgestorben: Die Polizeipräfektur hat die Einwohner gebeten, zu Hause zu bleiben.

Der Eiffelturm ist geschlossen, die Notre-Dame-Kathedrale ebenso. Die Kaufhäuser und viele Geschäfte sind zu. Ein Familienvater erzählt, sein Sohn sei am Morgen in der Judo-Stunde gewesen, danach habe die Direktion die Turnhalle dichtgemacht und die wenigen Sporttreibenden auf nächste Woche vertröstet. Auch der Vater sagt, sichtlich verstört, während ihn die Kinder mit großen Augen anschauen: "Wir müssen weitermachen."

foto: brändle
Banlieue Clichy-sous-Bois (Archivbild 2006)

Die Pariserinnen und Pariser wissen mittlerweile: die Bedrohung kommt aus der Banlieue, dem Vorstadtgürtel. Bisher trennte ihn die Ringautobahn von Paris. Das war bequem, auch bei den großen Vorstadtkrawallen von 2005. Jetzt kommen die so genannten Banlieue-Terroristen bis in die Innenstadt. Da hilft es wenig, die Landesgrenzen zu schließen, wie Präsident Hollande angekündigt hat: Der Feind ist schon da.

Auf der linken Seine-Seite, im touristischen Quartier Latin und in Saint-Germain des Prés, sind auch nur wenige Leute unterwegs. Vor dem Jardin du Luxemburg, diesem Hort des Friedens und der Ruhe im brandenden Pariser Verkehr, stehen italienische Touristen vor den geschlossenen Pforten und fragen den alten Geigenspieler daneben: "Perché?" Warum? Die ausländischen Besucher wollen verstehen, aber es gibt nichts zu verstehen.

Terror statt Bienen

Hauptstädter betrachten daneben die Freiluftausstellung zum Thema Bienen, aber sie sprechen nur von Terrorismus. Ein Buschauffeur wartet daneben, worauf weiß er auch nicht. Er frage sich nun jedesmal, wenn einer mit einer langen Tasche in den Bus steige, ob er Alarm schlagen solle. Und fragt: "Wissen Sie, wie lange eine Kalaschnikow ist?"

Der Angesprochene interessiert sich eher für die Frage, auf wen es die Attentäter abgesehen hätten. "Die hatten Leute im Visier, die sich amüsieren", meint er mit Verweis auf die Ausgeh-Reputation des 10. und 11. Arrondissements zwischen Kanal Saint-Marin und Bastille. Junge Bobos und Bonvivants, progressiv und tolerant, nicht antiislamisch, aber das Gegenteil religiöser Asketen. "Dazu passten, wie er meint, die Explosionen beim Stade de France, dem größten und schon vom Namen her symbolischsten Sport- und Konzerttempel von Paris.

foto: afp photo / lionel bonaventure
Die Polizei ist wieder allgegenwärtig in Paris.

Der Buschauffeur glaubt allerdings, dass die Anschläge eher an die ebenfalls im 11. Bezirk gelegenen Charlie-Hebdo-Attentate vom Jänner anknüpfen sollten. Ach ja, Charlie Hebdo. In der Allée Verte, wo die halbe Redaktion des Satiremagazins ausgelöscht worden war, herrscht an diesem Samstag absolute Stille. Sogar die wachhabenden Polizisten sind verschwunden – sie werden wohl anderswo gebraucht. Die Karawane des Terrors ist weitergezogen – ihre immer breitere, immer schrecklichere Blutspur nach sich ziehend. (Stefan Brändle aus Paris, 14.11.2015)

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