IS und Attentäter: Vieles spricht für eine "Steuerung"

Analyse14. November 2015, 16:40
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Und wieder stellt sich die Frage, ob die Attentäter von Paris direkt vom "Islamischen Staat" aus Syrien oder dem Irak gesteuert waren

Und wieder stellt sich – wie nach dem Attentat in Beirut am Donnerstag und dem mutmaßlichen Bombenanschlag auf ein russisches Passagierflugzeug auf dem Sinai Ende Oktober – die Frage, ob die Attentäter von Paris direkt vom "Islamischen Staat" (IS) aus Syrien oder dem Irak gesteuert waren. Zu den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt im Jänner gibt es ja starke Hinweise, dass das sehr wohl der Fall sein könnte: Die Täter bekamen Anweisungen per E-Mail, mutmaßlich von einem Franzosen mit Migrationshintergrund, der sich in Syrien dem IS angeschlossen hatte.

Das widerspricht der generellen Annahme, dass Täter in Europa zwar im Geiste und Namen des IS, aber operativ eher unabhängig agieren, sei es einzeln oder in kleinen Gruppen. Für sechs parallele Taten wie am Freitag in Paris braucht es einen hohen Organisationsgrad. Dem IS muss man durchaus zutrauen, dass der Einfluss der Zentrale bis in kleine Glieder am Ende der Kette reicht. Anders als Al-Kaida verfügt er über ein dichtes europäisches Netzwerk, das in den vergangenen Jahren zum Zweck aufgebaut wurde, Kämpfer zu rekrutieren. Al-Kaida hatte zwar auch eine internationale Kerngruppe – die die Attentate vom 11. September 2001 verübte – mit einem teilweisen Bezug zu Europa, aber im Vergleich zum IS war die Durchdringung viel geringer.

Anschläge in anderen Hauptstädten

Je tiefer die Akteure von außerhalb der Region – die USA, Europa, Russland – in den Sumpf des Krieges in Syrien und im Irak gezogen werden, desto mehr wird der IS versuchen, den Krieg zu exportieren. Manche wollen darin bereits ein Zeichen der akuten Schwäche des IS sehen, diese Interpretation ist wohl zu optimistisch. Der IS demonstriert im Moment, dass er in ganz unterschiedlichen Weltteilen gleichzeitig operativ sein kann. In seinem Propagandamagazin "Dabiq" werden Anschläge in anderen Hauptstädten angekündigt.

Bei einer geschlossenen Tagung im "Kreisky Forum für Internationale Politik" in Wien waren sich zu Beginn der Woche die Sicherheitsexperten ziemlich einig, dass der IS nicht so schnell wieder verschwinden wird, trotz des verstärkten militärischen Engagements in der Region. Die Personalreserven der Organisation sind noch lange nicht aufgebraucht – das sieht man daran, dass der IS auf Kämpfer verzichten kann, die in ihre Heimatländer zurückgehen, etwa nach Libyen, um dort IS-Filialen aufzubauen. Anderswo, wie auf dem Sinai, schließen sich bereits bestehende Organisationen dem IS an. Wie eng die operativen Verbindungen zwischen dem IS in Syrien oder dem Irak und seinen "Außenposten" sind, ist zwar noch nicht ganz klar, aber ausschließen will sie kaum mehr jemand. (Gudrun Harrer, 14.11.2015)

  • Ermittler in Paris nach dem Anschlag vom Freitag.
    foto: epa/babani

    Ermittler in Paris nach dem Anschlag vom Freitag.

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