Vorarlberger Mahnmal für Angehörige des Widerstands enthüllt

15. November 2015, 12:51
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Vorarlberg hat ein Deserteurs- und Widerstandsmahnmal. Die Installation der Medienkünstlerin Nataša Sienčnik wurde am Samstag enthüllt

Bregenz – Wenige Stunden nach den Terroranschlägen in Paris setzten sich Vorarlberger Politiker mit dem Terror vergangener Tage auseinander. "Unser aller Weg in die Zukunft führt über die Geschichte. Akte wider die Menschlichkeit sind leider auch heute, 70 Jahre später, möglich und dürfen nicht ausgeblendet werden", nahm Landtagspräsident Harald Sonderegger (VP) auf die aktuellen Ereignisse Bezug.

Nataša Sienčnik, Medienkünstlerin mit Kärntner-slowenischen Wurzeln, hat für Vorarlberg ein Schaufenster der Zivilcourage geschaffen. Am Bregenzer Sparkassenplatz erinnert eine "Fallblattanzeige" an 100 Frauen und Männer aus Vorarlberg, die den Nazis Gehorsam und Gefolgschaft verweigerten. In jeweils drei Zeilen wird das Schicksal skizziert: Name, Delikt, Konsequenz.

Die (elektronisch gesteuerte) Fallblattanzeige erinnert nicht zufällig in Funktion und Ton an ratternde Anzeigen wie sie früher auf Bahnhöfen üblich waren. Anders Denken und Handeln endete während des Nationalsozialismus in vielen Fällen mit Deportation, Haft und Tod.

Erinnerung an Deserteure

Der Enthüllung des Mahnmals ging ein jahrelanger Diskussionsprozess, angestoßen von der Historikervereinigung Johann-August-Malin-Gesellschaft und den Grünen voraus. Ziel war in Vorarlberg ein Deserteursdenkmal zu errichten. Ein Ziel, das die Volkspartei nicht mittragen konnte. Man einigte sich auf den Kompromiss "Widerstandsmahnmal". Erinnert werden sollte an Menschen, die sich dem NS-Regime in unterschiedlicher Weise widersetzten. Und so sprachen bei der Enthüllung die VP-Politiker vom Widerstandsmahnmal, Grünen-Landesrat Johannes Rauch vom Deserteurs- und Widerstandsmahnmal.

Bürgermeister Markus Linhart (VP), nannte den Grund für die Kompromisslösung: "Die Öffentlichkeit tut sich mit gewissen Formen des Widerstands auch heute noch schwer." Er selbst sei Sohn eines Wehrdienstverweigerers, der in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde, sagte Linhart und stellte klar: "Für mich war mein Vater ein Held."

Landesrat Johannes Rauch (Grüne) sieht das Mahnmal als zeitgemäße Form der Erinnerung: "Das ehrende Gedächtnis gilt nicht länger jener großen Mehrheit von Österreichern, die in der Wehrmacht 'ihre Pflicht taten' und sich am völkerrechtswidrigen Angriffs- und Vernichtungskrieg beteiligt haben. Die ehrenvolle Erinnerung wird heute jener kleinen Minderheit von Österreichern zuteil, die sich diesem Dienst entzogen hat."

Einfach nur anständig

Festrednerin Ágnes Heller beschrieb in ihrer Ansprache das Dilemma von Soldaten: "Man sagte ihnen, dass es nicht die Aufgabe der Soldaten sei zu entscheiden, ob ein Krieg gerecht oder ungerecht ist. Und doch haben sie einen Entschluss gefasst. Ihre Liebe galt der Wahl, der Freiheit der Wahl."

Die Philosophin und Holocaust-Überlebende mahnte die Erinnerung an die vielen namenlosen und vergessenen Frauen und Männer ein, die sich dem NS-Regime widersetzten: "Menschen, denen so viele dem Tod Geweihte ihr Leben verdanken. Menschen, die sich ein Stück Brot vom Mund absparten um es einem anderen zu geben. Die Flüchtlingen mit Rat und Tat halfen, die Briefe ins Gefängnis schmuggelten, die Flüchtlinge warnten, wenn sie in eine Richtung gingen, aus der Gefahr drohte. Die sich weigerten, in die verlassene Wohnung einer Vertriebenen einzuziehen. Menschen, die einfach nur anständig bleiben wollten."

Heller sieht das Mahnmal als Symbol für das begleichen einer alten Schuld und appellierte an die Bereitschaft zur Zivilcourage: "Wir leben in einer Zeit, in der man Ehrlichkeit und Anständigkeit nicht mit dem Leben bezahlen muss. Doch die Bereitschaft dazu kann man auch heute lernen. Ein Mahnmal mahnt uns. Wer weiß, vielleicht werden wir es noch brauchen." (Jutta Berger, 15.11.2015)

  • Nataša Sienčnik (links) und Ágnes Heller vor dem Mahnmal.
    foto: dietmar mathis

    Nataša Sienčnik (links) und Ágnes Heller vor dem Mahnmal.

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