"Was für eine kranke Welt"

14. November 2015, 11:02
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DFB-Team verbrachte Nacht nach 0:2-Niederlage gegen Frankreich im Pariser Stadion St. Denis. Im Stadion herrschte Panik und Verwirrung. Trainer Löw: "Sind erschüttert und schockiert"

Paris – Nach den Terroranschlägen in Paris ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am frühen Samstagmorgen mit Polizeieskorte noch vom Stade de France aus direkt zum Flughafen gebracht worden. Das Team kehrte entgegen anderslautender Berichte gar nicht mehr ins Hotel zurück. Die Mannschaft musste nach der mit 0:2 verlorenen Partie lange in den Stadion-Katakomben ausharren.

In Kleinbussen wurden die Spieler schließlich am frühen Samstagmorgen zum Flughafen geführt. Um kurz nach neun Uhr startete schließlich die Sondermaschine LH 343 mit der deutschen Delegation nach Frankfurt/Main.

Das Flugzeug war extra aus Frankfurt gekommen und stand auf dem Flughafen Charles de Gaulle auf einer Außenposition weit weg vom Terminal. Polizeiwagen und zwei Beamte mit Maschinengewehren waren neben der Maschine postiert.

Eine Fahrt mit dem Mannschaftsbus durch die Millionenstadt erschien aus Sicherheitsgründen nicht ratsam. Der Freitag hatte für die deutschen Weltmeister um Kapitän Bastian Schweinsteiger bereits nach einer Bombendrohung gegen das Teamhotel mit einem "großen Schrecken" begonnen.

"Das Wohlbefinden in der Stadt ist nach dem heutigen Tag nicht besonders groß", sagte Teammanager Oliver Bierhoff nach dem überschatteten Länderspiel gegen den EM-Gastgeber dem ARD-Hörfunk.

Eigentlich wollte die DFB-Delegation am Sonntagmittag mit dem Ziel Hannover abreisen. Der nun für Samstagvormittag geplante Flug soll allerdings nach Frankfurt/Main führen. Wie es danach für die DFB-Auswahl, die am kommenden Dienstag in Hannover gegen die Niederlande eigentlich ein weiteres Testspiel bestreiten will, weitergeht, wurde zunächst nicht bekannt.

Angespannt

Bierhoff sprach nach der Partie von großer Betroffenheit. "Der Sport ist jetzt total im Hintergrund", sagte er nach dem 0:2. Der Freitag hatte für die deutschen Weltmeister um Kapitän Bastian Schweinsteiger bereits nach einer Bombendrohung gegen das Teamhotel mit einem "großen Schrecken" (Bierhoff) begonnen.

Die DFB-Delegation stand nach den Anschlägen "in enger Kooperation" mit den einheimischen Behörden, dem französischen Fußball-Verband und den deutschen Sicherheitskräften vor Ort, sagte der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert in der ARD, die das Spiel live übertragen hatte.

Die deutschen Spieler seien "alle angespannt", berichtete Große Lefert. Erste Reaktionen von Akteuren gab es in der Nacht über die sozialen Netzwerke. "Was ist das für eine kranke Welt", schrieb Weltmeister Toni Kroos, der von Bundestrainer Joachim Löw zur Schonung nicht für die letzten zwei Länderspiele des Jahres nominiert worden war. Lukas Podolski schrieb "prayforparis" ("Bete für Paris") neben einem Friedenszeichen, in das der Eiffelturm eingefügt war.

Ein Stadion in Angst

Während des Freundschaftsspiels waren in dem mit fast 80.000 Zuschauern gefüllten Endspielstadion für die Europameisterschaft 2016 drei Detonationen zu hören gewesen. Es gab dabei auch vier Tote, darunter nach Medienberichten auch Selbstmordattentäter. Im Stadion spielten sich bizarre Szenen ab. Viele Zuschauer versammelten sich panisch auf dem Spielfeld. So schreibt die Süddeutsche Zeitung, dass "die Lage etwa eine halbe Stunde unklar blieb, ehe der Stadionsprecher die Zuschauer aufforderte, das Spielfeld und den Innenraum zu verlassen. Die Nachrichten in den Smartphones gaben indes keine endgültige Entwarnung. Kann man wirklich gefahrlos in die Stadt zurückfahren? So begab sich die Menge auf den Weg, beklommen und schreckhaft."

Die Tore zur Arena waren während des Spiels zur Sicherheit vorübergehend geschlossen worden. "Wir sind alle erschüttert und schockiert", erklärte Löw unmittelbar nach dem Spielende.

Ob die Partie gegen die Niederlande zum Jahresabschluss wie geplant stattfindet, war eine der vielen unbeantworteten Fragen in den Stunden nach den Anschlägen, in denen das Entsetzen und die Trauer über die vielen Opfer auch im DFB-Quartier deutlich im Vordergrund standen.

Ein französischer Teamspieler atmet auf

Frankreichs Nationalspieler Antoine Griezman hat nach dem Ende der Partie um das Leben seiner Schwester bangen müssen. Sie gehörte zu den Besuchern in der Konzerthalle in Paris, in der mindestens 70 Menschen bei einem Attentat getötet wurden.

"Gott sei Dank hat meine Schwester aus dem Bataclan rauskommen können", schrieb Griezman in der Nacht auf Samstag bei Twitter.

Eine deutsche Delegation um Löw und Bierhoff wird schon in vier Wochen wieder in Paris erwartet. Dann sollen in der französischen Hauptstadt die Vorrundengruppen für die EM vom 10. Juni bis 10. Juli 2016 ausgelost werden.

Der Europäische Fußball-Verband (UEFA) hat tief betroffen auf die Terror-Anschläge in Paris reagiert. Die UEFA sagte dem EM-Gastgeberland Frankreich außerdem ihre Unterstützung und Solidarität zu.

"Die UEFA ist tief geschockt und traurig über die tragischen Ereignisse, die in der vergangenen Nacht in Paris passiert sind, und möchte Frankreich und denjenigen, die von diesen schrecklichen Taten betroffen sind, ihre Unterstützung und Solidarität ausdrücken." (APA, red 14.11.2015)

  • Kein Ort des Sports. Ein Ort der Angst. Ein Tatort. Zuschauer laufen im Pariser Stade de France auf das Spielfeld.
    foto: afp/meunier

    Kein Ort des Sports. Ein Ort der Angst. Ein Tatort. Zuschauer laufen im Pariser Stade de France auf das Spielfeld.

  • Ein bizarrer Abend: Als sich die Informationen über einen Terroranschlag verbreiteten, schoss Frankreich das 2:0. Später wollten die Menschen aus dem Stadion, durften aber nicht gleich.
    foto: ap/ena

    Ein bizarrer Abend: Als sich die Informationen über einen Terroranschlag verbreiteten, schoss Frankreich das 2:0. Später wollten die Menschen aus dem Stadion, durften aber nicht gleich.

  • Die Zeitung Le Monde berichtete in der Nacht, dass ein Fast-Food-Stand und ein kleines Restaurant rund um das Stadion Ziel der Anschläge waren.
    foto: ap/euler

    Die Zeitung Le Monde berichtete in der Nacht, dass ein Fast-Food-Stand und ein kleines Restaurant rund um das Stadion Ziel der Anschläge waren.

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