Kinderfilmfestival: Irische Feen und indische Pizza

14. November 2015, 08:00
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Das Internationale Kinderfilmfestival bietet Einblicke in realistische und zauberhafte Lebenswelten

Wien – Eine Pizza kostet eine Zugladung Kohle. Zumindest stellt sich die Rechnung so in den Köpfen zweier tamilischer Slumbuben dar, die aufgrund ihres Lieblingsfrühstücks Jüngeres Krähenei und Älteres Krähenei genannt werden. Mit Kohle kennen sich die beiden bestens aus, schließlich müssen sie diese jeden Tag von den Gleisbetten auflesen, um ihren Beitrag zum Familieneinkommen zu leisten. Als die beiden im Fernsehen eine Werbung für die belegten Hefefladen sehen, sind die Brüder gleich angefixt. Doch so herrlich der geschmolzene Pizzakäse aussieht, so hoch ist auch der Preis. Für 300 Rupien – das sind vier Euro irgendwas – müssen einige Ladungen Kohle geschleppt werden.

Von den Bemühungen des unermüdlichen Duos erzählt der indische Film Kräheneier, zu sehen beim heute, Samstag, startenden Kinderfilmfestival in Wien, das mit leicht geändertem Programm Ende November auch in Linz und in der Steiermark stattfindet. Da der Anspruch traditionell über die reine Unterhaltung hinausgeht und man auch zur tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem Medium Film anregen möchte, wird der Debütfilm von M. Manikandan in der Originalversion mit eingesprochener Übersetzung gezeigt. Umso mehr gestattet er den Einblick in eine Lebensrealität, die sich zwar deutlich von den hiesigen Verhältnissen unterscheidet, jedoch zu keinem Zeitpunkt als romantisch oder tragisch dargestellt wird, sondern eben als gewöhnlicher Alltag. Was Kräheneier besonders auszeichnet, ist das Strahlen seiner von Laiendarstellern verkörperten Helden, ihr Erfindungsreichtum und ihre Zielstrebigkeit.

Auf ganz andere Weise bereichert Das Lied des Meeres das Festivalprogramm. Der wunderbare irische Animationsfilm von Tomm Moore schickt den jungen Ben und seiner Schwester Saoirse in die keltische Sagenwelt: Ben hat mit Saoirses Geburt seine geliebte Mutter verloren, dass er nun mit der Schwester auch noch zur Großmutter in die Stadt ziehen soll, ist ein zusätzlicher Tiefschlag. Als sich jedoch zeigt, dass Saoirse einen alten Fluch aufzuheben vermag und zugleich selbst in größter Gefahr ist, findet er endlich zu seiner Rolle als verantwortungsvoller Bruder.

Mit einer sorgfältig konzeptionierten Bildgestaltung und ironiefreien Erzählhaltung unterscheidet sich Das Lied des Meeres deutlich von den vorherrschenden 3-D-Animationsspektakeln, bietet bei aller zauberhaften Poesie aber auch reichlich Humor und Spannung. Kurzum, ein wirklich schöner Film, der hier vor seinem regulären Kinostart zu erleben ist. Mit der norwegischen Produktion Ballet Boys – der Titel ist selbsterklärend – steht nach einigen Jahren auch wieder ein Dokumentarfilm auf dem Spielplan. (Dorian Waller, 14.11.2015)

  • Zur Eröffnung ein neorealistischer Klassiker: "Aniki Bóbó" (1942) von Manoel de Oliveira erzählt die düstere Geschichte einer Rivalität zwischen zwei Buben.
    foto: kinderfilmfestival

    Zur Eröffnung ein neorealistischer Klassiker: "Aniki Bóbó" (1942) von Manoel de Oliveira erzählt die düstere Geschichte einer Rivalität zwischen zwei Buben.

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