Mitterlehner: "Es wäre noch mehr Geld für die Unis notwendig"

Interview14. November 2015, 11:00
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Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner und TU-Wien-Rektorin Sabine Seidler über die Frage, ob zwölf Prüfungsantritte viel oder zu viel sind, verstaubte Exzellenzpolitik und das Frauenproblem der ÖVP

STANDARD: Frau Rektorin, die TU Wien feierte gerade 200-Jahr-Jubiläum. Sie sagten in der Festrede, es gebe ein paar Parallelitäten in den Herausforderungen, so konnten etwa die Gebäude schon damals die Zahl der Studierenden nicht bewältigen. Jetzt haben Sie zum Beispiel doppelt so viele Informatikstudierende, wie Sie eigentlich gut betreuen können. Welche Schuld hat die Unipolitik daran?

Seidler: Mir geht es nicht um Schuld, sondern es geht darum, dass man sich an geänderte Bedingungen anpassen muss. Wir müssen in Zukunft neben der Platzfrage insbesondere das Thema Zugangsregelungen anders denken.

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Wissenschaftsminister und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner im Gespräch mit der ersten Rektorin der TU Wien, Sabine Seidler.

STANDARD: In welcher Form?

Seidler: Es gibt verschiedene Ansätze. Zum Beispiel, dass wir für alle Bachelorstudien einen freien Hochschulzugang machen, aber für die Master- und PhD-Studien neue oder andere Zugangsregelungen schaffen. Dazu müsste man das Bachelorstudium aufwerten, sonst funktioniert das nicht, aber es würde uns helfen, Ressourcen umzuschichten, statt immer nur mehr ins System hineinstecken zu müssen, um die Situation zu bewältigen. Wir haben auch eine andere Variante vorgeschlagen, nämlich in den technischen Fächern die Studieneingangs- und Orientierungsphase (Steop) zu nutzen, um den Studierenden am Ende der Steop die Möglichkeit zu geben zu entscheiden: Ist das jetzt mein Studium oder nicht? Das könnte ein Weg sein, denn wir wissen, dass nur 40 bis 50 Prozent der Studierenden, die bei uns ein Studium beginnen, dieses auch beenden.

Mitterlehner: Im Baubereich gibt es natürlich immer Potenzial nach oben, aber wir haben auch beträchtliche Mittel investiert und sind auf einem guten Weg. Zum Zugang: Wir haben die Zugangsregelungen im bisherigen Umfang fortgesetzt, neue Fächer sind nicht dazugekommen. Ich glaube, dass der Schlüssel der Problemlösung für die einzelnen Universitäten vor allem die Gestaltung der Steop ist. Das funktioniert aus meiner Sicht gut. Es ist ein gesetzlicher Rahmen bis 2021, den wir auch evaluieren werden, weil damit immer die Frage verbunden ist, ob die Zugangsregeln negative soziale oder Gender-Auswirkungen haben. In Medizin haben wir ja teilweise die Tendenz bestätigt, dass Studenten aus eher bildungsnahen Elternhäusern kommen.

STANDARD: Funktionieren die Zugangsregeln auch aus Ihrer Sicht, oder müssen Sie rausprüfen, um vernünftige Größen zu schaffen?

Seidler: Wir setzen auf eine Kombination von Information und Leistungsanspruch. Ein großer Teil unseres Problems liegt ja darin, dass wir viele Studierende haben, die mehrere Studien inskribieren, und wir wüssten gern früh, welches sie beenden wollen. Es geht nicht ums Rausprüfen.

Mitterlehner: Es wurde kein einziger Student rausgeprüft, und durch zusätzliche Beratung wurde die Studienwahl verbessert. Im Endeffekt haben wir jetzt ein Instrumentarium, das den Universitäten ermöglicht, das Programm auf ihre Bedürfnisse maßgeschneidert auszurichten. Damit habe ich auch weniger Studienabbrecher.

Seidler: Ich möchte da trotzdem eine Kritik anbringen: Die Studieneingangsphase kann dreimal wiederholt werden, und jede Prüfung in der Steop kann viermal wiederholt werden. Das heißt, Sie können zwölf Prüfungsantritte absolvieren, bevor Sie merken, dass Sie wirklich nicht geeignet sind fürs Studium und das ist ...

Mitterlehner: Viel.

Seidler: Zu viel.

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"Wenn es aber nicht mehr Budget gibt, muss man andere Maßnahmen setzen. Da sehe ich schon die Politik gefordert", sagt die Rektorin der TU Wien, Sabine Seidler.

STANDARD: Was wäre genug?

Seidler: Einmal Studieneingangs- und Orientierungsphase, damit es den Namen verdient, mit zwei Wiederholungsprüfungen.

Mitterlehner: Da werden Sie wahrscheinlich den Widerspruch der ÖH bekommen, die ja den offenen, beliebigen Zugang haben möchte, was ich nicht teilen kann. Das ist ein Wunschbild, das aber entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten braucht.

STANDARD: Stichwort Geld: Wie geht es Ihnen mit dem Unibudget?

Seidler: Wir sind im Bildungs- und Forschungsbereich sicherlich in einem nach oben offenen System, was Geld betrifft. Ich bin der Ansicht, dass das, was im aktuellen Rahmen möglich war, auf das Gesamtsystem ausgeschüttet wurde. Ich kritisiere bestimmte Verteilungen. Wir haben ein Verteilungsproblem, das ist aber im Rahmen der vorhandenen Budgets ohne Zuwächse nicht lösbar. Es muss uns klar sein, dass Wachstum unter diesen Bedingungen nicht möglich ist und dass die Schere immer weiter aufgeht. Die Studierendenzahlen wachsen schon seit 2004 überproportional im Vergleich zur Budgetentwicklung. Wenn es aber nicht mehr Budget gibt, muss man andere Maßnahmen setzen. Da sehe ich schon die Politik gefordert, weil das können wir nicht lösen. Wir können versuchen, aus den vorhandenen Mitteln das Beste zu machen, aber auch da ist das Ende der Fahnenstange irgendwann erreicht. Ich habe an der TU kaum mehr Spielräume.

STANDARD: Herr Minister, nervt Sie der ewige Ruf nach mehr Geld für die Universitäten, oder haben Sie Verständnis dafür?

Mitterlehner: Ich bin den Ruf nach mehr Geld gewohnt. Ich halte die Leistungsvereinbarungen für ein wichtiges und gutes System. Der Rechnungshof sagt sogar, hätten beispielsweise die Bundestheater oder die Schulen so ein System mit mehrjähriger Planungsverpflichtung, wäre das positiv. Mir ist aber auch klar: Es wäre noch mehr Geld für die Universitäten notwendig, um alle Ziele zu erreichen. Aber die Wissenschaft hat zumindest keine Einschränkung, sondern eine Ausweitung um 615 Millionen Euro gehabt.

STANDARD: Thema Forschung: In der Quantenphysik spielen österreichische Wissenschafter in der internationalen Top-Liga – die TU Wien, das IQOQI an der Uni Innsbruck bzw. Uni Wien. Aber auch das IST Austria macht Quantenphysik, mit dem Unterschied: Jeder Euro an Drittmitteln, der dort eingeworben wird, wird aus dem Bundesbudget verdoppelt. Nun ist die Welt nicht gerecht, also frage ich so: Ist das forschungspolitisch klug?

Seidler: Ein Magic Fund für Drittmittel wäre sicher eine schöne Variante, dann brauche ich mir um die TU keine Sorgen mehr zu machen. Allerdings wäre es nicht sinnvoll, das über das ganze System auszurollen. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass Leistung belohnt werden sollte, und das haben wir im Moment nicht. Eine Variante, um Leuchttürme zu befördern, wäre sicherlich, die Exzellenzinitiative des FWF, die dort seit fast zehn Jahren in der Schublade liegt, zu entstauben und ein Sonderprogramm zu fahren, um zumindest die Bereiche, die für die Sichtbarkeit Österreich verantwortlich sind – nicht nur im naturwissenschaftlichen, auch im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich – zu stärken. Das hätte den großen Vorteil, dass man nach einer definierten Zeit abrechenbare Ergebnisse hat und nicht Dinge institutionalisiert, die die Gefahr bergen, nach einer gewissen Zeit zu verkrusten, was ja Teil unseres Problems ist.

Mitterlehner: Beim IST Austria wollen wir Exzellenz sui generis fördern und forcieren. Wenn ich mir anschaue, wie die Aufstellung ist und was an internationalen Projekten eingeworben wird, dann ist das Konzept auf einem sehr sehr guten Weg. Auf der anderen Seite schadet uns der Wettbewerb der Forscher absolut nicht, sondern nutzt uns. Wenn man sich die Zitierungen anschaut und auch generell die Entwicklung, dann hat die österreichische Forschungslandschaft an Dynamik gewonnen. Da ist jetzt eine neue Generation da, die durchaus gute Ergebnisse bringt, das ist etwa in der Mathematik so, in Quantenpyhsik oder Medizin. Aber natürlich mit Luft nach oben.

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"Beim IST Austria wollen wir Exzellenz sui generis fördern. Der Wettbewerb der Forscher schadet uns absolut nicht", findet Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner.

STANDARD: Jedoch ein stark verzerrter Wettbewerb. Die Forscher an den Unis müssen auch lehren.

Seidler: Das auch. Ich habe kein Problem, dass sich die Republik entschieden hat, eine Exzellenzeinrichtung zu schaffen unter besonderen Rahmenbedingungen. Was mich aber schon irritiert, ist, dass wenn diese Exzellenzeinrichtung, die unter besonderen Rahmenbedingungen arbeitet, Erfolge hat, diese dann auch noch besonders hervorgehoben werden. Ich sage, wenn ich nur die besten Wissenschafter der Welt anstelle, die auch noch ihre Drittmittel, die sie akquirieren, verdoppelt bekommen, dann erwarte ich, dass die die besten Leistungen bringen. Die TU Wien hat ERC-Grants trotz der vielen Dinge, die wir ringsum noch zu erledigen haben, während das IST Austria nur zu forschen hat. Wir forschen, wir lehren, wir machen Innovation, wir unterstützen die Gründerinitiative, wir machen Responsible Science und Citizen Science. Was das IST Austria macht, ist toll, aber was die anderen Universitäten leisten, das ist auch toll.

Mitterlehner: Ich sehe da kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch und finde sehr richtig, was Sie beschreiben, gerade im Hinblick auf die Universitäten. Das IST hat in dem Biotop auch positive Anziehungskraft, die Österreich international attraktiver macht. Auf die Frage "War das richtig?" finden wir vielleicht in 20 Jahren eine Antwort. Jetzt ist es auf jeden Fall ein bemerkenswerter, ambitionierter Versuch, der uns insgesamt im Forschungsbereich sicher weitergebracht hat.

STANDARD: Sie wurden 2011 nach 196 Jahren mit Männern an der Spitze erste Rektorin der TU Wien. Was dachten Sie beim Anblick der neuen oberösterreichischen Landesregierung? Nur Männer.

Seidler: Ich war an diesem Tag in Steyr zu einem Vortrag, und was mich unheimlich beeindruckt hat, war, dass mir jeder, der mich getroffen hat, erklärt hat, was das eigentlich für ein Unding ist. Ich bin so ein Bild gewöhnt, ich finde es einfach enttäuschend.

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In Djangos Welt war die Welt noch in Ordnung, kein Frauenproblem zu lösen. Das ist Reinhold Mitterlehners ÖVP-Welt anders. Er hat zu tun.

STANDARD: Herr Vizekanzler, hat die ÖVP ein Frauenproblem?

Mitterlehner: Ja sicher. Darum haben wir uns ja am Parteitag vorgenommen, dass wir da eine Änderung erreichen wollen. Wir brauchen sicher noch mehr Dynamik.

STANDARD: Frau Rektorin, nervt es Sie, "als Frau" immer auch zum Frauenthema gefragt zu werden?

Seidler: Klar nervt das. Aber ich denke mir immer, es ist halt so. Ich kann's eh nicht ändern, ich wollte es so haben. Im Übrigen gibt es einen Megatrend Female Shift, das bedeutet, uns stehen tatsächlich Veränderungen bevor. Ich nehme an, der Vizekanzler nimmt seinen Optimismus für die Frauenthematik in der ÖVP aus den Studierendenzahlen in Österreich. (lacht)

Mitterlehner: Aus den Studierendenzahlen – 53 Prozent Frauen – und dem, was Zukunftsforscher Matthias Horx und andere über das Jahrhundert der Frauen gesagt haben.

STANDARD: Sie geloben hiermit also frauenpolitische Besserung in der ÖVP?

Mitterlehner: Ich kann nur sagen, dort, wo ich Entscheidungsverantwortung trage, ja. Wir bemühen uns sehr, wenngleich wir da und dort, wie das Beispiel Oberösterreich zeigt, Rückfälle nicht vermeiden werden können.

(INTERVIEW: Lisa Nimmervoll, 14.11.2015)

ZU DEN PERSONEN

Sabine Seidler (geb. 1961 in Sangerhausen, damals DDR) studierte Polymerwerkstofftechnik, 1996 als erste Professorin für Nichtmetallische Werkstoffe an die TU Wien berufen, dort 2007 erste Vizerektorin, ab 2011 erste Rektorin.

Reinhold Mitterlehner (geb. 1955 in Helfenberg, OÖ) studierte Jus, war ab 2008 Minister für Wirtschaft, Familie und Jugend, seit Dezember 2013 für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Seit Herbst 2014 Vizekanzler und ÖVP-Obmann.

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