Der angebliche Schusswaffenboom ist nur ein sanfter Anstieg

24. November 2015, 07:00
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Laut Zahlen aus dem Waffenregister bewegt sich die vermeintliche Aufrüstung der Österreicher nur im hinteren Nachkommabereich

Wien – "Die Österreicher rüsten auf", titelte kürzlich die Gratiszeitung "Heute", "Waffen zur Selbstverteidigung boomen", schoss der "Kurier" nach, und "Österreicher decken sich mit Waffen ein", stand in der Überschrift des Boulevardblatts "Österreich". Bis nach Deutschland schafften es die Meldungen, wo etwa der "Berliner Kurier" von "Flüchtlings-Angst" zu berichten wusste: "Österreicher greifen zu den Waffen". "Besorgte Bürger" hätten sich in den letzten Wochen und Monaten wegen "sozialer Umwälzungen" bewaffnet, so der Tenor der Berichte.

Doch stützen die Zahlen die dramatischen Überschriften? Über die Entwicklung der privaten Schusswaffenregistrierungen der vergangenen Monate – vor allem mit dem jeweiligen Bevölkerungsstand als Bezugsrahmen und im internationalen Vergleich – trafen die Artikel kaum Aussagen. Dabei verfügt das österreichische Innenministerium seit Mitte dieses Jahres auch über monatsaktuelle Daten aus dem Zentralen Waffenregister (ZWR).

Anstieg im Bereich der dritten Nachkommastelle

Per 1. Juli 2015 lag die Zahl der Feuerwaffenbesitzer in Österreich bei 253.917, das war ein Anteil von 2,945 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Bis 1. Oktober stieg sie auf 256.321 Personen oder 2,959 Prozent der Bevölkerung. Die Quote der Waffenbesitzer erhöhte sich im dritten Quartal also um 0,014 Prozentpunkte – oder um 0,0047 Prozentpunkte im Monatsmittel. Der angebliche "Boom" spielte sich erst an der dritten Nachkommastelle ab.

Weil das Innenministerium Einwohnerzahlen nur zu Quartalsbeginn veröffentlicht, lässt sich für Anfang November – anders als für Juli und Oktober – kein relativer Anteil der Waffenbesitzer an der Gesamtbevölkerung errechnen. Ihre absolute Zahl stieg jedenfalls erneut, nämlich auf 258.622 Personen.

907.137 Schusswaffen waren Anfang November in Österreich registriert; jeder Waffeneigentümer besitzt also im Durchschnitt 3,51 Lang- oder Faustfeuerwaffen. Nimmt man die Gesamtbevölkerung als Referenzwert, so kamen im Oktober 10,41 Schusswaffen auf 100 Einwohner. Gegenüber dem Juli-Wert von 10,37 war das ein ebenfalls nur geringer monatlicher Anstieg von 0,015 Punkten.

Regional ist das Bekenntnis zur Feuerwaffe recht unterschiedlich ausgeprägt. Unter dem Bundesdurchschnitt von 2,96 Prozent Waffenbesitzern lagen im Oktober Wien (1,69 Prozent), Vorarlberg (1,87 Prozent), Tirol (2,52 Prozent) und Salzburg (2,74 Prozent), darüber lagen Oberösterreich (3,04 Prozent), die Steiermark (3,39 Prozent), Kärnten (3,53 Prozent), Niederösterreich (4,04 Prozent) und das Burgenland (4,41 Prozent).

In absoluten Zahlen ist Niederösterreich mit 251.899 Schusswaffen am stärksten durchdrungen, die wenigsten Fabrikate gab es mit 22.912 in Vorarlberg.

Anstieg vor allem in zwei Kategorien

Welche Waffen besitzen die Österreicher nun? Das heimische Waffengesetz von 1996 kennt die vier Kategorien A, B, C und D. Als Kategorie A sind verbotene Waffen und Kriegsmaterial definiert, zu denen etwa Pumpguns oder vollautomatische Schusswaffen zählen.

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Kategorie-A-Waffen wie die österreichische Steyr AUG A1 sind für Privatpersonen in Österreich grundsätzlich verboten.

Derzeit sind im ZWR noch 7.064 Stück der Kategorie A erfasst. Ihre Zahl sinkt beständig, da es sich in erster Linie um die Reste früherer Bestände handelt; Neuregistrierungen sind mit Ausnahme einer behördlichen Sondergenehmigung nicht erlaubt.

Kategorie B bündelt genehmigungspflichtige Waffen, die nicht der Kategorie A angehören, zum Beispiel Repetierflinten, Pistolen, Revolver und halbautomatische Schusswaffen. Ihr Besitz erfordert eine Waffenbesitzkarte (WBK), die nur Erwachsenen nach einem positiven psychologischen Gutachten ausgestellt wird. Wer zudem über eine Jagdkarte verfügt, muss eine solche Überprüfung nicht erbringen.

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Die ebenfalls in Österreich produzierte Glock 17 ist als Kategorie-B-Waffe nur Personen mit Waffenbesitzkarte oder Jagdschein erlaubt.

Per 1. Juli waren 363.869 Waffen dieser Art in Österreich gemeldet, das entsprach einem Wert von 4,22 Waffen je 100 Einwohner. Bis 1. Oktober stieg die Zahl der gemeldeten Exemplare auf 365.127; weil sich im selben Zeitraum auch der Bevölkerungsstand deutlich erhöhte, sank der relative Anteil der Kategorie-B-Waffen sogar – auf 4,215 Stück je 100 Einwohner. Bis Anfang November gab es in absoluten Zahlen erneut einen Anstieg auf 366.344.

Waffen der Kategorie C sind in Österreich am stärksten verbreitet. Darunter fallen meldepflichtige Waffen mit gezogenem Lauf, die nicht den ersten beiden Kategorien angehören, also Büchsen. Sie sind frei ab 18 Jahren, eine WBK ist zum Erwerb nicht nötig; mit einer solchen entkommt man jedoch der sonst vorgeschriebenen "Abkühlfrist" von drei Tagen. Käufern ohne WBK wird die Waffe erst 72 Stunden nach Vertragsabschluss ausgehändigt, der Gesetzgeber will damit die Gefahr von Affekthandlungen abschwächen.

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Büchsen fallen in die Kategorie C.

Die mit Anfang November 487.255 gemeldeten Kategorie-C-Waffen entsprechen 53,7 Prozent aller in Österreich registrierten Feuerwaffen. Ihr Anteil je 100 Einwohner stieg zwischen Juli und Oktober von 5,576 auf 5,601 – und absolut von 480.819 auf 485.275 Stück.

Für Waffen der Kategorie D gelten grundsätzlich dieselben Regeln wie für Kategorie C, nur dass darin Waffen mit glattem Lauf systematisiert werden, also Flinten.

foto: arz/wikimedia commons (cc by-sa 3.0)
Flinten fallen in die Kategorie D.

Sie machen mit 46.474 Exemplaren etwa fünf Prozent des im November gemeldeten Waffenbestands in Österreich aus. Die Registrierung von vor Juni 2012 gekauften Kategorie-D-Waffen erfolgte allerdings nur auf freiwilliger Basis. Je 100 Einwohner stieg ihr erfasster Anteil zwischen Juli und Oktober von 0,486 auf 0,513, absolut von 41.937 auf 44.439 Stück.

Für den derzeit zu beobachtenden Anstieg sind also vor allem Waffen der Kategorien C und D verantwortlich. Da für Kategorie-B-Waffen die Prozedur zur Erlangung der WBK mehrere Wochen in Anspruch nehmen kann, ist ein Anstieg dieser Gattung in den kommenden Monaten nicht auszuschließen.

Wenige Waffen im Vergleich zur Schweiz

Weitere Prognosen über ein gesellschaftliches Phänomen wie den Waffenbesitz sind wegen unvorhersehbarer Variablen nur sehr bedingt aussagekräftig. Wenn man davon ausgeht, dass die Zuwachsraten des dritten Quartals andauern, bliebe Österreich im internationalen Vergleich aber weiterhin nur auf moderatem Niveau bewaffnet.

Der derzeitige Stand von 10,41 Feuerwaffen je 100 Einwohner entspricht einem Bruchteil der vergleichbaren Schweiz. Zwar gibt es dort kein amtliches Registrierungssystem, doch Schätzwerte gehen von 29 bis 61 Waffen je 100 Einwohner aus. Für den Spitzenreiter USA wird die Zahl der Feuerwaffen auf 89 bis 99 je 100 Einwohner geschätzt.

Würde die Schusswaffenquote in Österreich wie zuletzt weiterhin um 0,015 Punkte pro Monat steigen, dann müsste der "Aufrüstungsboom" mehr als 100 Jahre dauern, bis der untere Schätzwert der Schweiz erreicht wäre – und über 400 Jahre bis zur unteren US-Quote. (Michael Matzenberger, 24.11.2015)

Hintergrund

Das Zentrale Waffenregister startete in Österreich mit 1. Oktober 2012. Seither müssen alle erworbenen Schusswaffen der Kategorien C und D innerhalb von sechs Wochen bei einem Waffenfachhändler registriert werden. Bis 30. Juni 2014 lief die Frist zur Registrierung von bereits vor der ZWR-Einführung besessenen Waffen, für Kategorie-C-Waffen verpflichtend, für Kategorie-D-Waffen freiwillig. Waffen der Kategorien A und B werden automatisch über Sondergenehmigung beziehungsweise Eintrag in die Waffenbesitzkarte registriert. Laut Auskunft des Innenministeriums werden seit 1. Juli 2015 monatliche Bestandsdaten des ZWR erhoben.

Quellen

  • Die Zahl der Schusswaffenregistrierungen in Österreich steigt. "Boom" wäre dafür ein starkes Wort.
    foto: reuters/jim young

    Die Zahl der Schusswaffenregistrierungen in Österreich steigt. "Boom" wäre dafür ein starkes Wort.

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