Abschied von der Regelschule

Kommentar der anderen13. November 2015, 17:10
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Die Bildungsreform, die kommende Woche vorgestellt werden wird, dürfte nicht ein großer Wurf werden, sondern eher Verwaltungs- und Finanzierungsreform. Ein "ebenes Spielfeld für alle Schulen" bleibt weiterhin ein Wunsch ans Christkind

Für die österreichische Bildungspolitik ist Weihnachten heuer schon am 17. November. An diesem Tag wird die sogenannte Bildungsreformkommission ihren Bericht vorlegen. Es mehren sich die Anzeichen, dass die Bescherung nicht in einer umfassenden und grundlegenden "Bildungs"-Reform bestehen wird, sondern in einer "Punktuation", die sich vorrangig auf eine Reform der Schulverwaltung und -finanzierung bezieht.

Einer der Schlüsselbegriffe sowohl im öffentlichen Diskurs als auch in der Arbeit der Kommission ist "Schulautonomie" oder – präziser – die Erhöhung des Ausmaßes dessen, was von jeder einzelnen Schule entschieden werden darf. Das Wichtigste am Begriff "Schulautonomie" sind die relativierenden Anführungszeichen, denn selbstverständlich gilt weiter das bisher sehr enge legistische Korsett des österreichischen Schulrechts, das in Zukunft etwas gelockert werden soll. Es ist zu befürchten, dass dieser Begriff mit unrealistischen Erwartungen überfrachtet wird und als Allheilmittel für alle möglichen schulischen Mängel herhalten muss. Einmal davon abgesehen, was unter "Schule" zu verstehen ist (die Schulleitung? ein neues, zugleich demokratisch und professionell legitimiertes Gremium? der die Eltern einbeziehende Schulgemeinschaftsausschuss?), stellt sich die Frage: Was kann an einer Schule, die allemal Teil eines interdependenten Schulsystems bleibt, "autonom" entschieden werden?

Als die OECD vor Jahren den internationalen Diskurs über die Neuverteilung der Entscheidungskompetenzen in den damals noch durchwegs hochbürokratisierten und stark zentralisierten Schulsystemen der westlichen Welt startete, erstellte der schwedische Bildungsforscher Sixten Marklund ein Gutachten, in dem er folgende Unterscheidung traf:

  • Politische Entscheidungen, die aufgrund ihrer Bedeutung für das gesamte Schulsystem auf der nationalen Ebene getroffen werden müssen; dazu gehört natürlich die Struktur des Schulsystems, aber auch die Verfahren, nach denen jede einzelne Schule ihre Schüler rekrutiert.
  • Professionelle Entscheidungen, die, weil sie pädagogische Expertise erfordern, nur von einzelnen Lehrpersonen bzw. vom Lehrerkollegium einer Schule getroffen werden können, also etwa Unterricht, Lernprozesse und Erziehungsmaßnahmen.
  • Entscheidungen, die auf dem basisdemokratisch-schulpartnerschaftlichen Aushandeln zwischen den nationalen Vorgaben und dem standortspezifischen Kontext beruhen, unter anderem die faire und effiziente Verwendung der personellen und materiellen Ressourcen.

In der Kommission hätten die Alarmglocken schrillen müssen, als ein Gewerkschaftsboss meinte, dass Autonomie "selbstverständlich etwas kostet". Wie es scheint, hat die Lehrergewerkschaft mit dem Konzept der "Schulautonomie" keine besondere Freude; man dürfte ahnen, dass sich die bisherige Praxis, für alles, was über den schulischen Regelbetrieb hinausgeht, eine spezielle Zulage oder Abgeltung zu verlangen, nicht aufrechterhalten lässt. (Was ist aus Elisabeth Gehrers Vorstellung eines "All-inclusive-Gehalts" für Lehrer geworden?)

Wenn sich die Bildungsreformkommission über die Erfahrungen jener Länder kundig gemacht hat, die in den letzten Jahrzehnten ihren Schulen ein größeres Ausmaß an Selbstbestimmung zugestanden haben, so wird sie wissen: "Schulautonomie" hat unabdingbare Voraussetzungen und unvermeidliche Konsequenzen.

Die beiden wesentlichen Voraussetzungen sind ein professionelles Selbstbewusstsein der Lehrerschaft und eine kompetente Schulleitung; der "Preis" für die neue standortspezifische schulische Freiheit sind Rechenschaftspflicht, externes Monitoring des an der Schule Geleisteten, mehr Zeit für die Klärung dessen, was die Schule "aus sich" macht.

Abgesehen von eher banal-pragmatischen Entscheidungen wie der des täglichen Schulbeginns werden sich Schulen auf komplexe und folgenreiche Vereinbarungen einlassen müssen, wie sie mit ihrer neuen curricularen Autonomie umgehen, etwa indem sie einerseits den Kindern die Wahl eines persönlichen Profils zugestehen, gleichzeitig aber die Erreichung bestimmter fachspezifischer Leistungsstandards und Aufstiegs- und Übertrittsbefähigungen sicherstellen.

Es mag mechanistisch klingen, aber in mancher Hinsicht ist die Machtverteilung im Bildungswesen ein "Nullsummenspiel": Was nicht "makropolitisch" auf der nationalen Ebene entschieden wird, muss "mikropolitisch" im Konferenzzimmer ausgehandelt werden. Das kostet Zeit, Engagement und Formen von außerunterrichtlicher Entwicklungsarbeit, die in den bisherigen "vorprofessionellen" Lehrverpflichtungsstunden nicht unterzubringen sind. Ja, gewiss gibt es auch jetzt schon gute, "aktive" Schulen, die mehr leisten als "business as usual", und es war auch schon bisher unrealistisch zu glauben, dass ein Oberstufenrealgymnasium in Wien identisch ist mit einer Schule gleichen Typs in Grieskirchen oder Eisenerz, aber wenn die Kommission den Begriff Schulautonomie auch nur halbwegs ernst nimmt, dann bedeutet das nicht mehr und nicht weniger als den Abschied von der "Regelschule".

Links- auf Rechtsverkehr

Als man in Schweden die Dezentralisierung der Schulverwaltung und die Autonomisierung der Schulen einführte, wurde dies mit der Änderung des Straßenverkehrs vom Linksfahren zum Rechtsfahren verglichen. Nicht nur die Lehrerschaft, die Nation musste umlernen. Wenn jede österreichische Schule in Zukunft nicht nur den Auftrag hat, sich zu fragen, wie "gut" sie ist und in welcher Hinsicht sie "besser" werden möchte, sondern darüber hinaus ermächtigt ist, daraus konkrete Konsequenzen zu ziehen, erübrigt sich ein Großteil der bürokratischen Genehmigung von Schulversuchen, die vom Rechnungshof zu Recht kritisiert wurde.

Höchstwahrscheinlich ist es müßig, von der Bildungsreformkommission eine Lösung des strukturellen Grundproblems des österreichischen Schulsystems, die Abschaffung der Selektion mit zehn Jahren und die Einführung einer einheitlichen, in sich differenzierten Sekundarstufe I, zu erwarten, was, wie man in England so schön sagt, "für alle Schulen ein ebenes Spielfeld" schaffen würde. Wer sich das wünscht, dem bleibt wohl nur der "Brief ans Christkind" am 24. Dezember. (Karl Heinz Gruber, 13.11.2015)

Karl Heinz Gruber ist Ordinarius für Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Wien im Ruhestand.

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