Deutschlands Image bröckelt – Vom Sommermärchen in eine dunkle Zeit

Analyse14. November 2015, 17:00
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VW hat bei Abgaswerten getrickst, der deutsche Fußball versinkt im Korruptionssumpf, die Kanzlerin hat in der Flüchtlingsfrage nicht einmal die eigene Partei hinter sich: Das Selbstbild vom guten, korrekten Deutschland, das Qualitätslabel "made in Germany ", ist ins Wanken geraten.

Musterbriefe als Serviceleistung für Mitglieder sind eine gute Geschäftsidee. Und so mutet es zunächst auch völlig normal an, wenn ein Automobilclub Tipps zum Autokauf gibt. Treibt man sich jedoch auf der Website des ADAC herum, so kommt einem doch unweigerlich das Wort Realsatire in den Sinn.

Dort gibt es einen Vordruck, um ein Fahrzeug von Volkswagen nur "unter Vorbehalt" zu erwerben, "da nicht ausgeschlossen werden kann, dass das vorbezeichnete Dieselkraftfahrzeug fehlerhafte Abgaswerte aufweist und damit mangelhaft ist". Der größte Automobilclub Deutschlands, der 2014 durch Manipulationen bei der Vergabe von Autopreisen aufgefallen war, gibt also Tipps, um sich vor Manipulationen beim Schadstoffverbrauch bei Europas größtem Autobauer zu schützen.

Lustig irgendwie. Aber natürlich nur kurz und nicht wirklich, sondern ein Ausdruck dessen, dass Deutschland gerade ziemlich heftig mit Skandalen und Krisen zu kämpfen hat. Europas Musterschüler ist auf drei wichtigen Ebenen davon erfasst worden: in der Politik, in der Wirtschaft und beim Fußball.

Beginnen wir mit Letzteren. Wer erinnert sich nicht an die glückseligen Sommertage 2006. Der "Kaiser" Franz Beckenbauer hatte den Deutschen die WM ins eigene Land gebracht, und es war eine einzige Befreiung. Eine junge Mannschaft spielte sich in die Herzen der Nation, die Deutschen trauten sich plötzlich die Nationalhymne zu singen und Deutschlandfähnchen zu schwenken – ganz selbstverständlich und ohne braune Hintergedanken.

Zum WM-Titel reichte es nicht, den holte Italien. Aber der dritte Platz war den Deutschen fast genauso lieb. Mehr hätte man auch mit einem ersten Platz kaum herausholen können. Die Deutschen erlebten plötzlich auch eine andere Kanzlerin. Angela Merkel, die kühle Naturwissenschafterin, die damals seit einem Jahr im Amt war, konnte im Stadion, wenn die deutsche Elf ein Tor erzielte, so richtig ausflippen.

"Diese Erinnerungen werden natürlich bleiben, und auch die Fußballbegeisterung ist in Deutschland ungebrochen – nicht zuletzt weil das Produkt Fußball so gut ist wie noch nie", sagt Gunter Gebauer, Sportsoziologe an der Freien Universität Berlin. Und doch hat das Sommermärchen einen dicken Kratzer auf dem schwarz-rot-goldenen Lack bekommen. Die Illusion, dass Deutschland den Zuschlag für die WM 2006 bekam, weil seine tolle Bewerbung ausreichend war, um die Fifa zu überzeugen, ist wohl nicht aufrechtzuerhalten.

Beckenbauer schweigt

Es sollen auch 6,7 Millionen Euro geholfen haben, der DFB (Deutscher Fußballbund) sucht noch nach Erklärungen und hätte es vermutlich auch leichter, wenn Beckenbauer ein wenig jene Gesprächigkeit an den Tag legen würde, die ihm sonst vor allen Mikrofonen der Welt zu allen Themen der Welt nicht besonders schwerfällt.

"Ich habe oft genug erklärt, dass ich für das Thema Korruption der falsche Ansprechpartner bin", hat er 2014 gesagt. Warum sich seine Unterschrift (als damaliger Chef des WM-Organisationskomitees) auf einem Dokument findet, das dem früheren Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner kurz vor der entscheidenden Abstimmung über die WM-Vergabe 2006 "diverse Leistungen" von deutscher Seite zusagt, ist nach wie vor offen.

Und überhaupt: Ausgerechnet der Franz! Der Kaiser! Die Lichtgestalt unter all den grauen Funktionären. Der soll jetzt nicht nur als Fußballer bestechend gewesen sein. "Viele trauten Beckenbauer einfach nichts Böses zu", sagt Soziologe Gebauer. Nun ist die Enttäuschung über den beliebten Saubermann groß.

Sorgen macht sich Dagmar Freitag (SPD), die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Wie der DFB drängt auch sie Beckenbauer zur Aufklärung und sagt: "Die Fußballfans sind hart im Nehmen, aber der Sport wird, wenn das mit den Schlagzeilen so weitergeht, seine Akzeptanz verlieren." Auf internationaler Ebene habe sie schon lange "sehr vieles" für möglich gehalten. Aber: "Dass wir hier in Deutschland Teil einer solchen Affäre sein könnten, das habe ich mir in dieser Form nicht vorstellen können." Schmutzig mögen die anderen agieren, aber nicht die korrekten Deutschen.

Das (Selbst-)Bild bröckelt.

Dabei ist die WM 2006 für die Bundestagsabgeordneten gerade das kleinere Problem. Es gibt vor allem ein Thema, und das ist die Flüchtlingskrise. Nichts hat Deutschland in den vergangenen Jahren so beschäftigt, nicht einmal die Eurokrise.

Denn diese war, bei aller Sorge um das Ersparte, auch immer irgendwie etwas Abstraktes. Man konnte sich darauf verlassen, dass Merkel das in Brüssel schon lösen würde. Gewiss, es war nicht einfach, aber die Deutschen vertrauten auf ihre Kanzlerin.

Kein Applaus mehr

Doch jetzt geht es nicht um technische Begriffe wie Schuldenschnitt oder Graccident. Jetzt kommen seit Monaten reale Menschen nach Deutschland, die Hilfe brauchen. Sie machen sich nicht nur in Form von TV-Bildern von den Grenzen bemerkbar, sondern man sieht sie tatsächlich in den Städten und Gemeinden.

Anfang September wurde ihnen bei der Ankunft auf dem Münchner oder Dortmunder Hauptbahnhof noch applaudiert. Das reiche Deutschland zeigte sich von seiner besten Seite. Doch mittlerweile sind die vielen freiwilligen Helfer erschöpft, die Kommunen haben keinen Platz mehr, um die vielen Neuankömmlinge halbwegs unterzubringen.

Merkel aber vermag nicht zu sagen, wie es konkret weitergehen soll. Immer stärker wird sie von den eigenen Parteikollegen gedrängt, sich doch endlich auf eine Obergrenze festzulegen, damit das Volk sich an einer Zahl festhalten kann: bis hierher, aber nicht weiter. Doch Merkel wollte dem bisher nicht nachkommen.

Davon müsste Merkel abweichen, sagt Oskar Niedermayer, Politologe an der Freien Universität Berlin. Die Deutschen erwarten ein Zeichen, dass irgendwo Schluss ist. "Ihr Krisenmanagement hat Merkel in den vergangenen Jahren extrem genützt. Aber jetzt ist es deutlich angeknackst", sagt Niedermayer. Die Regierung wirkt in der Flüchtlingskrise hilflos und getrieben, überrollt von den vielen Menschen, die kommen. "Merkel hatte ein Herz, aber keinen Plan", kritisierte der deutsche Altkanzler Gerhard Schröder seine Nachfolgerin dieser Tage bei einem Auftritt in Wien.

Man könnte dies natürlich als einen griffigen Spruch Schröders abtun, der sich mit dem Problem nun ja nicht mehr herumschlagen muss. Irritierenderweise jedoch sagt Merkels Flüchtlingsmanager, ihr Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU), dem sie die politische Koordination der Flüchtlingskrise eigens überantwortet hat, das Gleiche. "Wir haben keine Blaupause, keinen Plan, den wir aus der Schublade ziehen können." Nach Merkels "Wir schaffen das" klingt das längst nicht mehr.

Dass die Dinge aus dem Ruder gelaufen sind, zeigt auch die Beantwortung einer Anfrage der grünen Abgeordneten Renate Künast durch die Bundesregierung. Sie wollte von der Bundesregierung wissen, wie viele Flüchtlinge denn nun eigentlich in der Bundesrepublik angekommen sind. 800.000, wie zuvor von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) prognostiziert? Oder schon viel mehr, wie viele annehmen? Gar eine Million? Auch diese Zahl schwebt im Raum.

"Keine Gesamtübersicht"

Als Antwort bekam Künast von Staatssekretär Ole Schröder mitgeteilt, der Regierung liege "keine Gesamtübersicht über die Zahl der in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebrachten Asylbewerber vor". Ihr sei auch "nicht bekannt, wie viele Personen von den Erstaufnahmeeinrichtungen auf die Kommunen verteilt wurden".

Für viele klingt das nicht unbedingt vertrauenerweckend. Auch wenn Vertreter der Wirtschaft immer wieder betonen, Deutschland sei auf Zuzug angewiesen, oder der Ökonom Christoph Schmidt als Vorsitzender der deutschen Wirtschaftsweisen erklärt: "Das kann Deutschland schultern" – viele Menschen haben Angst.

Pegida und die Alternative für Deutschland (AfD) haben wieder regen Zulauf, die AfD liegt erstmals in einer bundesweiten Umfrage bei zehn Prozent. Wieder werden Deutschland-Fahnen geschwungen, aber diesmal stehen sie – anders als 2006 – nicht für ein fröhliches und weltoffenes Deutschland, sondern für ein Land, das sich abschotten möchte, in dem das "Deutsche" als etwas Besseres gesehen wird.

Der Ton wird nicht nur bei Pegida schärfer, sondern auch in der Politik. Der nordrhein-westfälische AfD-Landesvorsitzende Marcus Pretzell hält den Gebrauch von Schusswaffen im Fall eines unerlaubten Grenzübertritts als "Ultima Ratio" für gerechtfertigt. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) spricht neuestens von einer "Lawine".

"Ob wir schon in dem Stadium sind, wo die Lawine im Tal unten angekommen ist, oder ob wir in dem Stadium im oberen Ende des Hanges sind, weiß ich nicht", sagt er. Nun wird in Berlin spekuliert, warum ein ausgefuchster Profi wie Schäuble Flüchtlinge mit einer todbringenden Lawine vergleicht. "Nur" eine Entgleisung? Oder wollte er Merkel ganz gezielt eine reinwürgen?

Aufarbeitung dauert Jahre

Fußball, Politik – zwei wichtige Bereiche kriseln. Da wäre es doch schön, könnte man sich auf die Wirtschaft verlassen. Aber auch da sind zwei Flaggschiffe in Not. Volkswagen betrog massiv bei den Abgaswerten, ein Schock für Kunden, Beschäftigte und auch für die Politik. Weder der wirtschaftliche noch der immaterielle Schaden sind heute schon absehbar. Klar ist nur eines: Die Bewältigung der Krise wird viele Jahre dauern.

Gewisse Tipps könnte die Deutsche Bank geben, die seit Jahren damit beschäftigt ist, diverse Baustellen (Kirch-Prozess, Zinsmanipulationen) aufzuarbeiten. Erst diese Woche hat Finanzvorstand Marcus Schenck erklärt: "Wir erwarten 2015 und 2016 sehr hohe Belastungen aus Rechtsstreitigkeiten." Doch er sagte auch, die Bank sei "nicht das Reich des Bösen". Das ist doch ein Trost.

Aber vielleicht ist es alles bloß Ansichtssache, und man sollte es lockerer sehen, so wie der Philosoph Richard David Precht, der sagt: "Wieso sollte Deutschland so viel ehrlicher sein als andere Länder der Welt? Wir sollten nicht so tun, als ob wir in einer durch und durch ehrlichen Kultur leben. Aber das glaubt ja auch keiner." (Birgit Baumann, 14.11.2015)

  • Those Were The Days: Die Fußball-WM 2006 bescherte den Deutschen einen Sommer voller Leichtigkeit und ein neues, positives Image in der ganzen Welt.
    foto: reuters / michaela rehle

    Those Were The Days: Die Fußball-WM 2006 bescherte den Deutschen einen Sommer voller Leichtigkeit und ein neues, positives Image in der ganzen Welt.

  • Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat das VW-Logo beim Eingang des Wolfsburger Konzerns etwas "angepasst". Europas größter Autobauer manipulierte Schadstoffwerte bei Dieselautos.
    foto: afp / dpa / peter steffen

    Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat das VW-Logo beim Eingang des Wolfsburger Konzerns etwas "angepasst". Europas größter Autobauer manipulierte Schadstoffwerte bei Dieselautos.

  • Auch wenn Pegida durch Dresden "spaziert", werden wieder Deutschland Fahnen geschwenkt. Aber diese stehen nicht für Weltoffenheit, sondern für Abschottung.
    foto: ap / jens meyer

    Auch wenn Pegida durch Dresden "spaziert", werden wieder Deutschland Fahnen geschwenkt. Aber diese stehen nicht für Weltoffenheit, sondern für Abschottung.

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