Schütteln statt schneiden: Tomtom Bandit getestet

Kolumne15. November 2015, 15:00
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Actioncams werden im Outdoor-Spielzeugpark heuer der Weihnachts-Hit. Darum hier nun auch die Tomtom Bandit im Test

Manche Dinge sollen einfach nicht sein. Das hat mitunter nichts mit Qualitäten oder Charakter zu tun – sondern einfach nur mit Chemie und Sympathie. Bei Menschen wie bei Dingen. Genau so ging es mir mit der "Bandit", der Actioncam des Navi-Riesen Tomtom: Die Kamera lag da – und "schmeckte" mir schon in der Verpackung nicht. Ja, ich weiß, dass das unfair und unprofessionell ist.

Denn als ich die Cam ausprobierte, war da wenig, was auf den ersten Blick gegen den 10-mal-5-Zentimeter-Zylinder gesprochen hätte: Robust. Wasserdicht (bis 50 Meter). Mit 190 Gramm in etwa so schwer wie die Benchmark-Geräte von Gopro. Über einen Adapter lässt sie sich nicht nur auf eigenen, sondern auch Halterungen des Marktführers (Gopro) befestigen.

foto: thomas rottenberg
Tomtom Bandit im Vergleich mit der Gopro.

Darüberhinaus kann sie HD-, Zeitlupe und Zeitraffervideo, kann via Wifi übers Handy gesteuert werden, verfügt über GPS und lässt sich mit Pulsmessern verbinden. Passt.

Aber die "Bandit" kann mehr. Sie hilft etwa beim Kabelsalatvermeiden: Die Außenhülle mit Optik und Bedienfeldern "schützt" den Akku-Stick, in dem auch gleich die Speicherkarte sitzt. Oft muss man den aber nicht rausnehmen – denn die Batterie soll drei Stunden nonstop-Filmen verkraften. Darüber hinaus loben die Hersteller das drahtlose Schüttel-Download-Feature ihrer Cam als innovativ und über den grünen Klee. Dazu später.

foto: thomas rottenberg

Denn zuerst kommt das mit der Kamera verbundene "aber": An der Bild- und Tonqualität – Indoor, im Freien, unter Wasser – gibt es nichts zu bemängeln. Sehr wohl aber am Handling. Die auch Tomtoms Sportuhren eigene Art, unterhalb eines Displays einen viereckigen Knopf zu haben, den man nicht zentral, sondern an den Rändern zum Navigieren drücken muss, ist – höflich gesagt – gewöhnungsbedürftig: Intuitiv tappt jeder zunächst aufs Display – und danach mittig auf den Steuerknopf. Aber daran gewöhnt man sich.

foto: thomas rottenberg

Wirklich nervig ist die Position des Auslösers – am Heck des Geräts: Hält man die Kamera (wie ich) in der Hand, muss man umständlich umgreifen, um den versenkten Knopf zu erwischen. Beim Fotografieren braucht man da meist beide Hände. Dass das Ausschalten beim Videodreh an einer anderen Stelle stattfindet, als das Einschalten, macht das Handling nicht simpler. Und ist weder bei an Helmen oder sonstwo befestigten, noch bei in der Hand gehaltener Kamera praktisch: Bei Selfie-Actionszenen kommt es auch aus Sicherheitsgründen auf zwei Dinge an: freie Hände – und einen freien Kopf.

foto: thomas rottenberg

In Sachen Fotoqualität hat die "Bandit" gegenüber den meisten anderen Weitwinkel-Actionkameras aber ein Atout parat: Sie macht 16K-Bilder. Da kann man im Nachhinein wirklich fein reinzoomen. Allerdings – und damit ist der Trumpf verspielt – nur im Einzelbildmodus. Bei Serienaufnahmen sind es zwar immer noch 8K – aber vertrackterweise kann die Bandit nur auf "Serie" und nicht auf "Dauerfeuer" (oder zumindest "Selbstauslöser" gestellt werden: Zehn Fotos in einer (oder zwei) Sekunde(n) nutzen Fotografen wie mir genau gar nichts. Außerdem wird das beidhändige Hantieren beim Foto-Auslösen oder der ständige Griff an die befestigte Cam alle Paar Sekunden dann echt mühsam: wer so fotografiert, braucht keine Halterung, sondern kann das Ding gleich in der Hand halten.

foto: thomas rottenberg

Doch die Bandit will nicht Foto-, sondern vor allem Videokamera sein. Darauf basiert auch ihr großes Alleinstellungsmerkmal: die App.

Schüttelvideo

Die hilft dem ambitionierten Actionfilmer, wertvolle Abenteuerzeit zu sparen: Schüttelt man das Handy, stellt die App aus den vorhandenen Video-Sequenzen einen "Highlight-Clip" zusammen. Angeblich, weil sie die besten oder spektakulärsten Szenen – vermutlich über die GPS-Messerei anhand von Tempo oder G-Kräften – selbst erkennt: Für den "Filmer" heißt das, dass er oder sie das Material nicht einmal sichten muss.

thomas rottenberg

Darüber hinaus lässt sich auf Knopfdruck dann noch Musik drüber legen oder Beschleunigungs- und andere Werte einblenden, noch ein Knopfdruck – und das "Werk" landet in sozialen Medien oder sonstwo im Netz.

Klingt faszinierend. Und ist es auch – weil es funktioniert. Bloß wirkt das, was Kamera oder App aussuchen, oft ein wenig bochn oder willkürlich: De facto kommt man ums Sichten & Selektieren nicht herum – und da die Cam ihr eigenes Wifi verwendet, um sich mit dem Smartphone zu verständigen, dauert das Hochladen aufs Handy und danach ins Netz seine Zeit.

thomas rottenberg

Preislich liegt die Tomtom dort, wo sie auch technisch daheim ist: in der Gegend der Gopro Hero 4. Also bei etwa 430 Euro. Für aufs Filmen fokussierte Outdoor-Dokumentator(inn)en, die ihre Kamera immer am Bike oder an anderen stabilen Geräten montiert haben, eine brauchbare Alternative – für alle, die mit einer Actioncam auch Fotos machen wollen, in meinen Augen aber nicht das Gelbe vom Ei. (Thomas Rottenberg, 15.11.2015)

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