Fressen, bis die Schwarte kracht

Kolumne13. November 2015, 17:00
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Über den heimischen Hang zum Kalorienexzess

Juhu, Weltmeister! Laut OECD verputzen wir Österreicher täglich durchschnittlich 3784 Kalorien und fressen selbst die Amerikaner (3639 kcal) locker unter den Tisch. Dabei greifen gerade die Amis gern zu, wenn es beim Barbecue oder in der Fastfood-Bude etwas Feines gibt! Jetzt bräuchten wir nur noch zu jedem Essen ein Extrakrügl Rapsöl trinken, dann schaffen wir gar die Viertausendermarke.

Das große Fressen hat in Österreich Tradition, wenn auch nicht überall gleichermaßen. Im Osten verleibt man sich traditionell mehr ein als im Westen. Könnte man das Land auf eine Fettwaage stellen, käme die Bregenzer Schale weit über der Wiener Schale zu stehen.

In Josef Weinhebers Gedicht Der Phäake zählt ein Wiener Lebemann auf, was er papperlt und piperlt, wenn der Tag lang ist: "Ein Hühnersupperl, tadellos, / ein Beefsteak in Madeirasoß, / ein Schweinspörkelt, ein Rehragout, / Omletts mit Champignon dazu, / hernach ein bisserl Kipfelkoch / und allenfalls ein Torterl noch." Der deutsche Aufklärer Christoph Friedrich Nicolai traute seinen Augen nicht, als er bei einer Wienreise Ende des 18. Jahrhunderts mitbekam, was sich ein wohlhabender Wiener täglich in die Rüstung pfiff: "Er ißt auch gebratene Schnecken, eingerührte Eyer, Lungenbratl, oder wenigstens doch eine gute Portion Kipfl. Dem ohnerachtet kann er zu Hause gegen acht Uhr doch wieder eine Abendmahlzeit von drey Gerichten verzehren. Oder wenn er mäßig seyn will, geht er in ein Gwürzgwölb, speißt ein hundert Austern, trinkt einen süßen Wein dazu."

Kipfelkoch und gebratene Schnecken sind leider aus der Mode gekommen. Die Gefahr, vom Fleisch zu fallen, ist dennoch gering. Die Globalisierung beschert uns viele fettige Alternativen aus aller Welt. Wer will, kann heute an Aberdutzenden Kebabständen oder Asiashops quer durch die Stadt äsen.

Rätselhaft bleibt, warum die 3784-Kalorien-Österreicher trotz ihrer Fresslust schlanker sind als die 3639-Kalorien-Amerikaner. Den klassischen Sackmenschen trifft man in St. Louis, Missouri, allemal noch häufiger an als in St. Pölten. Hat es vielleicht damit zu tun, dass wir Österreicher auch liebend gern dem zehrenden Grünen Veltliner, einem bewährten Schlankmacher, zusprechen? Wie auch immer: Guten Appetit und Prost fürs Wochenende! Vergessen Sie nicht auf die Martinigans! (Christoph Winder, 13.11.2015)

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