Hippes Quetschie schlägt im Salzkammergut auf

16. November 2015, 09:00
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Im Vorjahr verließ das letzte Hipp-Glas die Produktion in Gmunden. Heute bescheren Plastikbeutel Skepsis, aber auch Wachstum

Gmunden – Die an der Traun liegenden historischen Produktionsstätten im satten Schönbrunnergelb fügen sich perfekt in die herbstliche Landschaft Gmundens. Bis zur Pleite der Weberei in den 1970er-Jahren wurde in der oberösterreichischen Bezirksstadt Baumwolle verarbeitet. Dann übernahm Babynahrungshersteller Hipp. Die Halle mit neugotischem Gewölbe strahlt immer noch Fabriksatmosphäre der Jahrhundertwende aus. Offen steht sie jetzt bei Konzerten oder Ausstellungen Kulturfans.

Hart gearbeitet wird in den angrenzenden Gebäuden. Doch auch hier musste die Tradition neuen Zeiten weichen. Im Juli des Vorjahres verließ das letzte Hipp-Glas die Produktion. Gläser werden nun in Ungarn befüllt.

Österreich ist jetzt das Land der Quetschtüten aus Plastik. Deswegen liegt neben dem Dampfen und Stampfen der Maschinen schwerer Bananenduft in der Luft. Denn was ins Glas passt, flutscht nicht notwendigerweise auch aus dem Plastikbeutel: Guave in Apfel-Banane, Apfel-Erdbeere-Banane, Fruchtmus gemischt allenfalls mit Müsli, beschreibt Österreich-Geschäftsführer Frithjof Tomusch, was durch die schmale Öffnung rutscht.

Trend zum Plastik

Leicht habe man sich den Umstieg auf den umstrittenen Werkstoff nicht gemacht und gedacht, dass "Hipp und Plastik gar nicht zusammenpassen", sagt Tomusch, während er durch die Produktionshallen führt. Doch die Entscheidung, auf den Trend aufzuspringen, der von England via Skandinavien Österreich erreichte, habe sich bezahlt gemacht.

Fünf Millionen Euro wurden in eine neue Fertigungslinie investiert. Im Dreischichtbetrieb wird gearbeitet, auch an Samstagen, weil man andernfalls mit der Produktion gar nicht nachkäme. Eine zweite Linie wird 2016 installiert. Damit sind die Quetschies, wie sie von den meisten liebevoll, von manchen etwas abschätzig genannt werden, das neue Hauptprodukt am Standort. 45 Millionen werden im Jahr produziert, Tendenz stark steigend. Ein Zehntel davon bleibt in Österreich, nach Deutschland, Großbritannien und China der viertgrößte Markt für die gesamte Produktpalette.

Tomusch erklärt dies so: "Die Glasverpackung war für Babys, mit dem coolen Beutel erweitern wir die Zielgruppe." Das gilt allerdings nicht nur für den Plastikbeutel, wie Seniorchef Claus Hipp erklärt: "25 Prozent bei manchen Produkten werden von Erwachsenen konsumiert. Eine nicht unerhebliche Zahl davon sind Spitzensportler."

Neben den Quetschbeuteln kommen auch Fertigmenüs in Kunststoffverpackung für den gesamten Markt aus der Traunseestadt. Spinat mit Fisch verpackt in Herzerlform etwa, der dann nach Frankreich geht. 9500 Schalen laufen stündlich vom Band.

Herausforderung Rohstoff

8000 Tonnen Rohstoffe werden jährlich verarbeitet. Sie in der richtigen Qualität zu bekommen, sei für den Betrieb, der seit den 1990er-Jahren vollständig in Bioqualität produziert, eine Herausforderung, sagt Juniorchef Stefan Hipp. 10.000 Vertragsbauern arbeiten für das Unternehmen, an manchen Projekten tüftelt man mit großem Aufwand. Etwa an einer Karottenzüchtung, die sich gut für Säfte eignet und deren Saatgut jetzt Hipp gehört.

Manche Rohstoffe, wie etwa die Erdäpfel kommen von überall auf der Welt. "Weil wir uns als weltgrößter Bioverarbeiter nicht von einem Markt abhängig machen können", sagt Tomusch: "Stellen Sie sich vor, im Marchfeld verunreinigt ein Nachbar ein Feld, das dann Bioware trifft. Dann können die nicht liefern." Rund drei Stunden sind Erdäpfel und Co von der Kontrolle bis zu Palette unterwegs, auf diversen Bändern bei unterschiedlichen Temperaturen, als Püree oder Würfel. Durchlaufen stampfende, zischende, mehr oder weniger laute Maschinen. Diese tragen Namen wie Pumpenbahnhof, fungieren als Misch- und Kochkessel oder als überdimensionale Druckkochtöpfe. Da und dort hantieren weißbemantelte Mitarbeiter, manche von ihnen in Gummistiefeln, alle vorschriftsgemäß behaubt.

Detektivische Fehlersuche

Ihre Aufgabe ist vor allem die Kontrolle. Lebensmitteltechniker, Laboranten, Mechatroniker bildet man als Lehrlinge aus. Klassische Schlosser und Elektriker sind nicht mehr gefragt. "Man muss die Anlagen verstehen, bei der Fehlersuche eine Art technischer Detektiv sein", sagt Tomusch. Vor einigen Jahren musste man aber den Jungen erst klarmachen, dass Hipp ein spannender Arbeitgeber sei. Was Tomusch auch sagt: "Die Belegschaft war wehmütig, als das letzte Hipp-Glas das Werk verließ. Manche wollten nicht mehr umlernen." Doch die Umstellung auf die Beutel bringe zusätzliche Jobs. Mit der neuen Linie könnten zu den 160 Mitarbeitern 20 dazukommen. Daneben wird aufgrund der von hier aus betreuten Exportmärkte Personal aufgestockt.

Die Produktionsausfälle infolge des Umbaus ließen den Umsatz von 45 auf unter 40 Millionen Euro schmelzen. Mit beiden neuen Linien soll der Standort 55 Millionen zum Konzernumsatz von 800 Millionen Euro beisteuern.

Für die Ewigkeit lässt sich aber ohnedies nicht planen, räumt Claus Hipp ein: "Die beste Verpackung ist das Glas, und es gibt einen Trend zurück. Aber der Verbraucher muss halt bereit sein, wieder schwerer zu tragen." (Regina Bruckner, 16.11.2015)

  • Seniorchef Claus Hipp vor 20 Jahren. Der heute 77-Jährige malt, musiziert und mischt noch in der Firma mit. Hipp wurde nicht nur ausgezeichnet, der Zuckergehalt im Tee trug ihm auch den Preis für eine dreiste Werbelüge ein.
    foto: der standard

    Seniorchef Claus Hipp vor 20 Jahren. Der heute 77-Jährige malt, musiziert und mischt noch in der Firma mit. Hipp wurde nicht nur ausgezeichnet, der Zuckergehalt im Tee trug ihm auch den Preis für eine dreiste Werbelüge ein.

  • Eine neue Verpackung soll eine größere Zielgruppe bringen.
    foto: hipp

    Eine neue Verpackung soll eine größere Zielgruppe bringen.

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