Eurokrise: Endlich Erholung! Welche Erholung?

12. November 2015, 09:12
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Die Arbeitslosigkeit geht zurück, das Wachstum zieht an: Aus Krisenländern wie Spanien und Portugal kommen wieder gute Nachrichten. Aber ist die Trendwende wirklich schon geschafft?

grafik: der standard

+ Wachsen, wie China

Aus Sicht der Sozialisten und ihrer linken Bündnispartner in Portugal hätte es keinen besseren Zeitpunkt geben können, um die konservative Regierung unter Premier Pedro Passos Coelho aus dem Amt zu jagen. 2011 rutschte das südeuropäische Land in die Rezession. Die Preise gingen zurück, was die Angst vor einer Deflation wie im Europa der 30er-Jahre nährte.

Doch 2014 kam die Trendwende: Coelho überlässt seinen Nachfolgern ein Land mit guten Aussichten. 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum erwartet die EU-Kommission heuer für Portugal, das ist fast dreimal mehr, als man für Österreich vorhersagt. Die Zahl der Arbeitslosen geht endlich zurück, die Deflation ist abgewendet.

Portugal liegt im Trend. Mit Ausnahme Griechenlands legt die Wirtschaft derzeit in allen Sorgenländern der Eurozone zu. In Irland, das noch 2010 am Rande der Pleite stand, erwartet man sechs Prozent Wachstum. Das erinnert eher an ein aufstrebendes Schwellenland in Asien denn an Europa.

+ Triumph der Zucchini-Bauern

Aber woher kommt die Tendenz? Die Suche nach Antworten führt zu Spaniens Zuchini-Bauern. Vor wenigen Tagen haben die Landwirte stolz verkündet, dass sie noch nie so viel mit dem Export des grünen Gemüses verdient haben, wie im abgelaufenen Erntejahr. Auf fast 300 Millionen Euro summierten sich die Einnahmen aus dem spanischen Zucchini-Export. Solche Erfolgsmeldungen kommen jetzt öfter. Spanien, Portugal und Irland erleben einen Exportboom. Spanien verzeichnet 2015 das beste Jahr in seiner Geschichte, noch nie hat das Land mehr Waren und Dienstleistungen im Ausland verkauft. Irland profitiert vor allem davon, dass die Wirtschaft in den USA und in Großbritannien boomt, beide wichtige Handelspartner aus irischer Sicht. In Spanien und Portugal haben die Lohnkürzungen dafür gesorgt, dass Unternehmen billiger produzieren können, sagt Simon Tilford, Ökonom am Londoner Centre for European Reform. Deshalb konnten die Iberer mehr Marktanteile erobern.

+ Die Bürger shoppen wieder

Weil die Exporteure besser verdienen, hat sich die Wirtschaft stabilisiert. Zugleich haben Spanien, Portugal und Irland seit 2013 ihr Spartempo merklich gedrosselt. Steuern sind nicht weiter gestiegen. Das hatte zur Folge, dass Löhne und Pensionen nicht mehr gesunken sind. Als Folge davon hat eine Erholung des Inlandskonsums eingesetzt: 2014 stieg die Inlandsnachfrage in allen Südländern wieder (siehe Grafik) an, selbst in Griechenland. Auch die Investitionen haben moderat zugelegt. "In der Krisenzeit sparten sich Firmen und Haushalte Neuinvestitionen und Einkäufe. Nun wird nachgeholt, was den Wachstum deutlich höher ausfallen lässt", sagt Valentin Hofstätter, Analyst bei der Raiffeisen Bank International.

- Jung, motiviert und ohne Arbeit

Keine noch so positive Tendenz kann darüber hinwegtäuschen, dass Südeuropa nach wie vor in einer tiefen Arbeitsmarktkrise feststeckt. Würden die Arbeitslosen in Spanien, Griechenland und Portugal einen eigenen Staat ausrufen, es wäre das zehntgrößte Euroland, gemessen an den Bevölkerungszahlen. "Traditionell männliche Vollzeitjobs sind in Spanien und Italien zu einem großen Teil erhalten worden", sagt der deutsche Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker, "doch Teilzeitkräfte und besonders die Jungen haben ihre Arbeit verloren". Das lässt sich mit Zahlen belegen. Jeder Vierte unter 30-Jährige in Spanien und Italien absolviert derzeit weder eine Ausbildung, noch hat er eine Arbeitsstelle. Entscheiden die Jungen über die Zukunft Europas, sieht es im Süden ganz düster aus.

- Ein stetig wachsender Berg

Zugleich ist das Schuldenproblem nicht verschwunden. Die öffentliche Verschuldung in Spanien, Griechenland und Italien steigt weiter. Das Problem wird nur deshalb nicht virulent, weil die Europäische Zentralbank (EZB) derzeit Staatsanleihen wie verrückt kauft und damit die Zinsen drückt.

Wer mit Staatsanleihen in Europa zumindest noch ein wenig Geld verdienen will, muss in Südeuropa zulangen, sagt der Raiffeisen-Analyst Hofstätter. Das führt zu einer stetigen Nachfrage nach den Papieren der Eurokrisenländer.

Aber was, wenn die EZB ihr Programm eines Tages zurückschraubt? Sollte den Süden in naher Zukunft erneut ein Konjunkturschock treffen, wäre man extrem schlecht aufgestellt: Portugals Schuldenstand ist derzeit so hoch wie jener Griechenlands zu Krisenbeginn. Nicht gelöst wurde auch das Schuldenproblem der Privaten. Irlands Haushalte und Firmen haben Schulden in Höhe von 260 Prozent der Wirtschaftsleistung angehäuft. Steigen die Zinskosten für die Schuldner an, werden viele ihre Hypotheken nicht tilgen können, was in weiterer Folge die Banken treffen würde.

- Außer Sparen nichts gewesen

Der Blick in die Zukunft wirft noch eine wichtige Frage auf: Woher soll jenes nachhaltige Wachstum kommen, das zu einer dauerhaften Erholung in Südeuropa führt? Denn ein genauer Blick zeigt, dass die Südländer nach wie vor nicht mit dem industrialisierten Norden Europas mithalten können. So haben Spaniens Exporte seit 2007 zwar um fast 20 Prozent zugelegt, doch gestiegen sind vor allem die Ausfuhren von Lebensmitteln, raffiniertem Erdöl und anderen Rohstoffen – hier schlägt der Preisvorteil durch. Die Ausfuhr von Industriegütern wie Maschinen stagniert dagegen. "Spanien hat sich in der Wertschöpfungskette nicht weiter nach oben gearbeitet", sagt der Ökonom Tilford. Sprich: Die Unternehmer sind nicht innovativer geworden. "Das ist kein Wunder", sagt Tilford, "die ausbleibenden staatlichen und privaten Investitionen der vergangenen Jahre machen sich schmerzlich bemerkbar." (András Szigetvari, 13.11.2015)

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