Lass knallen: Winzersekt aus Österreich

22. Dezember 2015, 09:00
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Die Experimentierfreude der österreichischen Sektszene ist größer denn je. Die Bandbreite reicht vom Winzersekt bis zum angesagten Pétillant naturel

Prickelnd mag man es. So lautet das einfache Ergebnis der Ursachenforschung für den derzeitigen Boom an Schaumweinen in Österreich. Geschätzt werden diese nicht nur von Konsumenten beiderlei Geschlechts. Es sind auch nur wenige Winzerinnen und Winzer namentlich bekannt, die Sprudelndes – in welcher Form auch immer – nicht das Ihre nennen. Daher machen sich auch immer mehr Weinproduzenten daran, ihren eigenen Schaumwein herzustellen.

Pionier bezüglich Winzersekts aus Österreich war Willi Bründlmayer aus Langenlois. Er startete damit Ende der 1980er-Jahre, weil er seiner Frau Edwige, Französin und Champagnerliebhaberin, eine Freude machen wollte. Karl Steiniger aus Langenlois tat es ihm bald schon gleich, spezialisierte sich allerdings auf sortenreine Sekte vor allem aus österreichischen Rebsorten.

Der Erfolg der beiden inspirierte, heute entstehen in allen Weinbaugebieten gute Sekte. Markus Altenburger, Winzer im burgenländischen Jois, erklärte vor etlichen Jahren anlässlich einer Verkostung für einen Weinguide: "Ich habe da noch etwas gemacht, einen Rosésekt, eigentlich für mich, weil ich ihn gern trinke." Seine Ab-Hof-Kunden fuhren auf den "Altenburger Brut rosé" ab, und heute gehört der Sekt zu den etablierten Produkten seines Hauses.

Experimentierfreude

Viele Häuser haben früher "auch Sekt" gemacht und tun es heute mit steigendem Selbstbewusstsein. Jüngster Zugang in diesem Feld ist Fred Loimer, der gemeinsam mit Andreas Wickhoff, Österreichs neuestem Träger des renommierten "Master of Wine"-Titels, drei Sekte herausbrachte, einen Extra Brut blanc des Noirs aus Zweigelt und Pinot noir, einen Brut rosé in vergleichbarer Komposition und einen Blanc des Blancs aus Chardonnay, Grau- und Weißburgunder. Da Loimer Mitglied der "Respekt"-Winzer ist, allesamt Überzeugungstäter in Sachen Biodynamik, wurden auch die Grundweine nach biodynamischen Prinzipien erzeugt.

Die traditionelle Methode als einzig wahre Herstellungsform für weißen Winzersekt ist allerdings nicht (mehr) in Stein gemeißelt. Mindestens ebenso oft lassen Winzer ihrem Spieltrieb freien Lauf, sodass immer häufiger auch andere Produktionsformen zu finden sind. Ein Beispiel ist "Muscato" von Günter und Regina Triebaumer (Rust), ein im Drucktank hergestellter Perlwein (maximal 2,5 bar Druck) nach der Idee eines Moscato d'Asti. Dieser hat auf Piemonttouren mit sanfter Perlage schon so manchen vom Tannin wundgescheuerten Gaumen repariert.

Die Idee, eine burgenländische Version zu produzieren, kam den Triebaumers angesichts des Spaßes, den sie selbst mit diesem Weintyp hatten, und der auf dem Weingut reichlich vorhandenen Muskatellertrauben. Böse Argumente, dass diese Art ja "nur ein Weibergetränk" sei, mit ihrer zarten Süße, kontern sie schlagfertig damit, dass in dem Falle Günter Triebaumer wohl auch eine Frau sein müsse.

Ein anderes Beispiel ist "Sparky Red Anima 2013" brut, roter Sekt aus hauptsächlich Blauburger, Pinot noir, und etwas Rösler und Zweigelt von Seymann's Weinhandwerkerei, einem kleinen, sehr beachtenswerten Betrieb im Weinviertler Pulkautal. Als Harald Seymann, der in seinem Zweitberuf Kameramann ist, anlässlich eines Drehs über die Widrigkeiten von rotem Schaumwein am Markt hörte, ließ er sich animieren, es dennoch zu probieren – das Ergebnis überzeugt (siehe Tipps).

Spielregeln

Durch die Experimentierfreude speziell jener Generation von Winzern, die sich mit Bioweinbau, Natural und Orange Wines befassen, wurde in jüngster Zeit eine an sich altmodische Form von Prickel wiederbelebt: Pétillant naturel, auf Etiketten "Pet Nat" abgekürzt. Hergestellt wird nach der Méthode ancestrale, bei der noch gärender Sturm in Flaschen gefüllt, mit Kronenkorken verschlossen wird und dort zu Ende gärt.

Es ist die urtümlichste Form und der technisch gesehen direkteste Weg, um Kohlensäure ohne Zusätze ins Getränk zu befördern. Spannend daran ist, dass dies im Betrieb selbst bewerkstelligt werden kann, ohne Wein zum Versekten außer Haus geben zu müssen. Den spielerischen Kick bringt der Kontrollverlust, da nicht klar steuerbar ist, wie das Ganze nun tatsächlich schmecken wird, ob die Flüssigkeit zum Beispiel durchgärt oder wie groß der Druck beim Öffnen tatsächlich ist.

Mehr Wagemut

Alwin Jurtschitsch aus Langenlois hat sich mit Martin Arndorfer aus Straß zusammengetan und das Projekt "Fuchs & Hase" gestartet. Unter diesem Namen werden mehrere Varianten dieses besonderen Tropfens abgefüllt. Auch Judith Beck aus Gols kam nach der Herstellung ihres Rosé-Sekts "Nulldosage" aus Blaufränkisch auf die Idee, zwei ebenso formidable wie unterschiedliche Pet Nat aus Chardonnay und aus Pinot noir für ihre Bambule-Serie von Weinen zu produzieren, denen als Idee zugrunde liegt, "nichts hinzuzufügen und auch nichts herauszufiltern".

Um der Sektszene in Österreich eine neue Struktur zu geben und Sekt wie auch Wein mit Herkünften zu verlinken, wird dieser Tage eine Änderung im Weingesetz in Kraft treten. Die Idee an der neuen Qualitätspyramide für Sekt war, betreffend der Bezeichnungen klare Spielregeln in puncto Herkunft der Trauben und Herstellungsmethode einzuführen, von denen jedoch Sonderformen wie Pétillant naturel nicht erfasst wurden, welche daher ein freies Spielfeld sind. Bleiben noch die Konsumenten, von denen man sich etwas mehr Wagemut wünschen möchte. Denn Schaumwein, welcher Art auch immer, wird nach wie vor hauptsächlich bei Feiern und als Aperitif getrunken, kaum als Speisenbegleiter zu einem Menü. Dabei ist das mehr als eine Überlegung wert. (Luzia Schrampf, RONDO Feinkost, 22.12.2015)

Empfehlenswerte Schaumweine

Wildes Weib

Rote Schwester von Sparky Pink Frizzante (Blauer Portugieser & Zweigelt). Als "Wildes Weib" bezeichnet Nancy Seymann ihren Sekt: Dunkle Beeren mit einem leicht erdigen, an Herbstlaub erinnernden Unterton. Sparky Red Anima passt sogar zu T-Bone-Steak.

Seymann's Weinhandwerkerei, Sparky Red Anima 2013, 23,- Euro

foto: hersteller

Steirische Spuren

Ein weiteres Beispiel dafür, wie hervorragend sich auch steirische Weine zur Sektherstellung eignet. Die Schauer- Brüder aus dem Sausal folgen damit den Spuren, die von den Polz-Brüdern mit ihren Bruts blancs, Bruts Rosés und Bruts M und auch von Hannes Harkamp gelegt wurden.

Schauer, Burgundersekt 2013, 14,- Euro

foto: hersteller

Der Rare

Brut nature bedeutet, dass die Dosage weggelassen wurde, über die bei Sekt generell die Süße "eingestellt" wird. Diesem hier aus Pinot noir wurde auch das Hefelager aus der zweiten Vergärung belassen, weshalb Dekantieren ratsam ist. Es gibt gerade einmal 1000 Flaschen.

Gut Oggau, Brut nature rosé, 59,- Euro, Ab Hof

foto: hersteller

Sanfter Sturm

Alwin Jurtschitsch und Martin Arndorfer füllten Grünen Veltliner als gärenden Sturm in die Flasche, weil sie die Idee hatten, Sprudel ohne jegliche Zugaben, spontanvergoren, herzustellen. Prickelt sanft, riecht nach Veltliner und schmeckt extrafrisch.

Fuchs & Hase, Pet Nat 2012 Reserve, 17,50 Euro, www.jurtschitsch.com

foto: hersteller
  • Bei immer mehr heimischen Winzern zählen auch Schaumweine zu etablierten Produkten.
    foto: apa / barbara gindl

    Bei immer mehr heimischen Winzern zählen auch Schaumweine zu etablierten Produkten.

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