Wenn der "Ansturm" der "Asylanten" losbricht

13. November 2015, 14:10
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"Flüchtlingswelle" suggeriert Bedrohung, "Asylwerber" klingt nach Bittsteller, "Schwarzafrikaner" nach Kolonialzeit: Die Ausländerdebatte dreht sich auch um die Wortwahl. Nötige Sensibilisierung oder Tugendterror?

Wien – Die Schlagzeile klang nach Unheil und Bedrohung: "Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten – Ansturm der Armen" prangte in fetten Lettern auf der Titelseite, illustriert mit einem belagerten, fast vollen Boot. Panikmache eines reißerischen Boulevardblattes? Irrtum. Es war der hochseriöse Spiegel, der sein Cover mit dieser Headline zierte.

Zur Ehrenrettung des deutschen Magazins sei angemerkt: Die Ausgabe ist 24 Jahre alt. Damals stand "Asylant", einst ein harmloser Ausdruck, erst auf halbem Weg zum Schimpfwort. Unzählige Debatten über "Asylantenschwemme" und "Scheinasylanten" später ist der Begriff heute so stigmatisiert, dass ihn Medien und Politiker des Mainstreams in Österreich und Deutschland kaum mehr verwenden. Allenfalls die FPÖ wettert noch gegen die "Asylanten", was Alexander Pollak für gezieltes Kalkül hält. Das Wort unterscheide ja auch nicht, ob jemand Anspruch auf Asyl habe oder nicht, sagt der Sprecher von SOS Mitmensch: "Damit lässt sich Neid gegen alle schüren."

Metamorphose des Ausländers

"Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache", schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein, und diese ist in keiner anderen Debatte so volatil wie in jener über Flüchtlinge, Zuwanderer und Integration. Vom Gastarbeiter, der – wie das Wort suggeriert – (hoffentlich) bald wieder verschwindet, bis zum Menschen mit Migrationshintergrund hat der landläufige "Ausländer" eine komplizierte Metamorphose durchgemacht – was selbst über das rechte Lager hinaus bisweilen auf Unverständnis und Ärger über semantischen "Tugendterror" stößt. "Die Sprachdebatten wirken manchmal lächerlich", räumt Pollak ein, "doch um Political Correctness geht es dabei nicht, sondern um Respekt und Präzision."

Versklavter Mohr im Hemd

Dieser Anspruch stoße in der Praxis jedoch auf ein Problem, sagt Martin Haase, Sprachwissenschafter an der Universität Bamberg und Mitbetreiber eines "Neusprech"-Blogs: "Es gibt oft keine völlig neutralen Begriffe." Haase verweist auf die gängigen Alternativen zum verpönten Asylanten: Die Bezeichnungen Asylwerber (Österreich) und Asylbewerber (Deutschland) unterstellten, dass Asyl etwas wäre, um das man sich "wie um einen Job bewerben müsse"; tatsächlich handelt es sich aber um ein Grundrecht, das nicht von Gutdünken abhängt (siehe Lexikon unten). Selbst "Flüchtling" erregt in den Ohren mancher Sprachwächter Anstoß, habe doch das Gros der Wörter mit der Endung -ling einen negativen Beiklang.

Spitzfindigkeiten musste sich Simon Inou oft vorhalten lassen bei seinem Feldzug gegen das – wie er sagt – "M-Wort". Sauer aufgestoßen war dem aus Kamerun stammenden Journalisten eine süße Diskriminierung: Der hierzulande ins Hemd gesteckte "Mohr" ist für ihn nichts anderes als ein rassistisches Stereotyp, das für den "versklavten Afrikaner" steht. Der Mohr im Hemd sei mittlerweile von mancher Speisekarte verschwunden, erzählt Inou. Das Vorarlberger Mohrenbräu mit dem wulstlippigen Afrokopf als Logo gibt es hingegen immer noch.

Begriffe aus der Kolonialzeit

Erfolgreicher war, wenn auch nach jahrzehntelangem Kampf, die Kampagne gegen den "Neger", heute Unwort schlechthin. Allerdings lehnt die Mehrheit der afrikanischen Community auch die verbreitete Alternative Schwarzafrikaner ab – nicht nur weil der Begriff in der Kolonialzeit wurzelt. "Googeln Sie das Wort einmal", empfiehlt Inou, "Sie werden es zu einem Gutteil in Zusammenhang mit Kriminalität finden."

Als Ersatz nennt Inou "Afroösterreicher" oder schlicht "Schwarze". Schwieriger ist da schon die Bezeichnung des Gebietes: "Subsahara-Afrika" klingt sperrig und ist ebenfalls nicht unumstritten.

Militärische Metaphern

Grenzt das nicht an Wortklauberei? Was bringt die mühsame Suche nach dem korrekten Ausdruck? "Wir haben die Welt ja nicht vor uns und kleben ihr Etiketten auf", gibt Martin Wengeler, Professor für germanistische Linguistik an der Uni Trier, zu bedenken: "Vielmehr wird mit Sprache Wirklichkeit konstruiert. Die Wahl der Worte beeinflusst unser Denken." Wenn Medien in der Asyldebatte etwa von "Flut" oder "Wellen" berichteten, sei es kein Wunder, wenn Flüchtlinge vor allem als Bedrohung und Chaosstifter wahrgenommen würden. Das Gleiche gelte für militärische Metaphern wie "Ansturm" – ein Begriff, der auch in Artikeln des STANDARD auftaucht und in der Redaktion selbst heißumstritten ist.

Dass da eine selbsternannte Sprachpolizei Zustände beschönige, wenn nicht sogar Zensur ausübe, lässt Wengeler nicht gelten. Es sei ja schon ein Running Gag, dass jene, die ständig Sprechverbote beklagten, ihre Überzeugungen in Talkshows am lautesten herausschrien. Niemand hindere sie daran, sagt der Linguist: "Umgekehrt lasse ich mir aber auch nicht verbieten, eine menschenfreundliche, nichtdiskriminierende Sprache zu verwenden."(Gerald John, 13.11.2015)

LEXIKON

• Asylant Ab Beginn der Achtzigerjahre, als die Zahl der Asylsuchenden stieg, wurde der bis dahin eher neutrale Begriff abgewertet, sagt Linguist Martin Wengeler: Wortkreationen wie "Scheinasylant" oder "Asylantenflut" geisterten durch Medien und Politik, bis "Asylant" per se als Schimpfwort ins kollektive Bewusstsein einging.

• Asylwerber Häufigste Alternative zum Asylanten, jedoch irreführend: suggeriert, dass Asyl kein Grundrecht ist, sondern nach Gutdünken wie bei einem Vorstellungsgespräch vergeben wird. Ersatz sind Asylsuchender oder Asylantragsteller; an Letzterem ließe sich aber aussetzen, dass er Menschen auf einen Akt der Bürokratie reduziert.

• Flüchtling In der Nachkriegszeit von deutschen Vertriebenen als stigmatisierend empfunden, erfuhr der Begriff eine Rehabilitierung, so dass er heute auf weitreichende Akzeptanz stößt. Manche Sprachforscher haben dennoch Bedenken: Wörter mit der Endung -ling hätten in der Mehrzahl nicht nur einen negativen Touch, sondern implizierten auch ein Abhängigkeitsverhältnis ("Prüfling", "Zögling"). Alternative: Geflüchtete(r).

• Neger Leitet sich vom lateinischen Begriff für schwarz ab, wird aber spätestens ab dem 19. Jahrhundert abwertend gebraucht. Der Brockhaus von 1839 schreibt "dem Neger" etwa "Trägheit" als hervorstechenden Charakterzug zu.

• Schwarzafrikaner Weitverbreitet, aber abgelehnt von jenen, die so genannt werden. Die Bezeichnung wurzelt im Weltbild der Kolonialzeit, das dem weißen, zivilisierten, quasi europäischen Teil des Kontinents das schwarze – brutale, wilde und unzivilisierte – Afrika entgegenstellte. Akzeptierte Begriffe: Schwarzer, Afroösterreicher.

• Fremde Standardbegriff im österreichischen Juristendeutsch ("Fremdenrecht", "Fremdenpolizei"). Unterstellt Menschen, die mitunter seit vielen Jahren in Österreich leben, dass ihnen Land und Leute immer noch fremd seien.

  • Darf man angesichts solcher Bilder von einem "Ansturm" schreiben? Militärische Metaphern stempelten Flüchtlinge als Bedrohung ab, sagen Kritiker.
    foto: apa / scheriau

    Darf man angesichts solcher Bilder von einem "Ansturm" schreiben? Militärische Metaphern stempelten Flüchtlinge als Bedrohung ab, sagen Kritiker.

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