Eröffnung Buch Wien: "Die Bibliothek von einst wird körperlos"

12. November 2015, 10:57
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Schweizer Autor Adolf Muschg beklagte in Eröffnungsrede "neuen Analphabetismus mit professionellem Anstrich" – Hauptverbands-Chef Föger: "Buch als Fels in der Brandung und Leuchtturm zur Orientierung"

Wien – "Literatur ist grenzenlos" lautet das Motto der heurigen Buch Wien, der Schwerpunkt liegt auf der Verständigung zwischen den Kulturen. Und so spielte das Flüchtlingsthema am Mittwochabend nicht nur in der Eröffnungsrede des Schweizer Autors Adolf Muschg eine Rolle, sondern auch in den ausführlichen wie eindringlichen Begrüßungsworten von Benedikt Föger, Präsident des Buchhandels-Hauptverbands.

Föger erinnerte daran, dass "wir mit unseren Büchern und den Buchhandlungen im Zentrum der Gesellschaft stehen und unsere Verantwortung wahrnehmen und Stellung beziehen müssen. Ein Buch kann Fels in der Brandung und Leuchtturm zur Orientierung sein." Man müsse nicht alles tolerieren, "aber es ist unsere Aufgabe, Toleranz zu vermitteln". Föger erinnerte daran, dass die österreichische Literatur von Flucht und Migration "geprägt ist wie keine andere".

Nächstes Jahr: "Österreichischer Buchpreis"

Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) nützte seine Begrüßung, um auf Errungenschaften des vergangenen Jahres wie die Buchpreisbindung für E-Books oder die Novelle zum Urheberrecht sowie Erhöhungen bei der Anzahl von Literaturstipendien und die Ausweitung der Verlagsförderung zu verweisen. Besonders freue er sich, dass ab dem kommenden Jahr im Rahmen der Buch Wien ein "Österreichischer Buchpreis" verliehen werden wird, der entweder an österreichische Autoren oder Autoren in österreichischen Verlagen vergeben werden kann.

Mit einer Rede über das Lesen, die "Privatisierung der Schrift", die Zugänglichkeit von privaten Daten und die "Reduktion von Wirklichkeit auf Entweder-Oder-Verhältnisse" eröffnete Adolf Muschg die Messe, die bis zum 15. November dauert. Auch die Gründe für die Handlungsunfähigkeit in der Finanz- und Flüchtlingskrise sieht der 81-Jährige in einer "kurzschlüssigen Orthodoxie".

"Geschrieben wird mehr als je in der menschlichen Geschichte", begann der Büchner-Preisträger seine tief greifende Eröffnungsrede zum Zustand des Lesens (und Schreibens). Doch sei den "Lettern und Zahlen-Symbolen, die wir buchstäblich en passant anklicken, die Herkunft aus der materiellen Welt kaum mehr anzumerken".

Muschg: Neuer Analphabetismus

In Hinblick auf Finanzkrise, Griechenland-Dilemma und Flüchtlingsströme konstatierte der Schriftsteller: "Wenn die ökonomische Raison gestern keine Grenzen kannte, kann sie heute auch nicht mit Grenzen umgehen, anders gesagt: wer nur Zahlen lesen kann, liest auch sie nicht recht." Und weiter: "Es scheint, man kann des Schreibens mächtig werden ohne lesen zu lernen."

Der Übergang von der Kultur des Wortes in die Kultur der Zahl habe nicht die gewünschte Reduktion von Komplexität bewirkt, sondern "nur die Fähigkeit vermindert, mit ihr zivilisiert umzugehen, und viel eher einen neuen Analphabetismus mit professionellem Anstrich hervorgebracht".

Komme man gerade von einer Buchmesse, habe man zwar nicht den Eindruck, dass das Buch vom Aussterben bedroht sei. "Aber die Bedrohung des Buches rührt auch nicht von den neuen Medien her, sondern von der Erwartung, hier könne man etwas Zählbares schwarz auf weiß nach Hause zu tragen." Fest stehe: "Lesen, das heißt in fast jedem Fall: digital", so Muschg auch in Hinblick auf die zur Pflicht verkommenen Lektüre an den Universitäten, wo die erste Frage oft laute, ob dieses oder jenes Buch gelesen werden müsse. "Die Bibliothek von einst wird körperlos."

Lesen mache gegen Täuschungen immun

Einen Bogen vom Lesen zum Wissen und Nicht-Wissen sowie schließlich zum eigenen Schreiben schlug Muschg mit seiner "Parzival"-Lektüre, die Anfang der 1990er Jahre in seiner eigenen "Parzival"-Neudichtung namens "Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival" mündete, aus der der Autor schließlich zitierte. In den vorgestellten Auszügen arbeitete Muschg schließlich heraus, wie sehr es einem (eben nicht nur Parzival) zugute kommt, dass er Lesen gelernt hat – und somit gegen Täuschungen immun ist.

Bis zum 15. November wollen 300 Aussteller auf 8.800 Quadratmetern dafür sorgen, diese Vorgabe zu erfüllen. Begonnen wurde damit bereits im Anschluss an die Eröffnung mit der zum zweiten Mal stattfindenden "Langen Nacht der Bücher". Im Rahmen der internationalen Buchmesse locken 326 Veranstaltungen für Erwachsene und 126 Präsentationen für Kinder zu Einblicken in die Neuerscheinungen dieses Herbstes.

Adolf Muschg etwa wird seinen Roman "Die Japanische Tasche" vorstellen, Robert Misik liest aus seinem Buch "Was Linke denken", Valerie Fritsch präsentiert ihr Buch "Winters Garten", Rüdiger Safranski spricht über sein neues Buch "Zeit. Was sie mit uns macht". (APA, 12.11.2015)

Buch Wien, 12. bis 15. November, Halle D Messe Wien.

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