"War noch nie in meinem Leben so in Sorge"

11. November 2015, 17:30
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Der SPÖ-Bürgermeister der steirischen Grenzstadt Mureck, Toni Vukan, warnt vor einem "Spielfeld II" und ortet eine "politische Wende"

Mureck – "Ich war noch nie in meinem ganzen Leben so in Sorge wie jetzt. Menschen, die nicht bei uns an der Grenze wohnen, können das vielleicht nicht verstehen", sagt Toni Vukan.

Der ehemalige steirische SPÖ-Landesgeschäftsführer ist seit der Gemeinderatswahl im März Bürgermeister der südsteirischen Grenzstadt Mureck. Vukan hatte als "Roter" in der traditionell schwarzen Agrarregion mit seinem bodenständigen, konzilianten Naturell einen Erdrutschsieg gefeiert. Seit Monaten, seit tausende Flüchtlinge die südsteirische Grenze überqueren, ist für den neuen Murecker Bürgermeister Krisenintervention angesagt.

"Wer nicht hier lebt, weiß nicht, welche Stimmung zurzeit hier herrscht. Die Leute sind verunsichert, sie haben das Gefühl, alleingelassen zu werden. Aber nicht nur sie. Ich auch. Ich bekomme null Informationen von der Regierung. Ich kann auf viele Fragen einfach keine Antworten geben, was die Menschen hier natürlich unruhig macht", sagt Vukan im Gespräch mit dem STANDARD.

"Enttäuscht von der Politik"

In der Grenzregion sei "eine politische Wende im Gange, weg von den Regierungsparteien". Toni Vukan: "Man kann davon ausgehen, dass die Leute nicht mehr zurückkommen werden. Ich bin fest überzeugt, wenn am Sonntag Wahlen wären, hätte die FPÖ hier im Grenzgebiet die absolute Mehrheit."

Dafür trügen die beiden Regierungsparteien in Wien, SPÖ und ÖVP, die Verantwortung, weil sie in der Flüchtlingspolitik "keine Lösungskompetenz" zeigten. Die Bewohner an der Grenze seien "dermaßen enttäuscht von der Politik", weil die schwierige Lage sogar "zu einem kleinkarierten politischen Spiel genutzt wird". Und damit für Heinz-Christian Strache und seine FPÖ "Tür und Tor aufgemacht werden". Vukan: "Es ist unfassbar, was da passiert. Die Leute werden die SPÖ und ÖVP bei den nächsten Wahlen fürchterlich abstrafen."

Die Bundespolitiker hätten "die Pflicht, dafür zu sorgen, jenen, die hier wohnen, Schutz zu geben". Der Murecker Bürgermeister: "Es muss den Menschen, die unsere Hilfe brauchen, geholfen werden. Es ist aber auch eine andere Kernaufgabe des Staates und der Politik, die Bewohner zu schützen und die Sicherheit an der Grenze zu garantieren. Das ist derzeit nicht gegeben, und das macht den Menschen hier ganz einfach Angst."

"Dann gibt es einen Aufruhr"

Da sei nämlich dieses Schlüsselerlebnis gewesen, als sich tausende Flüchtlinge an den Grenzpolizisten vorbeigedrängt hätten und auch durch Privatgrundstücke marschiert seien. "Die Kinder konnten nicht von der Schule nach Hause fahren, weil kein Zug und kein Bus mehr gingen wegen der Menschenmassen. Das hat die Menschen hier nachhaltig verunsichert. Ich komme ja selbst aus einer Emigrantenfamilie, wir haben zu siebent in einem Zimmer gewohnt. Ich glaube, ich kann beide Seiten verstehen."

Das für ihn "Schlimmste": Ansässige Waffenhändler seien ausverkauft. "Ich hab erst gestern mit einem gesprochen, die müssen die Sachen nachbestellen", sagt Vukan. Was nicht in seinen Kopf wolle, seien die angeblichen Pläne seiner Parteifreunde in Wien, Mureck zu einem zweiten Spielfeld auszubauen. "Da haben einige nicht auf die Landkarte geschaut, das ist geografisch einfach nicht möglich, weil bei uns die Grenze gleich am Stadtrand beginnt und auf der slowenischen Seite kein Platz für große Menschenansammlungen vorhanden ist." Das sei, wie so vieles andere auch, "nicht durchdacht". Vukan: "Wenn das wirklich kommt, gibt es bei uns einen Aufruhr."

Außerdem habe er dieser Tage von der Rot-Kreuz-Leitung ein "flehentliches" SMS erhalten, er möge dafür sorgen, dass es zu keinem "Spielfeld II" in Mureck komme. Denn das Rote Kreuz sei mit den Einsatzkapazitäten am Ende und könne unmöglich noch einen "Hotspot Mureck" mitbetreuen. Vukan: "Ich bin so ein großer EU-Befürworter gewesen. Und jetzt muss ich das komplette Versagen Europas miterleben. Eine Tragödie." (Walter Müller, 11.11.2015)

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